Zur Sache! Neue Non-Fiction-Bücher
Warum Tyrannen Schönheit hassen

«Gewiss können wir nicht ohne Brot leben», schrieb einst der russische Dichter Fjodor Dostojewski (1821–1881), «aber es ist ebenso unmöglich, ohne Schönheit zu leben.» Dieses Buch liefert den Beweis für diese Aussage.
Publiziert: 30.09.2023 um 16:59 Uhr
Schöne Kunst hilft: Ärzte in Kanada verschreiben Museumsbesuche gegen Depressionen.
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Daniel ArnetRedaktor Gesellschaft / Magazin

Ein Bauprojekt in meiner Nachbarschaft nennt sich zu Deutsch Erz. Und wie beim Tagbau ist mit einer riesigen Grube zu rechnen. Denn auf dem Stück Land steht jetzt noch ein schmuckes, gut hundertjähriges Dreifamilienwohnhaus mit Mansardendach und viel Rasenumschwung. Es fällt im Zuge der Verdichtung einer der üblichen und üblen Eigentumswohnschachteln für mehrere Partien zum Opfer, mit denen aktuell überall das Land zugebaut wird. Das ist nicht schön. 

«Wie kann es sein, dass Menschen sich so seelenlose Umgebungen bauen, in denen man kaum etwas findet, was durch Schönheit trösten kann», schreibt Gabriele von Arnim (76) in ihrem neuen Buch angesichts solcher Klotzbauten. Einem Architekten, der solch sinnenfeindliche Menschenbehälter entwerfe, sollte man verbieten, sich selbst ein Haus unter hohen Buchen am plätschernden Bach zu errichten, und ihn zwingen, selber in den Kerker einzuziehen oder direkt gegenüber, damit er jeden Tag darauf schauen müsse. 

«Der Trost der Schönheit» heisst das poetische Buch der deutschen Journalistin und Schriftstellerin – von 1998 bis 2009 gehörte sie zur Kritikerrunde des «Literaturclubs» im Schweizer Fernsehen. Nach ihrem Bestseller «Das Leben ist ein vorübergehender Zustand» (2021), in dem sie die zehn Pflegejahre ihres Mannes nach seinen Schlaganfällen bis zum Tod beschrieb, will sie mit dem Architekturbeispiel im neuen Bestseller zeigen: «Schönheit, ob trügerisch oder wahr, ist so vergänglich, so veränderlich, wie auch wir Menschen es sind.»

Angesichts der Hässlichkeiten auf der Erde – nicht nur durch Klotzbauten, sondern auch durch Krisen, Kriege und Klimawandel – schreibt von Arnim: «Ich brauche Schönheit. Den Trost der Schönheit. Denn wenn ich Schönheit sehe, höre, lese, spüre, dann glaube ich an Möglichkeiten, an Wege, Räume, Purzelbäume.» Schönheit komme in vielen Hüllen daher: in der Seele, in Gemälden, Geigenklängen und Amselgesängen, in der Liebe und in Freundschaften, in Worten und Sätzen, Gedanken und Gedichten. 

Schönheit ist kein Luxus, wir brauchen sie. Das erforschte der Neurobiologe Semir Zeki (82), Begründer und Inhaber des weltweit ersten Lehrstuhls für Neuroästhetik am University College London, an Hirnströmungen von Menschen. Und in Kanada verschreiben Ärzte Depressionspatienten Museumsbesuche, weil das Schöne in der Kunst die Gemüter besänftige, das Stresshormon Cortisol senke und das sogenannte Glückshormon Serotonin steigere.

Doch das Glück der Menschen ist nicht allen geheuer: «Genau dadurch wird Schönheit für ein politisches System gefährlich, das auf Unterdrückung gründet», schreibt von Arnim. «Tyrannen müssen Schönheit ausmerzen.» Und sie zitiert Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller (70), die über ihr Leben in Rumänien zur Zeit des Eisernen Vorhangs schreibt: «Die hässliche Gleichheit drückt aufs Gemüt, macht apathisch und anspruchslos, das wollte der Staat.» Denn Lebensfreude mache die Menschen spontan, also unberechenbar und gefährlich. 

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Gabriele von Arnim

«Der Trost der Schönheit – eine Suche», Rowohlt.

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«Der Trost der Schönheit – eine Suche», Rowohlt.

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