Viel mehr als nur schmutzige Finger
Ode an die Hand

Die Industrialisierung verdrängte das Handwerk, die Schreibmaschine die Handschrift, und nun verbietet Corona den Handschlag. Eine Ehrenrettung des grossartigsten Körperteils, bevor er uns ganz abhandenkommt.
Publiziert: 16.05.2020 um 11:32 Uhr
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Aktualisiert: 18.05.2020 um 10:12 Uhr
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In Corona-Zeiten sollte man sich nicht die Hand geben. Doch kehrt der Handschlag nach der Krise zurück?
Daniel Arnet

Die «Weltwoche» vermeldet den «Tod des Handschlags», und «Das Magazin» des «Tages-Anzeigers» publiziert einen Nachruf auf ihn: «In Memoriam: der Handschlag 900 v. Chr.–2020 n. Chr.».

Vorübergehende Schuld daran tragen die Corona-Krise und die berechtigte Weisung der Gesundheitsbehörden, sich momentan nicht mehr die Hand zu geben, um die Virusübertragung zu unterbinden. Ewig für Tod erklären das Händeschütteln aber Immunologen mit ihren Aussagen, die ein Handshake-Revival selbst nach überwunderer Krise unwahrscheinlich erscheinen lassen.

«Um ehrlich zu sein, wir sollten uns nie wieder die Hände schütteln», sagte so kürzlich Anthony Fauci (79), der wissenschaftliche Berater des US-Präsidenten. «Es würde nicht nur helfen, die Ausbreitung des Coronavirus zu minimieren, sondern auch das Risiko drastisch senken, an einer Grippe zu erkranken.»

Nur jeder dritte Mann wäscht sich die Hände

Die Hand, das grossartigste Werkzeug des Menschen, wird in den Schmutz gezogen und als Dreckschleuder diskreditiert. Zeit für eine Ehrenrettung, bevor uns die Hand ganz abhandenkommt!

Bereits die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts verdrängte mit der maschinellen Herstellung das gute alte Handwerk. Die Schreibmaschine machte im 20. Jahrhundert die Handschrift überflüssig. Und durch die Digitalisierung im 21. Jahrhundert muss man in selbstfahrenden Autos nicht mal mehr das Steuerrad in Händen halten.

Und jetzt noch die Corona-Krise! Sicher, das Bundesamt für Gesundheit (BAG) empfiehlt in erster Linie, die Hände gründlich zu waschen. Und dagegen ist nichts einzuwenden, denn noch immer reinigen sich die meisten Menschen zu selten die Hände mit Wasser und Seife.

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Vor allem Männer sind Dreckspatzen. So beobachteten Wissenschaftler der London School of Hygiene & Tropical Medicine für eine Studie 200'000 Benutzerinnen und Benutzern von Toiletten auf britischen Autobahnraststätten. Das Ergebnis: 64 Prozent der Frauen, aber bloss 32 Prozent der Männer wuschen sich nach dem Besuch des WCs die Hände.

Wenn also aus der Corona-Krise resultiert, dass sich die Menschen – insbesondere die Männer – vermehrt die Hände waschen, dann ist viel gewonnen. Wenn aber die Folge sein sollte, dass wir uns gegenseitig nicht mehr die Hand geben, dann geht weit mehr als ein westliches Begrüssungsritual verloren.

Hand bedeutet ursprünglich «Greiferin, Fasserin»

«Ist es denn letzten Endes nicht so, dass unsere Hände die Körperteile mit dem grössten Eigenleben sind?», schreibt die südkoreanische Schriftstellerin Han Kang (49, «Die Vegetarierin») in ihrem letztjährigen Roman «Deine kalten Hände». «Alle Handlungen – Essen, Berühren, Arbeit, Sex –, alles geschieht mit den Händen. Sie sind sozusagen das Symbol für den handelnden Menschen.»

