In Deutschland herrscht Euphorie. «Timmy ist frei!», dröhnte es gestern durch die Öffentlichkeit. Wochenlang fieberte die Nation mit einem in der Ostsee gestrandeten Buckelwal. Auch zur Freude der Medien – Timmy klickte. Journalisten kennen das Phänomen: Ein Erdbeben in der Dritten Welt mit tausend Toten berührt einige Leser; ein krankes Kätzchen das ganze Land.
Doch der Wahnsinn, den der Timmy-Krimi entfesselte, lässt tiefer blicken. Zumal er zeitlich mit der grossen Krise von Friedrich Merz' Kanzlerschaft zusammenfällt. Seine CDU und der Koalitionspartner SPD zerfleischen einander im Haushaltsstreit, die Umfragewerte sind im Keller. Angesichts des Berliner Reformstaus bietet der gestrandete Meeressäuger optimale Zerstreuung. Zudem aussenpolitisch das Tischtuch mit Washington zerschnitten scheint. Die Weigerung Deutschlands, den USA im Irankrieg zur Seite zu stehen, kam in Nordamerika schlecht an. Die Kritik des Kanzlers, Donald Trump habe sich vom iranischen Regime «demütigen» lassen, gab dem historischen Bündnis den Rest. Seinerseits trifft der US-Präsident die Europäer an einer empfindlichen Stelle, wenn er sie dafür beschimpft, wie sie seine Hilfe in der Ukraine mit derselben Nonchalance in Anspruch nehmen, mit der sie den Support im Kampf gegen eine iranische Atombombe verweigern.
Merz brachte diese Mentalität während des Gazakriegs mit seinem Satz über die «Drecksarbeit» auf den Punkt, die Israel für den Westen erledige. Jetzt ist es vorbei mit der transatlantischen Freundschaft, deren Höhepunkt 1963 der Auftritt von John F. Kennedy vor dem Schöneberger Rathaus mit dem berühmten Satz «Ich bin ein Berliner!» bildete. Der Abzug von 5000 US-Soldaten aus Deutschland markiert diesen Bruch, flankiert durch Trumps Ankündigung neuer Zölle gegen Europas Autoindustrie – eine Massnahme, die auch die Schweiz trifft. Deutschland ist unser wichtigster Handelspartner, helvetische Zulieferer leben von den Autokonzernen. Schweizer Wohlstand wird auch in Wolfsburg, Stuttgart und München generiert.
Die Formschwäche von Europas grösster Volkswirtschaft ist darum auch für die Schweiz beunruhigend. Immerhin schwimmt Timmy wieder.