Da nun alle alles über den Unsäglichen gesagt haben, soll hier die Rede sein vom Ort, den der Weltschwätzer in dieser Woche für seine grosse Show auserkoren hatte: Davos – das Weltwirtschaftsforum (WEF).
Es ist das alljährliche Winterereignis, das dem kleinen Alpenland Schweiz eine Woche lang die Aura einer Weltbühne verleiht – weltpolitisch abstinent das Jahr über, globaler Treffpunkt im Januar.
In der höchstgelegenen Stadt Europas wird dann politischen Weltgrössen gehuldigt – von ökonomischen Augenblicksgrössen, die mit ihrem Zutrittsobolus das Stelldichein Januar für Januar erwartungsgespannt bereichern und bevölkern.
Es ist ein sinnsuchendes Völklein, das seit 55 Jahren dem Gründervater des World Economic Forum ins Gebirge folgt. Diesmal ohne den Rufer aus der Schneewüste dort anzutreffen, weil er durch Jüngere, ebenfalls im Patriarchenalter, aus dem Amt gedrängt worden ist.
Wie geht es weiter ohne Klaus Schwab?
Aus der Finanzwelt wird der Wunsch laut, die Prozession für das Bessere und gegen das Schlechtere künftig an einem anderen Ort abzuhalten: im Tiefland natürlich, vorzugsweise in einer Weltstadt – auf jeden Fall sollte es dort nicht schneien.
Die marketingbewusste Schweiz sieht einer Zukunft ohne das WEF mit Schrecken entgegen: Die Davoser Dating-Woche gehört einfach zu den Höhepunkten des helvetischen Jahres – wie Weihnachten, wie Ostern, wie der Nationalfeiertag am 1. August. Seit je erfüllen die Eidgenossen bereits im Kindesalter ihre patriotische Pflicht, auf Davoser Holzschlitten die Hänge hinunterzurutschen.
Und jetzt das: auf den heiligen Gross-Event 1560 Meter über Meer verzichten? Das geht gar nicht.
Auf keinen Fall kann jemand Klaus Schwabs Lebenswerk anderswo auf der Welt ins Werk setzen! Der hochnäsig-sympathische Schweiz-Versteher wusste nämlich sehr genau, weshalb er für seine Gründung auf Davos verfiel und das Abseits zum Zentrum machte – zu seinem Zentrum. Was wäre ein Schwab in New York? Einer von vielen. Unvorstellbar.
Da wäre zum Beispiel Larry Fink, gegenwärtig Amtsverweser des weggemobbten WEF-Gründers, im Hauptberuf Big Boss von Blackrock, der amerikanischen Investmentgesellschaft mit Sitz in New York, dessen Einfallsreichtum keine Grenzen kennt: Sein WEF, so wirft er in die Runde, könnte gern in Detroit oder Dublin oder Jakarta oder Buenos Aires stattfinden, jedenfalls irgendwo auf der Welt, wo es nicht schneit.
Zu Larry Fink würde New York als neuer Austragungsort des Forums wohl noch besser passen. Seine Mit-Milliardäre könnten es dann sogar zu Fuss erreichen: morgens zum Vortrag, mittags ins Office, abends an Cocktailpartys irgendwo in Manhattan.
NYC bietet alles hundertfach. Doch das WEF unter all den Events, die der Weltmetropole ohnehin ihren atemlosen Charme verpassen, wäre das Ende der grossen Idee aus dem kleinen Davos.
Ein Wegzug aus dem Bündnerland wäre tödlich für das wunderliche Wintergewächs von Weltpolitik und Wirtschaftsprotzerei: Auf einen Wallfahrtsort wie Davos hätte ausser Klaus Schwab niemand sonst verfallen können. Und dann erst noch im Januar, bei Schnee auf Dächern und Pisten, verlockend für die Skifahrer, aber auch für die Nur-Fussgänger aus der Geldwelt – endlich mal in Bergstiefeln durch Schneematsch stapfen. Auf der alpinen Hochebene fühlt sich das finanzmächtige Fremdvolk feiertagelang ganz unter sich: heimisch – in Davos!
Klaus Schwab war die Seele dieser Weihestätte – schon ewig da, scheinbar alterslos, nicht wegzudenken, geradezu unsterblich. Dabei wusste auch er, dass die säkular-religiöse Unzucht von Ökonomie und Weltgestaltung zwangsläufig eines Tages in die Obhut eines anderen Hohepriesters kommen würde.
Doch solange die Kulissen noch da sind, solange das Ensemble weiterhin im schwabschen Sinne wirkt, kann der Geist von Davos auch von der Erinnerung leben. Noch ist der nostalgische Zauber stark genug. Allein die Reise in diesen hintersten Winkel ist ein Erlebnis der besonderen Art. Ganz zu schweigen von der akribisch-brutalen Verwandlung der abgelegenen Kleinstadt zur Weltmetropole! Welcher Finanzpotentat aus Dublin oder Detroit möchte auf so etwas verzichten?
Die Forums-Führer nach Schwab haben ein Problem: Es darf für sie nicht einmal mehr die Erinnerung an den WEF-Vater geben. Larry Finks Vatermord ist erst vollendet ohne Davos, ohne Schweiz – ohne jede Erinnerung daran.
Für derlei Malaise gibt es auch den Psychiater. Dann könnte Klaus Schwabs geniale Idee in Davos bleiben.