Handeln, handlich, Handlung, Verhandlung, handgreiflich, misshandeln: Buchstäblich hat die Hand in vielen Bereichen der deutschen Sprache ihre Finger drin. Alle diese Wörter gehen auf das gotische «hinÞan» aus dem 3. Jahrhundert zurück, was «greifen, fangen» meint. Die Hand bedeutet demnach eigentlich «Greiferin, Fasserin».

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Neurophysiologisch unterscheidet man bei der Hand zwischen Kraftgriff und Präzisionsgriff. Das ermöglicht dem Menschen, sowohl zentnerschwere Lasten zu heben als auch ein rohes Ei zwischen Zeigefinger und Daumen zu halten, ohne dass es zerbricht. Ein enormer Funktionsumfang, der bei keiner Maschine zu finden ist.

Doch das ist noch nicht alles: Der Mensch koordiniert mit seinen Händen so komplizierte Abläufe wie das Zuknöpfen einer Bluse oder das Binden von Schuhen. Und er kann seine Hand im Gegensatz zu anderen Primaten zu einer Faust formen und Schläge austeilen oder die Innenfläche zu einer Hohlform krümmen und Wasser oder Wertsachen schöpfen.

Aber wie warnt schon der deutsche Dichter Heinrich Heine (1797–1856) in seinem ironischen Gedicht «Zur Teleologie»: «Gott versah uns mit zwei Händen, / Dass wir doppelt Gutes spenden; / Nicht um doppelt zuzugreifen / Und die Beute aufzuhäufen / In den grossen Eisentruhn, / Wie gewisse Leute tun.» Doch nicht nur Dichter machen sich seit jeher einen Reim auf die Hand, auch das Volk tut es.

Aus Brustflosse entwickelte sich die Hand

Wie sprichwörtlich die Hand ist, belegt der deutsche Autor Kurt Krüger-Lorenzen (1904–1971) mit einer Kurzgeschichte in seinem Buch «Deutsche Redensarten»: «Willy Winter hielt um Sophie Sommers Hand bei ihrem Vater an. Der aber schlug die Hände über dem Kopf zusammen und sagte: Hand aufs Herz! Sie leben doch von der Hand in den Mund, darum kann ich Ihnen meine Sophie nicht in die Hand geben.»

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Willy Winter bestritt das und sagte: «Ich werde nicht mit leeren Händen kommen, denn ich habe alle Hände voll zu tun. Ich bin nämlich die rechte Hand meines Chefs. Wir legen nicht die Hände in den Schoss, sondern wir arbeiten fabelhaft Hand in Hand. Wir sind keine Leute, die zwei linke Hände haben, im Gegenteil: Uns geht das Tagespensum leicht von der Hand. Ich werde Ihre Sophie buchstäblich auf Händen tragen.»

Das hat Hand und Fuss, nicht? Aber wie kam der Mensch eigentlich zu seinen Extremitäten? Erst kürzlich fanden Forscher der australischen Flinders University aus Adelaide bei Ausgrabungen in Kanada eine Antwort auf diese Frage. Sie schaufelten ein 380 Millionen altes Fischfossil frei, das Einblick bietet, wie Wirbeltierhände einst aus Brustflossen hervorgegangen sind.

Die Paläontologen berichteten vor ein paar Wochen in der Wissenschaftszeitschrift «Nature», dass sich in der ausgegrabenen Flosse ein Oberarmknochen, ein Unterarmknochen, Handknochen und Fingerstrukturen abzeichnen. Dies sei der erste Fund, der belege, dass die Hand entstanden war, bevor Fische das Wasser verliessen. Denn die ersten Landwirbeltiere vor 374 Millionen Jahren brauchten andere Fortbewegungsglieder als Fische.

Als dann die ersten Primaten vor zwölf Millionen Jahren den aufrechten Gang übten, mussten die Hände nicht mehr fürs Laufen herhalten – sie waren frei für andere, neue Tätigkeiten. Nach dieser Trennung der Entwicklungslinie von Affe und Mensch hat sich die Hand des Schimpansen stärker weiterentwickelt als die der Homini – der Mensch hat also im Vergleich zum Menschenaffen eine ursprünglichere Hand, kann sie aber perfekter nutzen.

