Sie fehlen an allen Ecken und Enden: gut ausgebildete Fachkräfte, also Berufsleute, die eine Lehre hinter sich haben. Dagmar Jenni, Direktorin des Branchenverbandes Swiss Retail Federation, nannte in der «Neuen Zürcher Zeitung» jüngst den Grund dafür: «Viele Eltern schämen sich, wenn ihre Kinder eine Lehre im Verkauf machen.» Scham, weil der Sohn, weil die Tochter eine Lehre macht – nur eine Lehre?
Zugleich bekunden mehr und mehr Universitätsabsolventen Mühe, eine Arbeitsstelle zu finden. Manche bleiben sogar arbeitslos, vor allem ratlos. Sie fragen sich, warum denn ihr Studium, auf das die Eltern doch so stolz sind, nicht zu einem gut bezahlten Job führt.
Hat der Mangel an Arbeitsplätzen für Akademiker möglicherweise etwas zu tun mit dem Mangel an Berufsleuten?
Es sind die beiden Seiten derselben Medaille: Zu viele junge Leute besuchen die Universität, zu wenige wählen die Berufsschule. Die Entwicklung begann mit der Revolte der 68er: Die Dutschke-Generation kämpfte für die Demokratisierung des Studiums – auch Arbeiterkinder sollten endlich freien Zugang zur Hochschule bekommen.
Es war ein Klassenkampf von Kindern der ersten wohlhabenden Nachkriegsgeneration: die «Weltrevolution» an den Universitäten, finanziert von Papa und Mama. Sie führte zum Aufstieg der Arbeiterklasse von der Werkbank in den Hörsaal. Ein Erfolg der Kinder-Elite, die ihr Revoluzzertum ganz den Lehren von Marx und Adorno widmete, den beiden Universitätsheiligen der Sechzigerjahre.
Die Ideologie der 68er verfestigte sich zur Religion einer Studentenkaste – deren Auswirkungen sind noch drei Generationen später zu besichtigen: Die elitären Bürgerkinder zeugten elitäre Bürgerkinder, die ihrerseits elitäre Bürgerkinder in eine unheile Welt setzten.
Heute zählen die Grossväter und die Urgrossmütter auf ihre Enkel und Urenkelinnen im Kampf fürs Gleichheitsparadies. Ihre Kinder und Enkel sollen vollenden, was ihnen selbst noch nicht gelungen war: eine universitär gesteuerte Revolution auf dem Umweg über die kulturelle Hegemonie, ergänzt durch den absolut gesetzten Glauben an die Apokalypse in Gestalt der Klimakatastrophe.
Dieses Denksystem ist als Erziehungs-Totalitarismus angelegt: von der Ächtung des Autos und des Flugzeugs übers Fleischverbot bis zur Gender-Grammatik – vom korrekten Fortbewegen übers korrekte Essen bis hin zum korrekten Sprachgebrauch.
Die da oben bringen denen dort unten bei, wie sie zu denken und zu leben haben. Da es der herrschenden Klasse nun mal zusteht, belehren die Studierten den Facharbeiter – wie einst die kommunistische Partei das Proletariat.
Was soll da noch eine Lehre im Verkauf? Oder als Handwerker? Was soll überhaupt eine Ausbildung an der Berufsschule?
Die Universität als höchstes erreichbares Ziel – das ist seit den Unruhen im 68er-Kindergarten selbstverständlich. Und die historische Quelle des aktuellen Problems, von Fachkräftemangel und Studiertenüberschuss.
Wo soll man die Politologen, die Genderologen, die Soziologen und all die anderen Ologen aus neu geschaffenen Studiengängen unterbringen – nicht zu reden von denen, die unterwegs auf den Bänken der Alma Mater gescheitert sind?
Die Genossen der Uni-Oberklasse werden Professoren, Parteipräsidenten, Publizisten, Politiker, Parlamentarier, Richter, Staatssekretäre, Staatsfunktionäre, Staatsanwälte oder Anführer von NGOs, dem idealen Versorgungsvehikel für die unzähligen Erziehungsbeauftragten der neuen Herrschaftsklasse.
Und wo sind die Berufsleute in Parteiführungen, in Parlamenten, in Publikationen? Handwerker in den Führungsgremien der Sozialdemokratie oder bei den Grünen?
Dort werden Handwerker wahrgenommen als Dienstleister, wenn im Haushalt etwas nicht mehr funktioniert – als Zudiener der Konsumwelt, Empfänger von Trinkgeld, anonyme Kräfte irgendwo im Maschinenraum der Wirtschaft. Dabei sind sie ausgebildete Angestellte. Alle haben sie einen Beruf erlernt – «nur» einen Beruf.
Sie fehlen.