Wie soll «der Service public» in Zukunft aussehen? Oder: Wie viel Service public braucht die Schweiz? Das fragt der Zürcher «Tages-Anzeiger». Er fragt nicht: Wie viel Service public braucht Zürich?
Der «Tages-Anzeiger» stellt diese Frage zu Recht nicht. Denn er selbst ist kein Service public – er ist eine Tageszeitung mit einer Redaktion, mit Journalisten, die tagaus, tagein für ihre Leser schreiben. Leser? Ja, Leser, nicht User, nicht Käufer, nicht Kunden – Bürgerinnen und Bürger, die das tägliche Geschehen in guter sprachlicher Gestaltung erfahren, sogar geniessen möchten – beim Frühstück zu Hause, beim Cappuccino im Café.
Wie altmodisch das alles klingt in Zeiten der Klicks!
Weshalb fragt der stolze «Tages-Anzeiger» nach Sinn und Notwendigkeit des Service public, wenn er die Schweizeri-sche Radio- und Fernsehgesellschaft meint? Ist die SRG nicht ein Medienhaus wie Tamedia: Heimstatt des Journalismus in all seinen Erscheinungsformen, von Unterhaltung bis Kultur, von Sport bis Politik? Der Begriff Service public, also eines «öffentlichen Dienstleistungsangebots», entfremdet die SRG von dem, was sie tut: die Gesellschaft widerspiegeln durch Sprache, durch Mikrofon und Kamera – durch journalistisches Handwerk.
Die SRG ist der grösste Sender der Schweiz: der umfassendste. Für die vier Sprachkulturen arbeiten vier Grossredaktionen. Zu gross für die Rätoromanen? Zu luxuriös für das Tessin? Zu aufwendig für die Suisse romande?
Zu übermächtig für die kleine Schweiz?
Die SRG macht die Schweiz gross: durch Journalismus von internationaler Qualität, durch Bildschirm- und Radiopersönlichkeiten, die Schweizer Kultur verkörpern, durch Namen von nationaler Bedeutung und Beliebtheit – durch Schweizer, die mit ihrem Handwerk Schweizer Geschichte festhalten. Man denke nur an einige SRG-Legenden der unterschiedlichsten Sparten: die politischen Berichterstatter und Analytiker Heiner Gautschy, Hans O. Staub, Alfred Defago, Roman Brodmann; die exzellenten Unterhalter Kurt Felix, Heidi Abel, Mäni Weber, Kurt Aeschbacher; die klugen Köpfe in Wissenschaft, Sport und Kultur Werner Wollenberger, Bruno Stanek, Karl Erb. Viele weitere wären zu nennen.
Schweizer Namen, SRG-Namen – geliebt und gescholten.
Denn das gehört dazu: die Kritik an den Journalisten der SRG, oft handwerklich begründet,oft aus Ärger über eine Meinung, die dem Kritiker nicht passt.
Kultur und Kunst werden von der SRG ins Wohnzimmer gesendet: Hörspiele, Konzerte, Ausstellungen, Filme – das kulturelle Leben der Schweiz. Es blüht nicht zuletzt dank Fernsehen und Radio.
All das ist unendlich viel mehr als eine Dienstleistung, als ein Service public. All das ist die Schweiz selbst.
Die Schweiz leistet sich die Schweiz!
Nun sollen über ein Volksbegehren die jährlichen Gebühren für die SRG von 335 Franken auf 200 Franken gesenkt werden. Stimmen die Bürgerinnen und Bürger der Forderung zu, müssen die medialen Leistungen massiv eingeschränkt werden. Ein Rechtsaussen aus dem Geldgeschäft begründet seine Unterstützung der Initiative damit, die SRG habe ein «Linksproblem». Und wenn es so wäre? Zerstört man einen Verlag, weil einem dessen Journalisten ideologisch nicht in den Kram passen?
Die Annahme der Volksinitiative wäre die Zerstörung des Schweizer Journalismus in Fernsehen und Radio. Die Schweiz-Zerstörer haben sich in einer respektablen Partei eingenistet – sie haben die SVP gekapert.
Dabei arbeiten die SRG-Journalisten auch für sie, denn sie arbeiten für alle, zur Freude der einen, zum Ärger der andern – und umgekehrt.
Zum Wohle der Schweiz.