Vier Stunden! So lange hat unser Aussenminister mit seinem russischen Amtskollegen geredet. Stolz stand Ignazio Cassis, seines Zeichens nicht nur EDA-Vorsteher, sondern neuerdings auch Vorsitzender des Gebildes mit dem hübschen Titel «Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa», am Freitag vor den Kameras. Das Ziel seiner Moskau-Reise bestehe darin, mit Russland «einen Dialog aufzunehmen».
Wer heute auf dem diplomatischen Parkett wandelt, spricht gerne von Dialog. Dialog wird mit allen geführt. Mit Angreifern und Angegriffenen. Mit Riesen und Zwergen. Mit Engeln. Und mit Teufeln. Mit dem Iran pflegt die Schweiz einen «Menschenrechtsdialog». Den hat Bern – nach dem Massenmord des Mullah-Regimes an der eigenen Bevölkerung – für einmal ausgesetzt.
Aber sollte man denn nicht auch mit den Schurken und Schlächtern dieser Welt reden? Gewiss ist Reden besser als Schiessen. Allerdings droht der Dialog immer auch zum Alibi der Bösewichte zu werden – und zu einem Ersatzmittel für Wohlmeinende wie die Schweiz, die zunächst nicht einmal Schutzwesten für die ukrainische Feuerwehr liefern wollte, nun aber den Dialog mit Moskau zelebriert.
Dialog ist ein Schlagwort des politischen Zeitgeists. Das Motto des diesjährigen WEF lautete «A Spirit of Dialogue». Statt des «Geists des Dialogs» jedoch dominierte in Davos der Monolog des US-Präsidenten – der seinerseits in der Dialog-Falle steckt: Seit zwei Jahren lässt er sich vom dialogisierenden Wladimir Putin vorführen, in den letzten Tagen auch noch von den dialogisierenden Ayatollahs. Donald Trump scheint seine Muskeln nur bei Kleineren wie Venezuela oder der Schweiz spielen zu lassen. Wer aber skrupelloser handelt als er selbst, wird zum endlosen Dialog empfangen.
Der unbestrittene Tempel des Dialogs ist die Uno. Nirgends ist das Missverhältnis zwischen Worten und Taten grösser als bei den Vereinten Nationen, wo der Dialog immer wieder zur Farce verkommt. Ausser natürlich, wenn unser Aussenminister das Wort ergreift.