Psychologin über Stiefmütter
«Frauen sind eifersüchtig auf die Kinder»

«Man kann nicht erwarten, dass ich sie so liebe wie meine eigenen», sagt eine britische Mutter über ihre Stiefkinder. Psychologin Julia Onken (72) widerspricht: Wer den Stiefkindern kein «grundsätzliches Wohlwollen» entgegenbringen könne, müsse das therapieren lassen.
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Julia Onken ist Therapeutin, Psychologin und Autorin.
Von Alexa Scherrer

Julia Onken, kann eine Stiefmutter ihre Kinder lieben?
Das ist natürlich nicht unmöglich. Aber sie muss zuerst lernen, die Realität zu akzeptieren. Es gibt bereits Menschen im Herzen des Partners, die zu ihm gehören und die einen vorrangigen Platz einnehmen. Diese nicht anzunehmen, bedeutet, nur einen Teil des Partners zu wollen. Dass dies schiefgehen muss, leuchtet ein.

Reicht es also, die Stiefkinder zu akzeptieren, oder muss man sie lieben?
Akzeptanz ist nicht genug. Den Kindern gegenüber muss ein grundsätzliches Wohlwollen entwickelt werden. Wenn diese Lernleistung nicht erbracht werden kann: Finger ganz von einer solchen Beziehung lassen.

Mache ich etwas falsch, wenn ich meine Stiefkinder langfristig lästig finde?
Ja. Schafft man es nicht alleine, gehört die Problematik therapeutisch verarbeitet. Wer sich auf einen neuen Partner mit Anhang einlässt, muss wissen, dass dieser selbstverständlich dazugehört. Sich hinterher darüber zu beklagen, ist zu vergleichen mit jemandem, der einer behinderten Person im Rollstuhl vorwirft, nicht mit ihr tanzen gehen zu können.

Fällt es Stiefvätern leichter, ihre neuen Kinder gern zu haben?
Oft können sich Männer besser damit arrangieren und schneller einen unkomplizierten Umgang pflegen. Frauen ertragen es hingegen weniger, dass ihr Mann auch andere liebt, und sind eifersüchtig auf seine Kinder. Sie haben den Anspruch, über ihren Partner zu verfügen – auch über seine Vergangenheit.

Übertragen Frauen auch die Eifersucht auf die Ex-Partnerin auf ihr Stiefkind?
Die frühere Frau spielt eine grosse Rolle. Aber auch diese muss die neue Partnerin respektieren. Immerhin war sie vor ihr da. Eine Beziehung ist kein weisses Blatt Papier – gerade Frauen denken aber, sie hätten eine Carte Blanche und könnten ganz von vorne anfangen.

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