Eltern überlegen es sich gut
Soll das Kind mehrsprachig aufwachsen?

Wer bilingual aufwachsen darf, ist privilegiert. Doch manche Eltern tun sich schwer mit dem Entscheid, ihrem Kind ihre eigene Erstsprache weiterzugeben. Denn gewisse Sprachen werden von der Gesellschaft als weniger wertvoll angesehen als andere.
Publiziert: 31.10.2023 um 20:08 Uhr
|
Aktualisiert: 18.12.2023 um 19:49 Uhr
Teile uns deine Meinung zur Vorlesefunktion mit. Zur kurzen Umfrage.
1/5
Die Fähigkeit, sich in mehreren Sprachen verständigen zu können, ist auf vielen Ebenen eine Bereicherung.
Nataša Mitrović

Mehrsprachig aufzuwachsen, ist aufregend und eine kulturelle Bereicherung. Eigentlich. Larissa Trösch (41), Entwicklungspsychologin und Dozentin der Pädagogischen Hochschule Bern, sagt: «Alle Sprachen sind wertvoll.» Leider werden sie in der Gesellschaft unterschiedlich gewertet.

Das passiert auch an Schulen. In Gesprächen mit verschiedenen Lehrpersonen wird die Mehrsprachigkeit generell als Ressource gewertet – insbesondere wenn die Zweitsprache einer Landessprache entspricht oder Englisch ist. Bei Albanisch, Türkisch, Bosnisch, Tamilisch oder Arabisch, um nur ein paar zu nennen, ist das nicht immer der Fall.

Dies ist auch manchen mehrsprachigen Eltern bewusst, die sich überlegen, welche Sprachen sie in ihrer Familie sprechen wollen. Stärker ins Gewicht fällt aber, wie sattelfest und zu Hause sie sich in der Erstsprache ihrer Kindheit fühlen, der Sprache ihrer Eltern, die in die Schweiz migriert waren.

Mehrsprachigkeit – die Qual der Wahl


«Eltern sollen mit ihren Kindern in jener Sprache sprechen, in der sie sich am wohlsten fühlen», sagt Trösch. Emotionen werden unter anderem durch die Sprache vermittelt. Sprechen die Eltern mit ihren Kindern in jener Sprache, in der sie sich am besten ausdrücken können, hat dies auch einen Einfluss auf die Beziehungsqualität der Eltern zu ihren Kindern.

Landesmuseum: Mehrsprachige Schweiz entdecken

Derzeit kann man die sprachliche Vielfalt der Schweiz im Landesmuseum in Zürich entdecken. Mehrsprachigkeit gehört zur Schweizer Identität. Da gibt es einerseits die vier Landessprachen – deutsch, französisch, italienisch und rätoromanisch – und andererseits unzählige Dialekte, wie das Pus'ciavin, Walliserdeutsch, die Patois und das Sursilvan, um nur ein paar zu nennen.

Die interaktive Ausstellung bietet eine gute Übersicht über die Sprachen, die in der Schweiz gesprochen werden. Der Fokus liegt dabei auf der Vielfalt der Dialekte der vier Landessprachen.

Ein kleinerer Teil der Ausstellung widmet sich den übrigen Sprachen, die in der Schweiz gesprochen werden. Nebst Englisch wird am häufigsten Albanisch und Portugiesisch gesprochen. Ungefähr zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung verwenden in ihrem Alltag regelmässig mehr als eine Sprache. Rund 20’000 Menschen in der Schweiz nutzen die Gebärdensprache.

Ausstellung im Landesmuseum Zürich, «Sprachenland Schweiz», bis 14.1.24.

Derzeit kann man die sprachliche Vielfalt der Schweiz im Landesmuseum in Zürich entdecken. Mehrsprachigkeit gehört zur Schweizer Identität. Da gibt es einerseits die vier Landessprachen – deutsch, französisch, italienisch und rätoromanisch – und andererseits unzählige Dialekte, wie das Pus'ciavin, Walliserdeutsch, die Patois und das Sursilvan, um nur ein paar zu nennen.

Die interaktive Ausstellung bietet eine gute Übersicht über die Sprachen, die in der Schweiz gesprochen werden. Der Fokus liegt dabei auf der Vielfalt der Dialekte der vier Landessprachen.

Ein kleinerer Teil der Ausstellung widmet sich den übrigen Sprachen, die in der Schweiz gesprochen werden. Nebst Englisch wird am häufigsten Albanisch und Portugiesisch gesprochen. Ungefähr zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung verwenden in ihrem Alltag regelmässig mehr als eine Sprache. Rund 20’000 Menschen in der Schweiz nutzen die Gebärdensprache.

