Hollywood-Star Paul Giamatti gesteht
«In Mathe war ich ein hoffnungsloser Fall – und bin es noch heute»

Am 25. Januar kommt der neue Film «The Holdover», in der Hauptrolle Paul Giamatti, in die Schweizer Kinos. Wie ihm seine Rolle gefällt und mit welchen Herausforderungen er zu kämpfen hatte während den Dreharbeiten, erzählt er in einem Interview.
Publiziert: 25.01.2024 um 19:09 Uhr
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Aktualisiert: 25.01.2024 um 19:12 Uhr
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Am 25. Januar 2024 kommt der US-amerikanische Spielfilm «The Holdover», in der Paul Giamatti die Hauptrolle spielt, in die Schweizer Kinos.
Patricia Danaher

Durch das Comedy-Drama «Sideways» ging 2004 sein Stern in Hollywood auf. Seither gilt Paul Giamatti (56) als einer der gefragtesten Schauspieler der Branche. Nach 20 Jahren wird er jetzt wieder in «The Holdover» mit dem «Sideways»-Regisseur Alexander Payne (62) vereint. Giamatti spielt einen mürrischen Lehrer mit Trinkproblemen, der sich widerwillig um einen Problemschüler kümmern muss. 

Blick: Ihre Filmfigur Paul Hunman ist vom Typ her wie Ihr zum Selbstmitleid neigende Schriftsteller aus «Sideways» – quasi nur 20 Jahre älter.
Paul Giamatti: Ehrlicherweise mag ich mich in «The Holdovers» um einiges mehr. Weil ich diesmal eindeutig mehr Rückgrat zeige, taffer bin und einen guten Sinn für Humor habe. 

Beide Filmfiguren verbindet, dass sie ein Alkoholproblem haben.
(lacht) Stimmt. Grundsätzlich ist es für mich als Schauspieler eine spannende körperliche und emotionale Herausforderung, einen Trinker zu spielen. Das trifft allgemein auf Filmfiguren zu, die sehr viel anders sind, als ich es bin.

Trinken Sie selbst Alkohol?
Nur gelegentlich. Was nicht heisst, dass ich in meinem Leben nicht schon einige Male blau war. Ich bin einfach nur kein Gewohnheitstrinker. 

Ihr Lehrer Paul hat seine festen Prinzipien, wegen derer er im Leben ständig den Kürzeren zu ziehen scheint. Trotzdem bleibt er immer ruhig und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen.
Äusserlich zumindest. Ich wäre an seiner Stelle schon öfter explodiert und könnte nicht cool bleiben. Wissen Sie, was ich am meisten an ihm mag? Dass er Dinge tut, die andere am liebsten auch tun würden – es sich aber nicht trauen. 

Zum Beispiel?
Zum Beispiel, dass er diesen elitären, teilweise auch rassistischen Arschlöchern von Schülern in seinem Internat die Hölle heiss macht. Er geniesst es, ein Ekel zu sein. Weil es ihm wirklich scheissegal ist, ob man ihn mag oder nicht. 

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Haben Sie persönliche Erfahrungen aus Ihrer Schulzeit mit in Ihre Rolle eingebaut?
Ja. Ich habe offenbar unbewusst den Schulbibliothekar von früher imitiert. Mir selbst ist das nicht aufgefallen, bis mich neulich ein alter Klassenkamerad angerufen hat. Er hatte den Film gesehen und meinte: «Unglaublich, wie du ihn so perfekt hinbekommen hast!»

Und Sie haben das nicht mit Absicht getan?
Ich hatte schon Jahrzehnte nicht mehr an diese Person gedacht. Im Nachhinein fiel mir ein, dass ich seinen Tonfall und Art zu sprechen imitiert habe. Dazu kam, dass der Schulbibliothekar genau wie ich im Film ein schielendes Auge hatte und ähnlich unmodische Kleidung getragen hat. Das hatte allerdings das Drehbuch so vorgeschrieben. Ein sehr merkwürdiger Zufall. 

Im Film werden Sie vom Ekel zum Mentor. Gab es einen Lehrer, der Ihr Leben verändert hat?
Die Schule war ein hartes Pflaster, und einige der Lehrer waren sehr schwierig. Es gab da einen Pauker in der 10. Klasse, der sehr nett zu mir war. Er hat Biologie unterrichtet, und ich habe ihn als eine Art Mentor angesehen. Ich würde nicht sagen, dass er mein Leben verändert hat, doch er hat mich schon geformt. Er war zwar nach aussen hin sehr sarkastisch, doch im Kern war er ein sehr guter, anständiger Mensch. Das zählt!

Waren Sie gut in der Schule?
Das kam darauf an. Wenn ich an einem Fach interessiert war, war ich sehr gut. Und wenn nicht, dann weniger. In Mathe war ich hoffnungslos schlecht. Das bin ich bis heute. Ich kann gerade mal an meinen Finger Sachen abzählen – und das mehr recht als schlecht! Ich weiss noch, dass ich vorm Mathetest Alpträume hatte.

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Der Film spielt vor dem Zeitalter des Internets und Social Media. Wäre es hart für Sie, nochmals in den 70er-Jahren leben zu müssen?
Dieser Gedanke klingt einfach fantastisch, wie ein Segen für mich. Ich hätte kein Problem damit, in die 70er-Jahre zurücktransportiert zu werden. Ich würde es einfach nur sehr geniessen. 

Warum hat der Film bei Kritikern und Zuschauern so eingeschlagen?
Weil man sich mit den Darstellern identifizieren kann, es sind wirkliche Menschen. Alles ist sehr realistisch. Wie Paul errichten viele Mauern um sich herum, um nicht verletzt zu werden. Dabei sehnt er sich am meisten nach persönlichen Beziehungen. Im Laufe des Filmes beginnt seine falsche Fassade zu bröckeln, und seine wahre Persönlichkeit kommt zum Vorschein. 

Sie spielen oft die Rolle des Griesgrams, obwohl Sie persönlich genau das Gegenteil davon sind. Warum bietet man Ihnen ständig solche Parts an – und vor allem, warum sagen Sie Ja dazu?
Vielleicht ziehe ich diese Rollen unbewusst an, ich weiss es nicht. Ich frage mich oft selbst «Habe ich vielleicht wirklich tief innen so viel Ärger und Wut in mir und weiss es nicht?» Ich sehe mich auf jeden Fall als eine Frohnatur. Wobei es hilft wahrscheinlich, dass ich auf der Leinwand eine Seite herauskehren kann, die ich nicht besitze. Zum Abreagieren (lacht).

Fahren Sie privat wirklich nie aus der Haut?
Es ist wirklich schwer, mich dazu zu bringen, wütend zu werden. Meine Explosionsschwelle ist sehr, sehr hoch.

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