Kolumne von Stefan Meierhans
Inflation tief, Portemonnaie leer – wie geht das zusammen?

«Die Inflation ist tief – aber mein Leben wird immer teurer.» Das höre ich häufig – und ich kann das gut nachvollziehen. Denn die Inflation zeigt «nur», wie sich die Durchschnittspreise entwickeln, nicht aber, was einzelne Haushalte tatsächlich bezahlen müssen.
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Viele Haushalte stöhnen wegen höheren Ausgaben – trotz tiefer Inflation.
Foto: Keystone

Darum gehts

  • LIK misst durchschnittliche Preisentwicklung, nicht individuelle Haushaltsrealität
  • Krankenkassenprämien und Mieten sind nur teilweise im LIK berücksichtigt
  • Der LIK enthält über tausend Güter und Dienstleistungen im Warenkorb
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Stefan MeierhansPreisüberwacher

Die Inflation wird hierzulande mit dem Landesindex der Konsumentenpreise (LIK) gemessen. Er zeigt, wie sich die Preise eines durchschnittlichen Warenkorbs entwickeln. Im Warenkorb sind über tausend Güter und Dienstleistungen, die wir regelmässig kaufen oder nutzen enthalten. Aber der LIK ist eben kein Haushaltsbudget. Er misst durchschnittliche Preisveränderungen und nicht, was eine einzelne Familie, ein Seniorenpaar oder eine Alleinerziehende am Monatsende effektiv an Ausgaben hat.

Die Lücke zwischen dem LIK und der Realität mancher Haushalte hat verschiedene Gründe. Zum einen sind einige grosse Haushaltsausgaben nur indirekt – zum Beispiel die Krankenkassenprämien – oder gar nicht im LIK enthalten – zum Beispiel Steuern, Alimente oder auch der Kaufpreis von Wohneigentum. Gerade bei den Krankenkassenprämien gibt es momentan einen (vermeintlichen) Widerspruch: Die Prämien steigen seit Jahren stark, aber die Medikamentenpreise, die in der LIK-Berechnung berücksichtigt werden, sind gesunken. Wie kann das sein? Die Preise sind eben nicht die einzigen prämienbestimmenden Komponenten – auch die verbrauchten Mengen der aktuellen sowie der neuen (meist teureren) Medikamente haben einen Einfluss darauf.

Ebenso trügerisch ist die Sache bei den Mieten. Der LIK berücksichtigt zwar die Mieten, aber er unterscheidet nicht zwischen Bestandsmieten und den deutlich höheren Neumieten. Wer umziehen muss, erlebt oft einen Kostensprung – der im Durchschnitt weniger sichtbar ist. Die Mieten sind auch ein sehr gutes Beispiel für regionale Unterschiede, die es natürlich ebenfalls gibt.

Durchschnittswerte sind immer eine Vereinfachung und können nur selten genau individuelle Situationen abbilden. Haushalte mit tiefem Einkommen geben einen viel grösseren Teil ihres Budgets für Miete, Krankenkasse und Lebensmittel aus. Steigen diese Preise, trifft sie das besonders hart, weil sparen oder ausweichen oft nicht möglich ist.

Nicht vergessen werden sollte, dass unsere Wahrnehmung ebenfalls eine Rolle spielt. Preisaufschläge bei häufig gekauften Produkten bleiben besser im Gedächtnis als Preissenkungen. So entsteht schnell der Eindruck, dass «alles teurer wird», auch wenn der Durchschnitt etwas anderes zeigt.

Der LIK ist und bleibt ein wichtiges Instrument für die Wirtschaft. Aber er zeigt nicht die individuelle Realität eines Schweizer Haushalts, sondern «nur» die durchschnittliche Preisentwicklung. Die Unterschiede in den Ausgaben einer sechsköpfigen Familie im Vergleich zu einem Single-Haushalt, zwischen der Miete in einer urbanen Metropole und in einem Berggebiet, zwischen den Gewohnheiten der einzelnen Haushalte kann er nicht nachzeichnen. Eine einzige Formel kann dieser Vielfalt nicht gerecht werden. Wir werden trotzdem nach Wegen suchen, die die Ausgabenentwicklung besser sichtbar machen kann.

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