Editorial über das ESAF
Eine willkommene Verschnaufpause für die Nation

Das «Eidgenössische» sprengt alle Rekorde. Die Schweiz hat diese Parade der friedlichen Stärke gerade bitter nötig.
Publiziert: 08:56 Uhr
Teilen
Anhören
Kommentieren
1/4
350'000 Zuschauer erwartet: ESAF-Wahnsinn in Mollis GL.
Foto: keystone-sda.ch
Bildschirmfoto 2024-04-02 um 08.40.24.png
Reza RafiChefredaktor SonntagsBlick

Zwei Megaereignisse definieren diese Woche – das schönere von beiden findet im Glarnerland statt, wo derzeit die Rekorde fallen. 350’000 Zuschauerinnen und Zuschauer wurden am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest erwartet.

Das ESAF gewährt dem Land eine Verschnaufpause in Zeiten globaler Unsicherheit, ein nationales Timeout nach dem Zollschock. Dieser hat die Partei von Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter dazu veranlasst, sich geschlossen hinter ihre Magistratin zu stellen. Ihr Telefonat mit Donald Trump hat sie zum Gesicht des kollektiven Traumas gemacht – doch dank ihres Hosenlupfs mit Trump wird sie als Ausnahmebundesrätin in die Geschichtsbücher eingehen, wie einst ein Otto Stich, ein Adolf Ogi oder ein Pascal Couchepin. «Wer die Schweiz liebt, muss zusammenstehen!», appellierte Keller-Sutters FDP am Donnerstag.

In Mollis steht die Schweiz zusammen – für manche etwas zu eng. Den Folklorefans der ersten Stunde, die nun den Zustrom von hippen Schönwetter-Eidgenossen und den überhandnehmenden Kommerz beklagen, sei jedoch entgegnet: Die Städte kennen das schon lange. Man braucht nur mit einer Zürcherin am Street-Parade-Wochenende zu reden, mit einem Basler während der Kunstmesse oder mit einer Luzernerin, die diese Art von Dichtestress Wochenende für Wochenende erträgt.

Während das Volk der Voralpenregionen an katholischen Feiertagen die Shoppingmeilen der links-grün regierten Städte heimsucht, bewegen sich die Massen am ESAF für einmal in die umgekehrte Richtung. Zugewanderte Deutsche erklären mittlerweile, was ein «Brienzer» und ein «Wyberhaken» sind. Schweizer Kulturgut interessiert nun mal. Spricht etwas dagegen?

Das weniger schöne Ereignis fand in Lausanne statt, wo wir eine andere, ungesunde Form gesellschaftlicher Mobilität erleben – Ausschreitungen und Ghettobildung wie in der Pariser Banlieue und Polizisten mit einem Extremismusproblem in den eigenen Reihen. Die Sicherheitskräfte sind wie andere traditionelle Vertreter des Staates in der Öffentlichkeit unter Druck geraten.

Lausanne ist die Schweiz, und Mollis ist die Schweiz. Ersteres ist ein Weckruf, Letzteres eine willkommene Verschnaufpause.

Teilen
Fehler gefunden? Jetzt melden
Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen
      Meistgelesen