Editorial über den Iran-Krieg
Trump hat geliefert

Der US-Präsident geht mit seinem Angriff auf die Mullahs eine historische Wette ein: Lassen sich die USA in einen langwierigen Krieg hineinziehen, zahlt er politisch einen hohen Preis. Schafft er den Regimewechsel in Teheran, macht er sich unsterblich.
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Reza Rafi, Chefredaktor SonntagsBlick.
Foto: Philippe Rossier
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Reza RafiChefredaktor SonntagsBlick

Mittwoch, 21. Januar, nachmittags in Davos: Der US-Präsident tritt nach seiner hundertminütigen WEF-Rede aus dem grossen Saal des Kongresszentrums und macht vor Journalisten halt, die ihn seltsamerweise alle nur zu Grönland befragen. Da steht Donald Trump also in Fleisch und Blut: Skandalpolitiker, Reizfigur – und Hoffnungsträger. Eine Woche zuvor hatte er sich auf der Plattform X an das iranische Volk gewandt, das sich gegen die Mullahs erhoben hatte: «Protestiert weiter! Hilfe ist unterwegs.»

So nah uns Trumps Gesicht an jenem Nachmittag war, so undurchsichtig blieben seine Iran-Absichten. Blufft er bloss? Oder löst er sein Versprechen ein und macht Ernst mit dem «Regime Change»? Sichtbar war nur die immense Armada, die der Commander-in-Chief im Konfliktgebiet auffahren liess.

Seit gestern haben wir Gewissheit: Trump bluffte nicht. Einem ausgeklügelten Drehbuch folgend starteten die USA und Israel ihren Grossangriff auf die schiitische Diktatur.

Trump geht damit eine historische Wette ein: Wenn sich die USA wie 2003 gegen den Irak in einen langwierigen Krieg hineinziehen lassen, verlieren seine Republikaner die Midterm-Wahlen im November. Bringt es Trump aber tatsächlich fertig, den Iran nach 47 Jahren vom islamistischen Joch zu befreien, schreibt er Geschichte.

Ein befreites 93-Millionen-Reich in geostrategischer Schlüssellage böte enorme wirtschaftliche und gesellschaftliche Chancen für die gesamte Region. Israel wäre von seinem Erzfeind erlöst und Putin käme – nach Syrien und Venezuela – ein weiterer Verbündeter abhanden. Die autokratische Achse von Moskau nach Peking würde empfindlich geschwächt.

Gestern Abend kursierten zunächst unbestätigte Nachrichten über den Tod von Revolutionsführer Ali Chamenei. Doch selbst mit einem raschen militärischen Sieg – wie bei den geschichtlichen Vorbildern Deutschland und Japan, die 1945 nach ihrer Niederlage zu Demokratien wurden – ist im Iran noch keine nachhaltige Befreiung garantiert.

Bei der Begegnung am 21. Januar in Davos blieb unklar, ob der Verräter oder der Befreier Irans vor uns steht. Im Augenblick deutet viel auf Letzteres hin. Gestern jedenfalls hat Trump geliefert.

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