Momente des Glücks

Michael Merz

Man glaubte, alle Bilder von ihr zu kennen. Und dann lag da ein Schatz von noch nie gesehenen, noch nie publizierten Bildern vor uns. Ein Familienalbum aus den Tagen der Ehe mit Daniel Biasini. Entstanden 1977, dem Jahr der Geburt von Tochter Sarah. Sie zeigen eine unbeschwerte Romy Schneider auf der Höhe ihrer Schönheit und vielleicht auch ihres persönlichen Glücks

Von Michael Merz (Text)
Bild: ZVG (Henschel Verlag)


Die Dame, die an jenem Frühlingsmorgen in den 70er-Jahren durch die Räume von Grieder schlenderte, fiel niemandem besonders auf. Sie war nicht sehr gross, hatte ihr helles, schulterlanges Haar mit einem Seidenband im Nacken zusammengebunden, trug unter dem Mantel ein Paar Jeans und einen leichten Pullover. «Bon chic, bon genre», dachte sich Serge. «Eine gut gekleidete Dame aus der guten Gesellschaft.» Serge arbeitete seit einigen Tagen im Modehaus an der Zürcher Bahnhofstrasse als Make-up-Artist. Die Kosmetiklinie von Coco Chanel hatte ihn zu Promotion-Zwecken dort abgestellt. Nun schminkte er, wer immer sich ihm aus der Laufkundschaft des Hauses dazu anbot. Auch diese Dame. Und indem der junge Mann das Gesicht seiner Kundin mit Eyeliner, Wimperntusche und Fond de Teint zurechtmachte, überfiel es ihn plötzlich heiss: «Ich realisierte, dass ich Romy Schneider schminkte!»

Diese schien mit dem Resultat zufrieden, denn sie verlangte die Karte von Serge. Einige Wochen später schminkte der junge Schweizer den Star zum ersten Mal auf einem Filmset. Er wurde ihr persönlicher Make-up-Mann. Bis zu ihrem Tod.

Manchmal scheint mir diese Geschichte, wie ein Symbol für die Gestalt und das Leben jener Frau, die 1938 als Rosemarie Albach geboren wurde und als Romy Schneider Weltkarriere machte. Immer wieder erlebte sie Situationen, in denen ein fremder Mensch in ihr Leben trat und es zu etwas ganz anderem, Unerwartetem machte. Dass Romy Schneider dafür jeweils nicht nur mit Geld bar und teuer bezahlte, sondern zum Schluss eigentlich mit ihrem Leben, ist die Tragödie einer grossen Künstlerpersönlichkeit.

Doch beginnen wir ganz vorne. Damit, dass Rosemarie als erstes Kind eines berühmten Schauspieler-Ehepaars geboren wird. Ihr Vater, Wolf Albach-Retty, stammte aus einem alten Wiener Schauspielergeschlecht, die Mutter, Magda Schneider, aus einer Augsburger Spenglerfamilie. Beide hatten vor dem Krieg eine grosse Filmkarriere gemacht und sich nach dem Krieg auf getrennten Wegen beim Theater über Wasser gehalten. Viel Liebe kann deshalb im Leben der kleinen Rosemarie nicht gewesen sein; schon bald wird sie zur Erziehung in ein Kloster gesteckt. Den Vater sieht sie damals fast nur im Kino. Sie ist 13 Jahre alt und der Film beeindruckt die Tochter so sehr, dass sie ins Tagebuch notiert: «Ich muss auf jeden Fall einmal eine Schauspielerin werden. Ja! Ich muss!» Weil der Himmel solche Wünsche offenbar sofort erfüllt, finden wir die junge Rosemarie bereits ein Jahr später bei Probeaufnahmen für einen Film. Dieser heisst «Wenn der weisse Flieder wieder blüht». Sein Star ist Magda Schneider. Bis zur Premiere. Danach allerdings ist es die Tochter: Romy Schneider.

