Die Kolumne
Der neue Churchill

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Frank A. MeyerPublizist

Karikaturisten dürfen fast alles. Humor ist ihr Metier. Das gilt auch für eine Zeichnung der «Tribune de Genève» zum Ukraine-Krieg: Sie zeigt frierende Menschen, um eine offene Feuerstelle gruppiert – zwei Frauen, ein Mann, ein Kind – in einem tristen Unterschlupf. Die Frau links sagt: «Ich spüre meine Zehen nicht mehr!» Der Mann fügt hinzu: «Was soll ich da erst sagen?» Er sitzt im Rollstuhl, seine Unterschenkel sind amputiert: ein Opfer des russischen Terrors gegen die Ukraine.

Was fällt dem Betrachter dazu ein? Fällt ihm überhaupt etwas ein? Schweigt er aus Betroffenheit? Oder lacht er, was die Karikatur, ein Kommentar zur täglichen Mordorgie des Kremls, ja beabsichtigt?

Ein Witz zum vierten Jahrestag des Kriegs um Kiew!

Dem Zeichner sei seine Geschmacklosigkeit nachgesehen, denn sie wirft ein Licht auf den im Westen Europas verbreiteten Überdruss am Massaker im Osten Europas, also im Osten des Kontinents, zu dem die Schweiz sich widerwillig zählen muss.

In einem Zürcher Blatt war zu lesen: «Der Westen provozierte. Russland attackierte. Jetzt wollen Trump und Putin Frieden schliessen. Selenski und die EU stellen sich dagegen.»

Die vier Sätze waren nicht in kyrillischer Schrift gedruckt, sondern in deutscher Sprache.

Wolodimir Selenski als Hindernis für einen Frieden – in einem Krieg, an dem der Westen schuld ist: Eine solche Karikatur des tatsächlichen Geschehens muss einem Kommentator erst einmal in den Sinn kommen.

Der härteste Winter seit Jahren wurde Putins Streitkräften zum Komplizen. Systematisch zerschossen sie die Energieanlagen der Ukrainer – Heizung und Licht und häusliche Versorgung. Mit Bomben und Raketen und Drohnen sollte das verachtete Volk, das partout kein erneutes russisches Joch akzeptiert, mürbe gemacht werden: für einen Waffenstillstand über seine Köpfe hinweg, eingefädelt von Moskau und Washington, mit dem Ziel einer Liquidation der ukrainischen Nation – finale Eindämmung europäischer Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.

Doppelseitig publizierte das deutsche Magazin «Stern» als «Bild der Woche» vor kurzem die Beerdigung des Soldaten Alexander Krasikow, eine Zeremonie im Schnee mit Fackeln: alltägliche Wirklichkeit, nicht Karikatur, nicht Propaganda. Eine Manifestation unbeugsamen Widerstands.

Der Ukraine ist aus ihrer lebensfrohen Vorkriegskultur ein Anführer erwachsen: der erfolgreiche frühere Comedian Wolodimir Selenski, der vor seinem Wechsel in die Politik das Publikum zum herzlichen Lachen brachte, zwei Jahre lang auch in Russland. Als er gewählt wurde, trug er einen dunklen Anzug – ein manierlicher Politiker. Heute kennt ihn die Welt in militärischer Montur, im T-Shirt, allenfalls mal im Veston, um diplomatischen Stil wenigstens anzudeuten.

Für Faxen hat er längst keine Zeit mehr. Die würde ihm an der Front fehlen, wo er sich am richtigen Platz fühlt – bei seinem Volk, bei den westlich gestimmten und auf den Westen hoffenden Bürgerinnen und Bürgern. Dass Präsident Selenski noch lebt, ist mehr als ein Fehler im Kriegsdesign des Kremls. Es ist der Beweis, dass Putin seinen Meister gefunden hat – wie Hitler einst mit Churchill.

Geschichte wird im Rückblick erzählt: In der Luftschlacht um England vom Juli 1940 bis Mai 1941 erlebte der «Führer» nicht nur seine erste grosse Niederlage. Er verlor den Zweiten Weltkrieg – im Kampf gegen den Krieger, den Grossbritannien in höchster Gefahr zum Retter berufen hatte. Der Krieg dauerte noch vier Jahre, unter schrecklichsten Opfern. Doch mit dem Auftritt Churchills war er für die Deutschen nicht mehr zu gewinnen.

Wolodimir Selenski hat Putin die frühe und entscheidende Niederlage bereitet – wie Churchill damals Hitler: Aus der «speziellen Militäroperation», die der Kreml-Kriminelle nur auf wenige Tage angelegt hatte, wurde ein Krieg, der seinem Land schwersten wirtschaftlichen und kulturellen Schaden zufügt. Russland, das noch nie Freiheit kannte, ist vom Segen prosperierender Zivilisation weiter entfernt denn je.

Die Ukraine ist der europäischen Freiheitswelt näher denn je.

Am 19. September 1946 forderte Churchill die Gründung der «Vereinigten Staaten von Europa» – die legendäre Rede dazu hielt er in der Aula der Universität Zürich.

Natürlich hat das alles mit der Schweiz nichts zu tun – weder Churchill noch Selenski.

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