«Cézanne wollte nicht das machen, was die anderen machten»
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Direktor Sam Keller (60):«Cézanne wollte nicht das machen, was die anderen machten»

Cezanne im Beyeler
Das 30-Millionen-Werk ist zurück

Erstmals widmet die Fondation Beyeler Paul Cezanne eine Einzelausstellung. Der Pionier der Moderne wirkt bis heute nach. Zu sehen sind zahlreiche Werke aus privaten Sammlungen, darunter ein kürzlich versteigertes Gemälde im Wert von rund 30 Millionen.
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Beyeler-Direktor Sam Keller vor einem Werk von Cezanne.
Foto: Kurt Reichenbach

Darum gehts

  • Die Fondation Beyeler zeigt ab 25. Januar 2026 Cezanne-Werke
  • Die Hälfte der Werke stammt aus privaten Sammlungen, darunter nie Gezeigtes
  • Gemälde «Obst und Ingwertopf» wurde für 33,5 Millionen Dollar versteigert
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Katja RichardRedaktorin Gesellschaft

Am Eingang der Fondation Beyeler glänzen noch immer die silbernen Kugeln von Yayoi Kusama (96), daneben stehen die Menschen Schlange. Diese Woche ist die letzte Chance, das Werk der japanischen Starkünstlerin zu sehen – sie sorgte für Besucherrekorde. Hinter den Kulissen wird bereits die nächste Ausstellung vorbereitet: Auf den Frühling hin zieht die Provence ins Beyeler ein. Erstmals widmet die Fondation Paul Cezanne (1839–1906) eine Einzelausstellung. Blick trifft Direktor Sam Keller (60), während die ersten Werke aufgehängt werden.

Als Erstes kommen die Gemälde aus der eigenen Sammlung an die Wand – darunter «Unterholz» 1900–1902, eines von Kellers Lieblingsbildern. «Für mich ist es eines der besten», sagt er. «Weil es den Weg in die Moderne so deutlich zeigt.» Cezanne war mit seinem Gespür für Licht, Farbe und Form ein Brückenbauer. Die Ausstellung zeigt, wie er die Malerei grundlegend veränderte – und so, wie Pablo Picasso (1881–1973) sagte, zum «Vater von uns allen» wurde. Cezanne löste die Zentralperspektive auf, wie sie seit der Renaissance üblich war. «Das Bild ist kein Fenster mehr, sondern eine eigene Ordnung aus Farbe und Fläche», so Keller.

Der Vater der Moderne

Cezanne wollte nicht naturgetreu abbilden, sondern zeigen, wie wir die Welt erleben – in all ihren Farben und Stimmungen. Er arbeitete mit seinen berühmten «Taches», verzichtete auf Konturen, und im mediterranen Licht verschmelzen so Natur, Stille und zeitlose Schönheit. Damit wurde seine Heimat nicht nur Kulisse, sondern Herzstück einer neuen Bildsprache. «Seine Bilder haben der Provence geholfen, zu einem Sehnsuchtsort zu werden», sagt Keller. Gleichzeitig zeigen sie, wie Cezanne mit wenigen Farben eine Bildsprache entwickelte, die die Moderne prägte.

Mit seinem forschenden Geist inspiriert Cezanne bis heute. Er lebte Ende des 19. Jahrhunderts in einer Zeit des radikalen Umbruchs. Farben konnten erstmals industriell hergestellt und in Tuben abgefüllt werden, Künstler malten draussen. Mit der Fotografie konnte die Realität viel schneller und präziser abgebildet werden und die Naturwissenschaften veränderten das Weltbild. Diese Umbrüche ähneln unserer Gegenwart: Digitalisierung, Bilderflut und künstliche Intelligenz. «Durch das steigende Tempo, in dem heute Bilder entstehen, nimmt auch ihre Vergänglichkeit exponentiell zu. Das wird für Künstler zu einer noch grösseren Herausforderung», so Keller. «Von Cezanne kann man lernen, was ein Bild ist. Wie ist ein Bild konstruiert? Und wie kann es in der Zeit bestehen?» Seine Werke seien über hundert Jahre alt und hätten Bestand.

Das Gemälde «Sous-Bois» stammt aus der Beyeler Sammlung.
Foto: Kurt Reichenbach

Cezanne als Vorgänger der Pixel

Ein Schlüssel dazu seien die typischen Farbflecken von Cezanne, die nicht mechanisch gesetzt, sondern aus Wahrnehmung und Empfindung entstehen. «Das ist wie ein Vorgänger des Pixel – aber nicht von einer Maschine gemacht, sondern von einer emotionalen Intelligenz. Cezanne hat etwas gefunden, was der Mensch kann, was damals die Maschine nicht konnte. Das gilt auch heute wieder.»

Neben ikonischen Werken aus öffentlichen Sammlungen wie dem Museum of Modern Art, dem Musée d’Orsay oder der Tate stammt die Hälfte der ausgestellten Gemälde aus privaten Sammlungen, darunter auch das noch nie präsentierte Werk «Badende», 1900–1906. Bevor die Originale an die Wände kommen, testen die Kuratoren die Ausstellung in Miniatur: «Wir machen zuerst ein Modell im Massstab 1:20 – wie eine Art Puppenstube», sagt Keller. So lassen sich Abstände prüfen, Bilder verschieben und Varianten austesten. Bis die wertvollen Werke eintreffen, hängen Reproduktionen in Originalgrösse an den Wänden.

Erwartet werden Werke in Millionenhöhe. Darunter auch das Gemälde «Obst und Ingwertopf» (1890–1893), das vor zwei Jahren für 33,5 Millionen Dollar versteigert wurde. Die Auktion von insgesamt drei Cezanne-Gemälden sorgte vor drei Jahren für Aufsehen, denn sie stammten aus dem Museum Langmatt in Baden AG. Der Verkauf sorgte in Fachkreisen für Kritik: Die Aufgabe einer solchen Institution sei es nicht, sich am Kunstmarkt zu beteiligen, sondern Kunst zu bewahren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Der Verkauf war eine aussergewöhnliche Massnahme des Stiftungsrats, um mit dem Erlös die Zukunft des Museums zu sichern.

Kulturelles Erbe für alle

Der Fall zeigt, wie anspruchsvoll es für Museen geworden ist, selbst Werke zu erwerben. Mit steigenden Preisen sind sie zunehmend auf Leihgaben angewiesen – und damit wächst die Sorge, dass bedeutende Gemälde in privaten Sammlungen verschwinden. Nicht so mit diesem Cezanne, der nun ins Beyeler kommt. «Das freut uns natürlich», sagt Keller. «Es geht ja auch um ein kulturelles Erbe, das möglichst allen zugänglich sein soll. Viele private Sammler teilen diese Haltung und wissen, dass ihre Werke bei uns gut aufgehoben sind und in einem passenden Rahmen präsentiert werden.»

Die Welt wahrnehmen wie Cezanne, das kann man während der Ausstellung ausprobieren: Ein Raum steht zum Malen von Aquarellen zur Verfügung – die Kulisse bietet statt der Provence der Park der Fondation Beyeler.

«Cezanne» vom 25. Januar bis 25. Mai 2026 in der Fondation Beyeler.
 

Funfact: Der Künstler hat seine Bilder immer mit «Cezanne» gezeichnet, also ohne «é». An die Schreibweise halten sich auch die Museen und Bücher – damit auch diese Publikation.
 

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