Jeder kennt von da an den Weg der jungen Deutschen aus Österreich. Erst war sie Königin Victoria in «Mädchenjahre einer Königin», dann die junge Elisabeth von Österreich, denn «Sissi» wird mit ihr gedreht. Der erste, quasi deutschsprachige Monumentalfilm nach dem Krieg. Und «Sissi» wird nicht nur ungeheuer erfolgreich, er macht Romy in Teil drei mit einer Million Deutsche Mark nicht nur zum höchstbezahlten Filmstar jener Zeit. Er macht sie auch zum ersten Mal so richtig unglücklich. Was nützen nämlich andere Filme, die das Fräulein Schneider sonst noch dreht, wenn sie das Filmpublikum nur noch als «Sissi» sehen will?! Und weil Magda inzwischen mit einem deutschen Grossgastronomen namens Herbert «Daddy» Blatzheim verheiratet ist, der nicht nur über Romys Geld bestimmt, sondern mit Magda auch über deren Karriere, bleibt ihr nur eines: die Flucht. Frankreich und ein junger Mann namens Alain Delon nehmen sie auf. Der junge Mann macht dort gerade Karriere und jene von Romy ist gerade zu Ende. Deutschland sieht zu und grollt. Pikiert nimmt ihr Publikum den nicht mehr jungfräulichen Zustand des Fräulein Schneider wahr und die Presse hat ein Fest, wenn immer neue Details aus dem überaus bunten und überaus exotischen Liebesleben des Paares bekannt werden. Ausserdem hat das Mädchen Rosemarie kaum etwas anderes zu tun, als auf jenen Filmsets herumzuhängen, auf denen Herr Delon gerade dreht. Und sie macht Bekanntschaft mit Champagner und Rotwein, noch mehr Rotwein, zu viel Champagner. Die beiden sollten sie von nun an ein ganzes Leben lang treu begleiten.

Aber das Unerwartete lässt auch dieses Mal nicht lange auf sich warten. Monsieur Delon, der nicht nur dem weiblichen, sondern auch dem eigenen Geschlecht in Zuneigung verfallen ist, dreht in Rom einen Film. Luchino Visconti ist dessen Regisseur und – wie das Leben so spielt – nicht nur väterlicher Freund seines Hauptdarstellers. Die Rivalin hat sich bei Visconti zu präsentieren. Die Ablehnung ist offensichtlich. Doch: Romy kämpft. Lässt sich nicht einfach als Dummchen abschieben. Gewinnt den Respekt des Rivalen. Zusammen mit Delon wird er sie bald danach dem Pariser Theaterpublikum in einem Renaissance-Drama präsentieren: «Schade, dass du eine Hure bist». Die Verbissenheit, mit der sich Romy Schneider, die keinerlei Bühnenerfahrung besitzt, zum Triumph dieses Abends durchboxt, wird zur Legende. Dieses totale Aufgehen in einer Rolle, diese absolute Identifikation, die Visconti von ihr verlangt, aus ihr herausquält und -quetscht, wird sie von nun an in allen ihren Filmen auszeichnen, quasi ihr Markenzeichen werden.

Dann, 1963, ist die Affäre Delon zu Ende. Ein Rosenstrauss, eine Karte. «Alles Gute, Alain.» Was tut Romy? Sie nimmt ihre Filmkarriere wieder auf und heiratet bald einen 14 Jahre älteren Mann. Harry Meyen, ein Schauspieler. Eine Berliner Lokalberühmtheit. Ein verheirateter Mann. Ein Halbjude, der im KZ sass. Für ihn gibt Schneider erst mal – einmal mehr – die Karriere auf. Sie bekommt ein Kind, David. Sie sagt: «Ich hab endlich ein Leben!» Dabei kann sie nicht kochen, und ihr Mann verlangt das doch von ihr. Auch ist er ungeheuer geizig und damit das genaue Gegenteil der verschwenderischen Romy. Sie bezahlt der Einfachheit wegen alles, was so ansteht. Sie zieht nach Berlin, obwohl ihr doch Paris viel mehr entsprechen würde. Sie wird depressiv und nimmt nun – eingeführt vom Gatten, der seit langem unter Depressionen und Angstzuständen leidet – Optalidon. Der Alkoholkonsum bleibt derselbe. Also einmal mehr kein Glück für Romy. Dann kommt aus Frankreich ein Anruf. Monsieur Delon dreht dort «La Piscine». Der Film handelt von zwei Frauen, zwei Männern und einem Toten. Wie sagt Romy nach Drehschluss? «Meine Lust am Filmen ist ungebrochen», und sie setzt ihre Karriere fort. Während die Karriere ihres Mannes auf Grund läuft. Und Romy in Berlin ihr wildes Liebesleben aus Pariser Zeiten wieder aufnimmt. Nicht mit ihrem Mann. Und von einem Haus in Paris träumt.

Dieses Haus wird sie bald haben. Auch weil sie auf einen Regisseur trifft, der Romy Schneider nicht nur als Schauspielerin wahrnimmt, sondern als Mitgestalterin, wenn es um die szenische Arbeit geht: den Franzosen Claude Sautet. Klar, dass auch er ihr Geliebter wird. Obwohl er doch verheiratet ist. Aber das passt inzwischen ganz natürlich in Romys Schema der Lebensbewältigung. Sie nimmt sich, was sie will, und öfter, was gerade da ist. Als ich in den 80er-Jahren Sautet darauf anspreche, sagte er nur: «Romy, c’était surtout le cinéma.» Romy, das war vor allem der Film. Und er fuhr fort: «Die Tragödie war, dass sie ihr wirkliches Leben bald nur noch vor der Kamera lebte. Sie war zu einem normalen Alltagsleben schlichtweg nicht fähig.»

