So kam es zum Drama in Crans-Montana
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Feuer-Hölle in Bar:So kam es zum Drama in Crans-Montana

Editorial zur Katastrophe von Crans-Montana
In die Trauer mischt sich Wut

Wie kann eine Touristenbar zur Todesfalle werden in einem Beamtenstaat, in dem es für jedes Gartenhäuschen eine Baugenehmigung braucht? Die Antwort sind wir den Opfern schuldig.
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Reza Rafi, Chefredaktor SonntagsBlick.
Foto: Philippe Rossier
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Reza RafiChefredaktor SonntagsBlick

Joël Rey sitzt ganz ruhig in seinem Wohnzimmer. Auf dem Handy schaut er sich ein Bild von Caroline an, seiner 24-jährigen Tochter. Caroline feierte in der Silvesternacht mit ihren Freunden in der Bar Le Constellation in Crans-Montana. Wo sie jetzt ist, weiss der Vater nicht. Unter den aufgezählten Namen der Vermissten tauchte sie nicht auf. «Vielleicht liegt sie in einem ausländischen Spital», sagt er gefasst. Seine Augen aber blicken ins Leere.

Die am Freitag ausgestrahlte Szene auf RTS lässt das unvorstellbare Leid nur erahnen, das die Eltern der Betroffenen durchmachen.

Die meisten Brandopfer sind junge Erwachsene und Jugendliche, Menschen, die ihr Leben noch vor sich haben. Sie haben Jahrgänge wie 2003, 2007 oder 2009. Es sind Heranwachsende mit jugendlicher Naivität und Lebenslust, es sind die Kinder von uns allen, es ist die Zukunft. Was hatten sie sich vorgenommen für 2026? Das Studium oder die Berufsausbildung zu beenden? Eine grosse Reise? Die Liebe des Lebens zu finden? Aus dem Elternhaus auszuziehen?

Die Katastrophe sprengt die Grenzen des Vorstellbaren. Die Nation erlebt ihren Nullpunkt. Und in die Trauer mischt sich Wut. Es stellen sich Fragen über unsere Gewissheiten: Wie ist so ein Inferno möglich im Land der unbegrenzten Sicherheit? Wie kann eine Touristenbar zur Todesfalle werden in einem Beamtenstaat, in dem es für jedes Gartenhäuschen eine Baugenehmigung braucht, wo jedes Pfadifest eine Bewilligung erfordert und der Lebensmittelinspektor den Abstand zwischen Fritteuse und Abfallkübel kontrolliert? Wieso ist auf den Videos, die den Ausbruch des Feuers zeigen, kein Angestellter mit einem Feuerlöscher zu sehen? Wer liess die Barbetreiber die leicht entflammbare Decke einbauen?

Die Tragödie raubt Dutzenden unschuldigen Menschen ihre Zukunft. Und zieht einen schmerzhaften Strich durch unsere Gegenwart. Es wird eine Schweiz vor Crans-Montana geben und eine danach. Was bleibt, sind viele Fragen. Die dringend einer Antwort bedürfen. Auch für die 24-jährige Caroline und ihren Vater.

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