Milena Moser
Wettbewerb des Leidens

Beinahe hätte ich Ronny nicht wiedererkannt. Es war fast vier Jahre her, dass ich sie zuletzt gesehen hatte. Aber weil sie mich mit «Sorrygirl» ansprach, wusste ich, dass wir damals zur selben Selbsthilfegruppe gehört hatten.
Publiziert: 27.02.2023 um 08:52 Uhr
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Die Schriftstellerin Milena Moser (59) schreibt im SonntagsBlick Magazin über das Leben. Sie ist die Autorin mehrerer Bestseller. Ihr neustes Buch heisst «Mehr als ein Leben».
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Milena MoserSchriftstellerin

Meine damalige Therapeutin hatte mir die Gruppe empfohlen. Im Verlauf meines Lebens habe ich bestimmt fünf oder sechs Therapierunden absolviert, und jedes Mal bin ich mir ein Stück näher gekommen. Wenns nach mir ginge, würde Psychotherapie zur Grundausbildung gehören.

Damals haderte ich mit meiner Zerrissenheit zwischen meiner Hingabe an Victor, dem es zunehmend schlechter ging, und der Liebe zu meiner Familie und meinen Freunden in der Schweiz – und zu meiner Arbeit, die ebenfalls eine regelmässige Anwesenheit verlangte. Die Therapeutin nannte mich eine «Coda», abgekürzt für Co-Dependent, eine Mit-Abhängige also. Ich kannte den Begriff nur für Angehörige von Suchtkranken. Stellt sich heraus, er beschreibt jede Beziehung, in der sich die eine Person mehrheitlich über die Bedürfnisse der anderen definiert. Was schlicht nicht zu vermeiden ist, wenn diese andere Person schwer krank ist. Der Trick ist, dass man sich dabei nicht ganz verliert. Ich dachte, das sei mir gelungen. Meine Therapeutin war anderer Meinung. Und mein älterer Sohn hatte mich mehrmals darauf hingewiesen, dass ich die Frage, wie es mir gehe, automatisch nur noch mit einer Zusammenfassung von Victors Gesundheitszustand beantworte. Als gäbe es mich nicht ohne ihn. Wo verläuft die Grenze zwischen bedingungsloser Liebe und Abhängigkeit?

Als ich mich zum ersten Mal auf einen dieser unbequemen Plastikstühle in dem kleinen Konferenzraum setzte und den anderen zuhörte, fragte ich mich ernsthaft, was ich hier verloren hatte. Victor beanspruchte mich ja nur phasenweise als Pflegende, nicht ununterbrochen. Ich hatte viel mehr Freiheit, viel mehr Zeit für mich und meine eigene Arbeit als alle anderen Anwesenden. Das amerikanische Gesundheitswesen kennt keine Spitex. Auch die heiklen oder gar gefährlichen Aspekte der Pflege werden ganz selbstverständlich den Angehörigen aufgeladen. Kein Wunder, fühlte ich mich fehl am Platz. Als die Reihe an mir war, etwas über mich zu erzählen, sagte ich, ich gehöre nicht hierher, ich leide nicht genug, um meinen Platz hier zu rechtfertigen. «I'm sorry!» So kam ich zu meinem Spitznamen.

«Es gibt keinen Wettbewerb des Leidens», erklärte mir Ronny damals. «Es gibt keine Hierarchie der Bedürftigkeit.» Ein Gedanke, der mir bis heute nachgeht, der mir immer wieder in den Sinn kommt. Wie oft spielen wir unsere Probleme und Ängste herunter, weil es anderen noch viel schlechter geht? Wie oft schämen wir uns für unseren Schmerz? Wie oft wird uns gesagt, unsere Sorgen seien läppisch angesichts der Leiden der Welt und nicht erwähnenswert? Allerdings wurde mir so etwas nie von Betroffenen wie Ronny unter die Nase gerieben. Auch darüber denke ich oft nach.

Ronny und ich holen uns einen Kaffee und setzen uns auf eins der Bänkchen vor dem Supermarkt, in dem wir uns nach all den Jahren zufällig begegnet sind. Als sie mich auf den neusten Stand bringt (die meisten Gruppenmitglieder haben ihre Partner unterdessen verloren), überschwemmt mich wieder dieses alte Schuldgefühl. Victor lebt nicht nur, es geht ihm sogar deutlich besser als damals. Ronny sieht mir an, was in mir vorgeht, und hebt warnend den Zeigefinger. «Sag jetzt nicht, es tue dir leid, Sorrygirl!» Dann wird sie ernst. «Verstehst du denn nicht? Wir sind auf glückliche Geschichten angewiesen.»

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