Chefs haben Angestellte falsch zu Pilotprojekt informiert
Riesen-Wirrwarr bei der Post um Arbeitszeiten

Ein angebliches Pilotprojekt bringt Pöstler bei der Abendzustellung auf die Palme: Sie sollen neu täglich um 12 Uhr auf ihrer App nachschauen, wann ihr Arbeitsbeginn ist. Die Post gibt nun Fehler zu.
Publiziert: 08.04.2019 um 23:47 Uhr
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Aktualisiert: 09.04.2019 um 10:36 Uhr
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Ab 15. April werden Mitarbeiter der Paket-Abendzustellung nicht mehr im Voraus wissen, wann ihr Arbeitsbeginn ist. Diesen werden sie dann nämlich täglich erst um 12 Uhr in der Personal-App erfahren.
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Flavio Paolo RazzinoNachrichtenchef

In Mägenwil AG steht bei den Pöstlern der Abendzustellung ab Montag ein grosses Fragezeichen im Arbeitsplan. Sie werden dann täglich erst um 12 Uhr auf ihrer Post-App informiert, wie und wann sie noch am gleichen Tag bei der Distributionsbasis antraben müssen. Ein Glücksspiel. So kann es sein, dass die Post ihre Mitarbeiter mal auf 14.30 Uhr zum Dienst bestellt – und auch mal um 16.30 Uhr. So wurden die Mitarbeiter an einer Info-Veranstaltung Ende März instruiert.

Bis dato hatten die Pöstler den Arbeitsplan mit den unterschiedlichen Schichten zwei Wochen im Voraus erhalten. Eine Frist, die auch der Gesamtarbeitsvertrag der Post vorschreibt.

Die Mitarbeiter sind über die geplante Einführung des flexiblen Arbeitsbeginns empört und fühlen sich ausgebeutet. Die Post hingegen sprach von einem «Pilotprojekt» und keiner definitiven Einführung eines neuen Systems. Ausserdem könnten Mitarbeiter freiwillig entscheiden, ob sie daran teilnehmen möchten.

«Wir arbeiten seit Monaten auf Abruf»

Wie Pöstler Anton K.* und seine Arbeitskollegen allerdings gegenüber BLICK sagten, war von Freiwilligkeit nie die Rede. BLICK findet zudem in St. Gallen eine weitere Distributionsbasis der Post, bei der das vermeintliche Pilotprojekt ein Thema ist. Auch dort wurden die flexiblen Arbeitszeiten eingeführt. Das bestätigt ein St. Galler Pöstler gegenüber BLICK: «Wir arbeiten seit Monaten auf Abruf!»

Das St. Galler «Pilotprojekt» hat die Post am Samstag auf Anfrage noch verschwiegen. Sie sprach lediglich von den Distributionsbasen in Mägenwil und Basel. Gestern gibt sie kleinlaut zu: Auch in St. Gallen wird getestet. «Und zwar bereits seit einem Jahr», sagt Postsprecher François Furer.

Hinzu kommt: Auch den Pöstlern dort wurde dafür weder eine Vertragsänderung unterbreitet, noch die Zeit auf Abruf extra vergütet. Der Mitarbeiter dazu: «Wir wurden auch nie gefragt, ob wir das alles überhaupt wollen.»

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Mehr Minus-Stunden

Bei der Einführung des neuen Systems seien die Angestellten zudem unter Druck gesetzt worden. «Man sagte uns, dass diese Änderung dringend nötig sei, um die Produktivität zu steigern, sonst könne man die Arbeitsplätze nicht halten. Wer wagt es da noch, sich dagegen zu wehren?», so der Pöstler.

Für die Postgewerkschaft Syndicom ist klar: «Die flexiblen Arbeitszeiten wurden wohl aufgrund des Renditedrucks der nationalen Leitung regional eingeführt. Das heisst, die regionale Leitung hat deutlich am Ziel vorbeigeschossen und die nationale Leitung hat weggeschaut», so Mediensprecher Christian Capacoel.

Er fordert die Post deswegen dazu auf, «dieses Projekt unverzüglich zu stoppen und Transparenz zu schaffen. Denn gemäss aktuellem Stand müssen wir davon ausgehen, dass die Post die gesetzlichen Vorschriften nicht einhält.»

Post verspricht Besserung

Die Post räumt unterdessen Fehler ein. Etwa bei der Kommunikation mit den Mitarbeitern: «Es hätte von Beginn weg klar sein müssen, dass die Teilnahme am Pilotprojekt freiwillig ist. Wir klären derzeit ab, weshalb diese Information so nicht stattgefunden hat», sagt François Furer zu BLICK.

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Auf den Vorwurf von Syndicom angesprochen, beim Projekt nicht mit der Gewerkschaft zusammengearbeitet zu haben, verspricht die Post, «dass der Umgang mit diesen zeitlichen Anpassungen sowohl mit den Arbeitnehmenden als auch mit den Gewerkschaften in jedem Fall diskutiert und allenfalls vereinbart wird». Bei nationalen Pilotprojekten suche die Post immer das Gespräch mit den Gewerkschaften. «Es trifft indes zu, dass dies hier nicht getan wurde», so Furer.

Immerhin: In Mägenwil ist der Leitung anscheinend bewusst geworden, dass man so nicht arbeiten kann. Das Pilotprojekt wurde abgespeckt, wie Pöstler Anton K. bei einer eilig einberufenen Information gestern erfahren hat. «Wir hätten das alles ganz falsch verstanden, sagten sie uns», so K. zu BLICK. Anstatt des ursprünglich kommunizierten Systems werde der Arbeitsbeginn neu nur noch um plus/minus 30 Minuten variieren. Alles gut also? «Nein, auch so werden wir zu mehr Präsenzzeit verdonnert, was dem GAV klar widerspricht», sagt Pöstler K. dazu.

* Name der Redaktion bekannt

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