Bürger zweiter Klasse
Vergessen wir nie, weshalb die Schweiz KZ-Häftlinge im Stich liess

Endlich erinnert sich die Schweiz an ihre Opfer des Nationalsozialismus. Gut wäre, wir würden auch nie mehr vergessen, weshalb der Bund sie so gnadenlos ihrem Schicksal überliess.
Publiziert: 25.01.2020 um 23:55 Uhr
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Aktualisiert: 17.03.2021 um 12:38 Uhr
  • Über 391 Schweizerinnen und Schweizer waren in Konzentrationslagern infhaftiert
  • Über 200 starben
  • Dazu kommen mindestens 328 KZ-Häftlinge, die in der Schweiz aufwuchsen, aber nie das Bürgerrecht besassen
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Benno Tuchschmid, Leiter SonntagsBlick Magazin findet, das Schicksal der Schweizer KZ-Häftlinge darf nie vergessen gehen.
Benno Tuchschmid

Als der Schweizer Jude Adhémar Wyler am 8. Mai 1945 nach fast drei Jahren im KZ Auschwitz im Pariser Gare de l’Est eintrifft, empfängt ihn eine Ehrenformation der französischen Armee. Von Frankreich erhält er wie alle anderen KZ-Überlebenden finanzielle Soforthilfe.

Als Wyler zwei Monate später in seine Heimat zurückkehrt, empfängt ihn in Bern niemand. In Briefen ans Schweizer Aussenministerium bittet er um Hilfe. Er wird über Wochen und Monate abgewimmelt. Der Holocaust-Überlebende ist für die Behörden ein lästiger Querulant. Am 10. September 1946 begeht Adhémar Wyler Selbstmord.

Vor einer Woche – 75 Jahre nach der Befreiung des KZ Auschwitz – hat mit Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga zum ersten Mal ein Mitglied des Bundesrats das Schicksal von über 391 Schweizer KZ-Häftlingen anerkannt und das Verhalten des Bundes als «kaltherzig» bezeichnet. Morgen, am internationalen Tag des Gedenkens für die Opfer des Holocaust, wird die Bundespräsidentin in Auschwitz erneut an sie erinnern.

Das ist ein erster wichtiger Schritt der offiziellen Schweiz, sich einem beschämenden Kapitel Schweizer Geschichte zu stellen.

Ein zweiter Schritt vollzieht sich gerade: In unserem Land beginnt sich eine Erinnerungskultur zu bilden. Eine Gruppe engagierter Bürger will in der Stadt Zürich Stolpersteine verlegen, wie der «Tages-Anzeiger» berichtete. Mit den in den Boden eingelassenen Pflastersteinen mit Messingplakette wird in Deutschland und in vielen anderen Ländern Europas Deportierter gedacht. Vielleicht bald auch in Schweizer Städten.

Die Auslandschweizer-Organisation fordert seit geraumer Zeit eine nationale Gedenkstätte für alle Schweizer Opfer des Nationalsozialismus – und für jene Bürger, die sich den Nazis in den Weg stellten. Das Vorhaben wird nun von Bundespräsidentin Sommaruga unterstützt. Auch das ist ein starkes Zeichen.

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Am wichtigsten wäre aber, dass wir uns erinnern, worin das Versagen der Schweiz eigentlich bestand. Die Schweiz war keine «Täternation». Gemordet haben andere. Der Bund liess seine Bürger im Stich – und zwar nicht nur aus Unvermögen oder wegen mangelnden Handlungsspielraums, sondern weil er bewusst entschied, dass gewisse Bevölkerungsgruppen nicht schutzwürdig waren. Linke, Widerstandskämpfer, Juden, Homosexuelle oder «Asoziale» galten als Schweizer zweiter Klasse, für die sich diplomatischer Einsatz nicht lohnte. Dass es sich dabei um die gleichen Menschen handelte, die die Nazis vernichten wollten – daran schien sich in Bern kaum jemand zu stören.

Die Kategorisierung in gute und schlechte, schutzwürdige und schutzunwürdige Bürgerinnen und Bürger, richtige und «Papierlischwiizer» geschieht auch heute noch. Die Geschichte der Schweizer KZ-Häftlinge zeigt uns, wozu das führen kann. Das sollten wir nie vergessen.

«Die Schweizer KZ-Häftlinge»

Die Autoren Balz Spörri, René Staubli und Benno Tuchschmid (Leiter SonntagsBlick Magazin) haben in einer vierjährigen Recherche zum ersten Mal die Geschichte von Schweizern in Konzentrationslagern aufgearbeitet. «Die Schweizer KZ-Häftlinge – Vergessene Opfer des Dritten Reichs» untersucht, was die Schweizer Behörden für ihre Mitbürger getan haben und zeigt eine umfassende Opferliste. In Porträts werden zudem exemplarisch zehn Lebensgeschichten aufgezeichnet.

Balz Spörri, René Staubli, Benno Tuchschmid, «Die Schweizer KZ-Häftlinge – Vergessene Opfer des Dritten Reichs», NZZ Libro, 48 Fr.

«Die Schweizer KZ-Häftlinge – Vergessene Opfer des Dritten Reichs» erschienen bei NZZ Libro.

Die Autoren Balz Spörri, René Staubli und Benno Tuchschmid (Leiter SonntagsBlick Magazin) haben in einer vierjährigen Recherche zum ersten Mal die Geschichte von Schweizern in Konzentrationslagern aufgearbeitet. «Die Schweizer KZ-Häftlinge – Vergessene Opfer des Dritten Reichs» untersucht, was die Schweizer Behörden für ihre Mitbürger getan haben und zeigt eine umfassende Opferliste. In Porträts werden zudem exemplarisch zehn Lebensgeschichten aufgezeichnet.

Balz Spörri, René Staubli, Benno Tuchschmid, «Die Schweizer KZ-Häftlinge – Vergessene Opfer des Dritten Reichs», NZZ Libro, 48 Fr.

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