«Ich habe den Durchbruch nie geschafft»
Mit 76 Jahren ist Max Rüdlinger endlich wieder in einer Hauptrolle zu sehen

Was macht ein Schauspieler, wenn er gerade nicht arbeitet? Der 76-Jährige taucht am liebsten in seine Bücher ein. Kommenden Frühling feiert er eine schöne Premiere, mit der er nicht mehr gerechnet hatte.
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Bester Hauptdarsteller? Der im Aargau lebende Schauspieler Max Rüdlinger kann kaum glauben, dass er als solcher kürzlich in Monaco ausgezeichnet wurde.
Foto: Philippe Rossier

Darum gehts

  • Max Rüdlinger (76) gewinnt 2025 in Monaco als bester Hauptdarsteller
  • «Plüss» von Regisseur Martin Albisetti kommt im April 2026 ins Kino
  • Rüdlinger besitzt Tausende Bücher und lebt in Menziken AG
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
Andrea Butorin (Text) und Philippe Rossier (Fotos), GlücksPost
Glückspost

Bücher. Sehr viele Bücher. Vom französischen Philosophen Michel Foucault (1926–1984) über den russischen Dissidenten Alexander Solschenizyn (1918–2008) bis zur britischen Krimiautorin Patricia Highsmith (1921–1995): Der Schweizer Schauspieler Max Rüdlinger (76) besitzt tausende Werke. Meist hat er keine Ahnung, wo sich was befindet. «Ich bin nicht wählerisch: Ich schnappe mir ein Buch und beginne zu lesen», sagt er bei sich zu Hause in Menziken AG. Lesen ist Rüdlingers Hauptbeschäftigung: Tagsüber schätzt er anspruchsvolle Literatur, abends darf es dann gerne ein Krimi sein.

Mit der Schauspielerei hatte er eigentlich abgeschlossen. Umso überraschender ist die Wendung, die seine Karriere nun wegen des Films «Plüss» des Bieler Regisseurs Martin Albisetti (53) nimmt: Rüdlinger hat schon fast vergessen, dass er darin die Hauptrolle gespielt hatte. Denn gedreht worden war bereits 2018, und seither war der Film unveröffentlicht geblieben. Im November 2025 wurde Rüdlinger für diesen Film am internationalen Filmfestival von Monaco zum besten Hauptdarsteller gekürt. «Ich wusste nichts davon und bin sehr überrascht», sagt er dazu. Im April kommt das Drama in die Schweizer Kinos. Es basiert auf dem Buch «Der Kollege» des Berner Schriftstellers Jörg Steiner (1930–2013) und erzählt die Geschichte des Stadtflaneurs Plüss, der demnächst ausgesteuert werden soll.

Stunk auf der Strasse gesucht

Scheitern, Misserfolge, Enttäuschungen: Kaum ein Schauspieler spricht so ehrlich über Negatives und so schonungslos über sich selbst wie Max Rüdlinger. Dabei hat er einen beachtlichen Palmarès an Filmrollen aufzuweisen. Bloss: Das meiste sind Nebenrollen. «Leider habe ich den Durchbruch nie geschafft. Obwohl es gut angefangen hatte.»

Als er zum Film kam, habe er sich als Star gesehen, «der mit allen Frauen dieser Welt im Champagner badet». Rüdlinger wurde rasch auf den Boden der Realität geholt. «Immerhin habe ich es in meinen besten Zeiten zu einem Image geschafft: Ich war der Griesgram der Nation.» Er spielte in «Strähl» einen Polizeichef oder in «Achtung, fertig, Charlie!» einen Offizier.

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Dieser Artikel wurde erstmals in der «GlücksPost» veröffentlicht. Mehr aus der Welt der Schweizer Prominenz, Royals und Sportstars erfährst du immer donnerstags in unserem Heft: zum Abo!

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«Wegen des Geldes musste ich Polizisten und Hauswarte spielen», sagt er lakonisch. Ausgerechnet er, der als junger Mann mit abgeschlossener Wirtschaftsmatura und «langweiligem» Bank-Job beschlossen hatte, Linksextremist zu werden. Um Soziologie zu studieren, ging er an die Universität Bern und geriet in den Trubel der wilden 70er-Jahre. Er sei kein Held gewesen, habe aber Stunk auf der Strasse gesucht.

