Eine Bluttat in der Schweiz und das albanische Gewohnheitsrecht
Bis dass der Mord uns scheidet

Eine vierfache Mutter in Dietikon ZH bezahlte Anfang Woche mit ihrem Leben dafür, dass 
sie sich von ihrem gewalttätigen Ehemann 
getrennt hatte. Täter und Opfer sind Albaner.
Publiziert: 31.08.2019 um 23:24 Uhr
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Aktualisiert: 08.09.2019 um 14:38 Uhr
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Dafina Eshrefi, SonntagsBlick-Redaktorin, hat Wurzeln im Kosovo und fordert: «Wir müssen uns der Brutalität gegen Frauen stellen – und dagegen ankämpfen!»
Dafina Eshrefi

Luiza († 34) schwieg lange. Über Jahre soll sie von ihrem Ehemann Ilir B.* (37) geschlagen, misshandelt und massiv unter Druck gesetzt worden sein: Wenn sie ihn verlasse, würde er ihre Eltern töten, drohte er.

Luiza schämte sich für ihre Situation. Oft gab sie sich selbst die Schuld. Sie blieb bei ihm – vielleicht würde er sich bessern. Schliesslich hatte er es ihr doch immer wieder versprochen.

Wie es in ihrem engsten Umfeld heisst, schmiss sie den Haushalt, kümmerte sich um die vier Kinder und war ihm eine «sehr gute Ehefrau». Ilir B. schlug trotzdem zu – wieder und immer wieder.

Luiza wurde auch in der neuen Wohnung mit dem Tod bedroht

Alle wussten, dass Ilir B. gewalttätig war. Die Familie, die Freunde, die Nachbarn, die Bekannten. Trotzdem konnte niemand Luiza helfen.

Vor einem Jahr gelang es ihr schliesslich aus eigener Kraft: Sie trennte sich von ihrem Peiniger. Endgültig. Es sollte endlich Ruhe einkehren in ihr Leben und das der gemeinsamen Kinder. B. erhielt Kontakt- und Rayonverbot. Luiza wollte die Kleinen vor dem gewalttätigen Ehemann schützen und bezog eine neue Wohnung in Dietikon ZH. Doch auch danach drohte er ihr mit dem Tod.

Luiza schwieg wieder. Jetzt schweigt sie für immer: Am Montag ermordete Ilir B. sie bestialisch in ihrer eigenen Wohnung. Luiza hatte Stich- und Schnittwunden am ganzen Körper. Dutzende Male muss B. auf sie eingestochen haben. Alles war voller Blut. Es heisst, er habe den anwesenden vierjährigen Sohn in eines der Zimmer gesperrt, bevor er die unfassbare Tat beging. Ilir B. war offensichtlich überzeugt: Luiza hat kein Anrecht auf ein Leben ohne ihn.

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Gewaltiges Problem

Es ist bereits der zweite Fall in wenigen Wochen, bei dem ein Albaner seine albanische Ehefrau ermordet. Der Grund? Beide wollten sich von ihren Ehemännern trennen.

Gewalt an Frauen gibt es überall auf der ganzen Welt, in allen Gesellschaftsschichten. Doch wir Albaner haben ein gewaltiges Problem, über das wir dringend sprechen sollten. Denn völlig unabhängig von Religion und Herkunft geistert ein altes Gewohnheitsrecht in den Köpfen vieler albanischer Männer, von dem sie die Legitimation ableiten, ihre Ehefrauen auch in der Öffentlichkeit zu demütigen, zu erniedrigen, zu schlagen – und sie unter Umständen sogar zu töten. Etwa bei Betrug.

Laut dem sogennannten «Kanun», dem Kanon des Lekë Dukagjini, eines Fürsten aus dem 15. Jahrhundert, dessen Ursprünge vermutlich aus vorrömischer Zeit stammen und das besonders in Nordalbanien verbreitet ist, stehen der Frau praktisch keine Rechte zu. Weder in der eigenen noch in der Familie des Ehemanns. Bei der traditionellen Hochzeit wird die Braut von ihrer Familie «gegeben», die des Mannes hingegen «nimmt» sie. Man spricht nie davon, einen Bräutigam zu «geben« oder zu «nehmen».

Fremde im eigenen Haus

Im Kanun wird die Frau als «Shakull» bezeichnet, als Schlauch, in dem Ware transportiert wird. Das heisst, sie dient dazu, die Kinder des Mannes auszutragen. Dennoch kann sie nie zu dessen Familie gehören, sie bleibt ein Leben lang eine Fremde im eigenen Haus.

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Lässt sie sich etwas zuschulden kommen, werden ihre Eltern zur Rechenschaft gezogen. Frauen lassen sich deshalb leicht unter Druck setzen.

Amnesty International warnt in ihrem 2006 erschienenen Bericht «Albanien: Gewalt an Frauen in der Familie», dass diese alten Traditionen ein Revival erleben und Gewalt gegen Frauen in der albanischen Gesellschaft breit akzeptiert ist – auch von Frauen selbst.

Versagen der Gesellschaft 

Luiza musste besonders grausam sterben, weil sie ein selbstbestimmtes Leben führen wollte. Doch die Gesellschaft in der Schweiz hat Luiza schon viel früher zum Tod verurteilt. Indem sie wegschaut, wenn eine Mutter nie zum Elterngespräch erscheint.

Wenn sie Schreie aus der Nachbarwohnung konsequent überhört. Die Gesellschaft hat jedes Mal versagt, wenn den betroffenen Frauen kein Glauben geschenkt wird, wenn ihre Anzeigen nicht professionell und konsequent ernst ge­nommen werden. Wir Albaner in der Schweiz hingegen haben als Community versagt, wenn wir uns der Brutalität gegen Frauen nicht stellen – und dagegen ankämpfen!

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* Name bekannt

Dafina Eshrefi ist SonntagsBlick-Redaktorin und hat Wurzeln im Kosovo.

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