Kolumne «Abgeklärt & aufgeklärt» über Medienstress und Stressmedien
Der Horizont in der Hosentasche

Die Welt da draussen ist zu einem virtuellen Film geworden. Statt in der Wildnis suchen wir die Gefahren auf dem Handydisplay. Die Medien machen mit und stressen uns, weil wir eben gestresst werden wollen.
Publiziert: 07.07.2023 um 13:46 Uhr
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René ScheuPhilosoph und Geschäftsführer des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP)

Als wir noch in der Wildnis lebten, haben wir ängstlich den Horizont beobachtet. Wir wollten wissen, ob es ein Löwe auf uns abgesehen hat. Heute tragen wir den Horizont in der Hosentasche. Er ist zur digitalen Schnittstelle geschrumpft, die wir täglich geschätzte 200 Mal hervorkramen. Die Welt da draussen ist zu einem virtuellen Film geworden – der kleine Bildschirm ist das Wirkliche, das unsere Aufmerksamkeit absorbiert. Und noch immer halten wir Ausschau nach Gefahren: Wir suchen auf dem Bildschirm den Themen-Stress.

Unterdrückung. Ausbeutung. Unfälle aller Art. Verbrechen. Klima-Apokalypse. Der Untergang der Welt, das Erstarken des Bösen. Warum tun wir uns das freiwillig an?

Der deutsche Denker Peter Sloterdijk hat die passende Theorie zum Medienzeitalter formuliert. Moderne Medien informieren nicht primär, sondern sie produzieren Stress. Sie unterbreiten dem Publikum eine Palette von Erregungsvorschlägen, aus denen es wählt. Erst durch die Stressierung entsteht so etwas wie der thematische Zusammenhang und damit der Zusammenhalt einer modernen individualisierten Grossgesellschaft.

Natürlich klagen die Gesellschaften wiederum in den Medien ständig über den Stress, dem sie ausgesetzt sind. Doch sie bedürfen seiner zugleich, um überhaupt zu funktionieren. Sie sind auf die Medienmacher angewiesen, die modernen Stress-Erzeuger. In Sloterdijks Worten: «Manchmal kann der Journalist selber als Erreger erfolgreich sein, wenn er als erster ein Thema lanciert, aber vom Berufsbild her ist er überwiegend Mitschwimmer in Erregungswelten.»

Die Pointe von Sloterdijks Medientheorie ist doppelter Art: Erstens hat der Themen-Stress, der eine Gesellschaft in den Erregungszustand versetzt, eine kohärenzbildende Funktion. Und zweitens formen Medien ein System, das zur Selbstbezogenheit neigt. Sie berichten nicht primär über das, was ist, sondern über das, worüber andere berichten. Die Themen-Erreger beobachten sich ständig argwöhnisch. Deshalb schreiben alle gleich über das Gleiche. Und aus demselben Grund führen sie Phantomdebatten, die vor allem sie selbst und die ihnen wesensverwandten Politiker interessieren.

Normale Mediennutzer staunen über die Gleichförmigkeit der Berichterstattung. Aber es gibt keinen grossen Themen-Masterplan, der von einem Mastermind orchestriert wird. Es gibt nur eine Medienblase, in der sich alle argwöhnisch beobachten. Die Medienmacher stressen uns, weil wir gestresst werden wollen. Der Themen-Stress produziert eine gestresste Gesellschaft. Also überhaupt eine Gesellschaft, die sonst keine wäre. Tja.

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René Scheu ist Philosoph und Geschäftsführer des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) in Luzern. Er schreibt jeden zweiten Montag im Blick.

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