Kommentar zum Kampf gegen Mobilfunkanlage
Berset fehlt die Antenne

Bundesrat Alain Berset (50) hat sich als Privatmann gegen den Bau einer Handy-Antenne an seinem Wohnort gewehrt. Mit Erfolg – und mit politischem Kollateralschaden. Ein Kommentar von Blick-Chefredaktor Andreas Dietrich.
Publiziert: 25.08.2022 um 20:17 Uhr
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Aktualisiert: 28.11.2022 um 17:40 Uhr
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Mast mit einer 4G-Antenne.
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Andreas DietrichChefredaktor Blick

Hurra, bei uns im Quartier wird eine Handy-Antenne aufgestellt! Das dürfte eine eher seltene Reaktion sein. Üblich ist: Zum Glück nicht bei mir!

Man kann es Alain Berset also nicht verübeln, dass er sich gegen die Gerätschaft vor seiner Haustür gewehrt hat. Als Privatmann darf er das, als Bürger ist es sein gutes Recht.

Es gibt ziemlich viele andere Bürgerinnen und Bürger, die dasselbe tun wie er, mit demselben guten Recht. Bloss: Ihr Protest bleibt in den allermeisten Fällen erfolglos. Ihnen wird beschieden, gesundheitliche Bedenken wegen Mobilfunkstrahlung seien unbegründet. Diese Ansicht, gestützt auf den Stand der Wissenschaft, vertreten das Bundesamt für Gesundheit (BAG) und andere Ämter seit Jahren.

Bersets Verbindung ist gestört

Und hier liegt das Problem von Alain Berset, dem Gesundheitsminister. Als politischer Vorgesetzter des BAG lässt er das Gegenteil verbreiten von dem, was er als Privatmann zum Bodigen eines Bauprojekts ins Feld führt. In seinem Brief an die Gemeinde schrieb er: «Elektromagnetische Wellen technologischer Herkunft, insbesondere jene, die von der Mobilfunktechnologie ausgehen, haben schädliche Auswirkungen auf Mensch und Tier.» Doch wissenschaftliche Erkenntnisse sind keine Opportunisten. Sie passen sich nicht an, wenn statt des Politikers Berset der Bürger Berset mit ihnen argumentiert.

Zwischen den beiden Bersets ist ganz offensichtlich die Verbindung gestört. Dem Bundesrat fehlt die Antenne, wo sein privates Verhalten ins Politische ausstrahlt.

Das Private ist politisch, oh ja!

Das ist bei seiner Privatfliegerei so, die man ihm gönnen mag – würde er in der Regierung nicht eine Partei vertreten, die bei Fluglärm und C02-Emissionen keinen Spass versteht. Das ist jetzt bei der Handy-Antenne so, wo man ihm sein verschontes Zuhause gönnen mag – würde er nicht die Glaubwürdigkeit seiner Gesundheitsbeamten untergraben und den fürs Land wichtigen 5G-Ausbau zusätzlich gefährden.

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«Das Private ist politisch.» Schon lange hat kein Sozialdemokrat mehr so tatkräftig bewiesen, wie recht die 68er hatten. Allerdings hat es auch kaum einer so hartnäckig ignoriert. Ob er das weiterhin tun kann, wenn er nun zum Kronzeugen der 5G-Gegner wird?

Da muss Alain Berset mit der Cessna schon sehr hoch fliegen, um den von ihm angerichteten Kollateralschaden im Land nicht zu sehen.

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