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Ein Viertel der Knochen hat der Mensch in den Händen

3 Nerven, 27 Knochen, 33 Muskeln und 200 bis 500 Gramm Gewicht – so sieht die Anatomie einer menschlichen Hand aus. Die meisten Muskeln befinden sich im Unterarm und sind bloss durch Sehnen mit den Fingern verbunden.

Rechnet man die Knochen beider Hände zusammen, ergibt das ein stattliches Viertel der Gesamtzahl im Körper. Mit Ausnahme des Daumens besteht denn auch jeder einzelne Finger aus drei Einzelknochen, was die enorme Gelenkigkeit ermöglicht.

Weshalb sich die Knochen wie bei praktisch allen Landwirbeltieren auf fünf Finger pro Hand verteilen, bleibt ein Rätsel. Gemäss dem Wissenschaftsmagazin «New Scientist» haben britische Forscher bei Gentests an Mäusen bislang lediglich herausgefunden, dass es bei mehr Gliedern zu Deformationen kommt.

Und zu guter Letzt ist die Hand durch die Nerven eine höchst empfindliche Antenne für Reize aus der Umwelt – besonders in den Fingerspitzen. In der gesamten Handinnenfläche sitzen nicht weniger als 17'000 Fühlkörperchen und freie Nervenenden, die auf Druck, Bewegung und Vibration reagieren.

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Von der «Erschaffung Adams» bis zur «Addams Family»

Hände sind ein eigentliches Sinnesorgan. Sie sind fürs Tasten das, was Augen fürs Sehen, Ohren fürs Hören, die Zunge fürs Schmecken und die Nase fürs Riechen sind. Der versicherungstechnisch bemessene Wert einer Hand liegt mit rund 42'000 Franken dementsprechend in dieser Liga – ein bisschen höher rangiert als ein Ohr mit 30'000 Franken, tiefer als ein Auge mit 110'000 Franken.

Aber natürlich ist nicht jede Hand gleich: Beim Verlust eines Daumens könnte ein Journalist seinen Beruf weiter ausüben, ein Klavierspieler wäre vollinvalide. Deshalb liess sich der chinesische Starpianist Lang Lang (37) seine Hände bei Lloyd’s für 15 Millionen US-Dollar versichern, wie er einmal der britischen «Times» sagte.

Wie gross muss da der Wert der Hände von Johann Sebastian Bach (1685–1750) gewesen sein, des wohl grössten Komponisten der Musikgeschichte? Neuste Forschungen aufgrund von Fotos seines Skeletts ergaben, dass sie für ihre Zeit zumindest zentimetermässig ausserordentlich gross gewesen sein müssen: 21,5 Zentimeter in der Länge und 26 in der Spanne – Werte, die selbst heutige Pianisten nur selten erreichen.

«Doch plötzlich erscheinet die helfende Hand» komponierte Bach 1724 in einer Kantate. 1963 sangen die Beatles «I Want to Hold Your Hand» und Koreana lieferten 1988 mit «Hand in Hand» den offiziellen Song der Olympischen Sommerspiele in Seoul. Ja, die Hand sorgt immer wieder für den guten Ton, hat aber auch tragende Filmrollen (etwa das eiskalte Händchen bei der «Addams Family») und sorgt vor allem für schöne Anblicke.

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Die wohl berühmteste Hand-Abbildung: das zentrale Deckenfresko «Die Erschaffung Adams» (1512) von Michelangelo (1475–1564) in der Sixtinischen Kapelle der Vatikanischen Museen. Adam streckt darauf lässig seine linke Hand aus, um Gottes lang gezogene rechte mit dem Zeigefinger zu ertasten – auf dass es auch auf der Erde weiterhin zu solchen berührenden Momenten kommt!

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