Zur Sache! Neue Non-Fiction-Bücher
Greifen Sie zur Gartenschaufel!

Schwerter zu Pflugscharen: Dieses Buch plädiert dafür, sich trotz allen Elends in dieser Welt am Schönen erfreuen zu dürfen.
Publiziert: 28.06.2022 um 13:14 Uhr
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Darf man sich angesichts des Weltelends an Rosen erfreuen?
ausgelesen von Dr. phil. Daniel Arnet

Rosenmonat heisst der Juni in Gärtnerkreisen, weil dann die Königin der Blumen allenthalben in voller Blüte steht. Auch in England, denn dort hat sie einen grossen symbolischen Stellenwert: Im 15. Jahrhundert führten die Häuser York und Lancaster die sogenannten Rosenkriege, danach kombinierte man die beiden Wappen zur Tudor-Rose im Wappen des Vereinigten Königreichs, und Elton John (75) verabschiedete Prinzessin Diana (1961–1997) mit dem Song «Goodbye England's Rose».

Und nicht wenige auf der Insel züchten die Blume seit jeher. «Im Jahr 1936 pflanzte ein Engländer Rosen», schreibt die US-amerikanische Essayistin Rebecca Solnit (61) in ihrem neuesten Buch, ein brillant geschriebenes Werk über «Rosen und Abgründe», wie «Der Spiegel» in einer Rezension titelte. Schliesslich ist der Herr, der vor 86 Jahren in der Erde wühlte, auch nicht irgendein Adliger, sondern der Verfasser der Stalinismus-Parabel «Farm der Tiere» (1945) und der Dystopie «1984» (1949): der Autor George Orwell (1903–1950).

«Orwells Rosen» heisst das Buch von Solnit, die spätestens mit dem Essay «Wenn Männer mir die Welt erklären» (2015) globalen Ruhm erlangte – auf diesen Text geht der Begriff «Mansplaining» (zu Deutsch: Herrklärung) zurück, der beschreibt, wie die Herren der Schöpfung den Frauen alles erklären wollen. Hier ist es umgekehrt: Hier klärt uns eine Frau über eine wenig bekannte Seite eines Mannes auf – die Rosenleidenschaft des Sozialisten, Soldaten und Schriftstellers George Orwell.

«Neben meiner eigentlichen Arbeit schätze ich am meisten die Gartenarbeit», liess sich Orwell 1940 für ein Schriftstellerverzeichnis zitieren. Und Solnit schreibt: «Seinen Garten in Wallington legte er zwischen zwei Reisen an.» Die erste ist eine Expedition in die Bergbau- und Fabrikgebiete Englands, wo er unmenschliche Bedingungen der Arbeiter aufdeckt; die zweite führt ihn Ende 1936 als Kämpfer auf republikanischer Seite in den Spanischen Bürgerkrieg. «Man kann beide Reisen als Reisen in den Krieg betrachten», so Solnit.

Ein Mann züchtet in einer konfliktreichen Zeit Rosen – ziemt sich das? Orwell entgegnet solchen Fragen seiner linken Freunde mit einer Gegenfrage: «Ist es sehr verwerflich, sich am Frühling und anderen Veränderungen der Jahreszeiten zu erfreuen? (…) Etwa wenn eine Amsel ihr Lied ertönen lässt oder eine Ulme sich im Herbst gelb färbt (…), das gratis ist, aber, wie Redakteure linker Zeitschriften sagen würden, nichts mit Klassenkampf zu tun hat?» Die Fragen sind rhetorisch, Orwell hat sich die Antworten längst gegeben.

Solnit zieht einen weiten Bogen von Orwells Leidenschaft und den Leiden der Arbeiterinnen in den heutigen Rosenfabriken in Kolumbien: Wie einst Orwell die Bergbaugebiete Englands bereiste, begibt sich Solnit am Schluss des Buchs nach Südamerika und berichtet von Frauen, die tagelang nur Rosen schneiden müssen und danach körperliche Beschwerden haben. «Orwells Rosen» ist letztlich ein Plädoyer dafür, selber Rosen anzupflanzen, denn, so Solnit: «Das Gegenteil von Krieg, falls es so etwas gibt, sind wohl Gärten.»

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Rebecca Solnit, «Orwells Rosen», Rowohlt

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