Gastkommentar von Carolina Müller-Möhl
Bekenntnis zum Leben auf Augenhöhe

40 Prozent aller Ehen in der Schweiz werden geschieden. Warum also wird Individualbesteuerung als Angriff auf die Ehe dargestellt?
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Unternehmerin: Carolina Müller-Möhl.
Foto: Anne Gabriel-Juergens

Vier von zehn Ehen in der Schweiz enden in einer Scheidung. Das ist keine Provokation, sondern eine statistische Realität. Wer heute politische Entscheidungen trifft, sollte diese Realität ernst nehmen, auch im Steuerrecht.

Trotzdem argumentieren Gegner der Individualbesteuerung, sie sei ein Angriff auf die Ehe. Das Gegenteil ist der Fall. Individualbesteuerung ist ein Bekenntnis zu einem Leben auf Augenhöhe.

Auch verheiratete Menschen bleiben Individuen. Mit eigener Identität, eigener Verantwortung und eigenen finanziellen Entscheidungen. Partnerschaft bedeutet Nähe, Vertrauen und gemeinsame Planung, nicht die Aufgabe der eigenen wirtschaftlichen Eigenständigkeit. Man kann gemeinsam über Geld sprechen und dennoch steuerlich als eigenständige Person behandelt werden.

Das heutige System der gemeinsamen Besteuerung beruht auf einem überholten Familienbild: eine wirtschaftliche Einheit, ein Hauptverdiener, ein Zweiteinkommen. In einer modernen Gesellschaft mit vielfältigen Lebensläufen passt dieses Modell immer weniger. Es verzerrt Entscheidungen über Arbeit, Karriere und Vorsorge und betrifft in der Praxis besonders häufig Frauen, deren Erwerbsarbeit noch immer öfter als Zweiteinkommen gilt.

Wenn Einkommen zusammengerechnet werden, lohnt sich zusätzliche Arbeit beim Zweiteinkommen oft weniger. Das beeinflusst reale Entscheidungen. Individualbesteuerung korrigiert diesen Fehlanreiz und stärkt finanzielle Eigenständigkeit und damit auch die Notwendigkeit, Finanzwissen ernst zu nehmen. Wer individuell besteuert wird, muss sich mit dem eigenen Einkommen, der eigenen Vorsorge und den eigenen Entscheidungen auseinandersetzen!

Auch verteilungspolitisch ist die Reform transparent. Der Bundesrat zeigt klar auf: Rund 50 Prozent der Steuerzahlenden würden profitieren, bei etwa 30 Prozent bliebe die Belastung gleich, eine Minderheit würde mehr bezahlen. Gleichzeitig verschwindet ein zentrales Problem des heutigen Systems: die Heiratsstrafe. Der Staat hört auf, Lebensmodelle steuerlich zu belohnen oder zu bestrafen.

Individualbesteuerung ist kein Angriff auf die Ehe. Sie ist ein Ausdruck von Respekt gegenüber erwachsenen Menschen, die Verantwortung für ihr Leben übernehmen: finanziell wie persönlich. Eine Ehe auf Augenhöhe braucht keine steuerliche Bevormundung, sondern Fairness, Transparenz und Finanzkompetenz.

Am 8. März 2026 hat die Schweiz die Chance, ihr Steuersystem an die gesellschaftliche Realität anzupassen. Nicht gegen die Ehe, sondern für Selbstverantwortung, Augenhöhe und gelebtes Finanzwissen.

Carolina Müller-Möhl (57) ist eine Schweizer Investorin und Philanthropin.
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