Mit Polo Hofer gespielt

Dort gabelte ihn Clemens Klopfenstein (81) auf. Der Bieler Regisseur engagierte ihn für «E nachtlang Füürland». Es sollten zahlreiche gemeinsame Filme folgen. In einigen spielte Rüdlinger an der Seite von Mundartsänger Polo Hofer (1945–2017), etwa im preisgekrönten «Das Schweigen der Männer» von 1997. «Nie habe ich mich so sehr als Schauspieler gefühlt wie an Polos Seite», sagt er. Denn dieser habe schlecht gespielt und sich das Lächeln nicht verkneifen können.

Clemens Klopfenstein verdanke er seine Karriere als Schauspieler. Und auch seine kurze Ehe mit Sängerin und Schauspielerin Christine Lauterburg (69) geht auf die gemeinsamen Filme zurück. Als Lauterburg Rüdlinger verliess, fiel er in ein enormes Loch.

Midlife-Crisis überwunden

In seinen 40ern folgte die Midlife-Crisis. Rüdlinger beschloss, dieser davonzufahren. Als passionierter Läufer und Velofahrer fuhr er erst von daheim mit dem Velo bis kurz vor das Nordkap und später von San Francisco (USA) nach Costa Rica. Gern würde er davon spannende Geschichten erzählen, doch ausser dass er auf der Panamericana wegen sich kreuzenden Lastwagen hie und da in den Graben flüchten musste, sei ihm «leider nie etwas passiert».

Seine dritte grosse Krise erlebte Max Rüdlinger vor acht Jahren. Plötzlich litt er an einem Tinnitus. Er konnte deswegen nicht mehr lesen, und seine Tage wurden sehr lang. Er fand Hilfe: «Mein Psychiater sagte mir, dass ich nicht an einer Depression leide, sondern lediglich gekränkt sei. Das leuchtete mir ein und brachte mich wieder auf die Spur.»

Heiraten oder zusammenziehen?

«Heute geht es mir so gut wie nie zuvor», sagt Max Rüdlinger. Seit über 20 Jahren ist er glücklich mit der pensionierten Sozialpsychiatrie-Fachfrau Irene Lauper (68) liiert. «Einst wollte sie mich heiraten, aber das wollte ich nicht. Ich wollte zusammenziehen, aber das wollte sie nicht.» Lauper lebt nach wie vor in Zürich, während Rüdlinger nach 21 Jahren seine Zürcher Wohnung verlassen musste und nach Menziken AG zog, sodass das Paar nun eine Wochenendbeziehung führt.

Mit Umzügen kennt sich Max Rüdlinger aus: Aufgewachsen war er in Flums SG, mit den Eltern zog er nach Zug und später verschlug es ihn nach Bern, wo er vor den Jahren in Zürich lange gelebt hatte: Als Folge all dieser Ortswechsel habe er einen typischen «Bahnhofbuffet-Olten-Dialekt», wie er selbstironisch sagt.

AHV ist sein «erstes geregeltes Einkommen»

Einst hatte Max Rüdlinger medial auf seine finanziell prekäre Situation aufmerksam gemacht. Seit sechs Jahren empfängt er die AHV – «mein erstes geregeltes Einkommen überhaupt», sagt er. Ausserdem habe er das Glück gehabt zu erben. Auch in der Karriere gab es Lichtblicke: Seine letzte grosse Rolle war im Splatter-Film «Mad Heidi» von 2022. «Das hat Spass gemacht!»

Seine Tage verbringt er nicht nur mit Lesen, sondern auch mit Schreiben: Unter «Dies und das» fasst er Dinge zusammen, die ihm gefallen: gute Sätze, Geschichten. Er veröffentlichte 2007 seine Autobiografie und 2012 ein Reisebuch.

Alle zwei Wochen fährt er nach Chur, um einer handicapierten Frau vorzulesen. Freitags macht er Yoga, und seine wichtigste spirituelle Übung sei, dafür zu sorgen, dass sich sein Geist da befinde, wo die Füsse seien, also im Hier und Jetzt zu leben. Überraschungen nicht ausgeschlossen: Plötzlich ist Max Rüdlinger wieder ein Hauptdarsteller.

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