Fünf Filme drehen die beiden zusammen. Sie bilden bis heute die Basis für den künstlerischen Ruhm der Schneider.

Sie trennt sich 1975 von Harry Meyen und gibt ihm die Hälfte ihres Vermögens, runde 1,4 Millionen DM. Und heiratet im gleichen Jahr ihren Sekretär Daniel Biasini. Er ist neun Jahre jünger. Sie wird schwanger und bekommt ein Mädchen, Sarah. Sie erträgt die kleineren und grösseren pekuniären und sexuellen Betrügereien ihres Mannes. Sie filmt. In manchen Jahren agiert sie in fünf Filmen! Sie hat Affären. Wen wunderts, bei ihrer Vergangenheit, dass diese inzwischen genauso Männer wie Frauen betreffen. Sie trinkt. Sie nimmt Antidepressiva. Als sich Harry Meyen 1979 umbringt, fährt sie nach Berlin zurück, um sein Begräbnis auszurichten. Sie meint, dass sie es dem gemeinsamen Sohn schuldig ist. Sie lässt sich noch einmal nackt fotografieren. Sie gibt Interviews, die Skandal machen. Sie muss sich eine Niere entfernen lassen. Am Krankenbett ein neuer Mann, Laurent Pétin. Sie hat ihn bei Dreharbeiten kennen gelernt. Sie zieht mit ihm zusammen. Es ist das Jahr 1981. Das Jahr, in dem sich ihr Sohn am Gartenzaun vor dem Haus von Biasini aufspiesst und stirbt.

Wie erträgt man dies alles? Indem man sich in Projekte stürzt. Ein neuer Film. Ein neues Haus. Eine weitere Abmagerungskur. Aber: kein Geld. Wo ist dieses nur geblieben? Weiss sie es? Weiss es ihr Schweizer Rechtsanwalt? Die Erben von Harry Meyen? Niemand will es wissen. Doch der französische Staat will Geld. Viel Geld.

Wie auf der Bühne, wenn Gott aus dem Theaterhimmel herabfährt und endgültige Lösungen für ein verzwicktes Stück möglich macht, gibt es darauf nur ein logisches Ende: den Tod. Romy Schneider stirbt in der Nacht vom 28. auf den 29. Mai 1982. Herzversagen. Sie liegt auf dem kleinen Friedhof von Boissy-sans-Avoir bei Paris begraben. Da, wo sie sich ein letztes Haus gekauft hatte. Auf dem Stein über ihrem Grab steht der Name ihres Sohnes: David Haubenstock. Darunter: Rosemarie Albach.

Alain Delon lässt zum Begräbnis einen sülzigen Brief schreiben, nennt sie darin nicht nur Puppele, sondern auch seine einzige Liebe. Natürlich verkauft er diesen Brief weltweit an die grossen Illustrierten. Daniel Biasini verklopft auch noch die letzten Privatfotos seiner ehemaligen Frau. Viele, die sie kaum gekannt haben, fühlen sich bemüssigt, über das Phänomen Romy Schneider ein Buch zu schreiben. Das Unglück der Romy Schneider verkauft sich auch noch Jahrzehnte nach ihrem Tod ausgezeichnet. Ihre Filme erzielen im Fernsehen grossartige Einschaltquoten. Die DVDs ihrer Filme verkaufen sich glänzend.

«Was macht denn einen Star aus?», hatte ich einmal den englischen Hoffotografen Sir Cecil Beaton gefragt. Seine Antwort: «Either the camera loves you. Or not!» Entweder die Kamera liebt dich, oder sie liebt dich eben nicht. Rosemarie Albach wurde vor der Kamera zu Romy Schneider. Und weil sie diese Maschine offensichtlich so vorbehaltlos liebte, liebte sie Romy ihrerseits zurück. Genauso vorbehaltlos. Das Leben hingegen?!

Nach ihrem Tod sprach ich mit Simone Signoret über das Phänomen Romy. Immerhin eine Frau, der man nicht nur eine lange Freundschaft, sondern sogar eine Liebschaft mit der Schneider nachsagte. «Wer war denn Romy?», fragte ich sie. Und sie antwortete mit ihrer rauchig-dunklen Stimme: «Une catastrophe! Sie verwechselte alles. Das Leben und den Film. Die Zuneigung und die Liebe. Die Wahrheit mit der Lüge.» Sie wartete einen Moment und sagte dann: «Mais … elle était merveilleuse.» Sie war wunderbar.

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