Ausstellung im Landesmuseum Zürich, «Sprachenland Schweiz», bis 14.1.24.

Mehr

Ist die Familiensprache eine andere Sprache als Deutsch, erhalten die Kinder Zugang zu einer weiteren Kultur. Die Mutter des fünfjährigen Saiid, Senada Mehović (44), kann sich zwar differenzierter auf Deutsch und Schweizerdeutsch ausdrücken, trotzdem entschieden sie und ihr Mann sich für Bosnisch als Familiensprache. «Da der Grossteil unserer Familie im Ausland lebt, ermögliche ich meinem Sohn auf diese Weise einen Zugang zur bosnischen Kultur.»

Ausserdem lernt ihr Sohn über das Bosnische eine weitere Sprachfamilie kennen, nämlich das Slawische. Es unterscheidet sich in seiner Struktur von den lateinischen Sprachen. «So lernt er, sich in verschiedenen Sprachfamilien zurechtzufinden.» Mehović sagt, dass auch ihr bosnischer Wortschatz vielfältiger und grösser geworden sei, seit sie mit ihrem Sohn in der Sprache ihrer Eltern spricht. Denn es ist ihr wichtig, sich im Gespräch mit ihm vielfältig auf Bosnisch auszudrücken.

Werbung

Anders entschied sich Carla Ferreira (32). Sie ist frischgebackenes Mami und spricht mit ihrer Tochter Schweizerdeutsch, der Sprache, die sie auch mit ihrem Mann spricht. Für beide ist Portugiesisch ihre Erstsprache, die sie aber praktisch nur noch mit ihren Eltern und Verwandten im Ausland sprechen. «Am besten und natürlichsten kann ich mich auf Schweizerdeutsch ausdrücken», sagt Ferreira.

Dass die Grosseltern ihre Enkeltochter zwei Tage in der Woche hüten, hat ihr die Entscheidung leichter gemacht, ihrer Tochter die Sprache der Eltern selbst nicht weiterzugeben. Ferreira sagt: «Ich habe das Glück, dass sie durch ihre Grosseltern richtig Portugiesisch lernen kann.»

Während Ferreira und Mehović dafür sorgen, dass ihr Kind die Sprache der Grosseltern lernen, ist dies nicht immer der Fall, wie Entwicklungspsychologin Trösch weiss: Der Abwertung einer Sprache folgt häufig auch eine Abwertung der mit ihr verbundenen Kultur. Um Diskriminierung zu vermeiden, könne es deshalb auch vorkommen, dass Menschen mit einer «vermeintlich weniger wertvollen» Erstsprache diese gänzlich meiden. «Das ist sehr schade», sagt Trösch.

Denn Sprachen vermitteln nicht nur einen wertvollen Zugang zu verschiedenen Kulturen, sondern fördern auch die Kommunikationsfähigkeit. «Kinder, die mit mehreren Sprachen aufwachsen, entwickeln ein Gefühl für verschiedene grammatikalische Strukturen», erläutert die Expertin. Deshalb falle es ihnen einfacher, neue Sprachen zu lernen.

Werbung

Sprachvielfalt in den Alltag einbauen

Während Ferreiras Tochter zu Hause Schweizerdeutsch lernt, lernt Saiid Schweizerdeutsch in der Kindertagesstätte, die er, seit er sieben Monate alt war, besucht, «mir ist es wichtig, dass Saiid früh auch einen Zugang zur deutschen Sprache hat.» Trösch bestätigt das: «Es ist sicherlich von Vorteil, möglichst früh einen Sprachkontakt zu Deutsch herzustellen.»

Sprachvermittlung passiert nicht nur durch Gespräche; Vorlesen, Hörspiele oder Musik dürfen nicht unterschätzt werden und können zu Hause leicht in den Alltag eingebaut werden. Dadurch entwickeln Kinder ein Gefühl für die Sprache. «Dann stehen die Chancen sehr gut, Deutsch schnell im Kindergarten zu lernen.» Wenn ein Kind erst im Kindergarten das erste Mal mit Deutsch in Kontakt kommt, ist die Gefahr grösser, dass es schulisch von Mitschülerinnen und Mitschülern abgehängt wird, weil es die Sprache von Grund auf neu lernen muss.

Seit ihr Sohn im Kindergarten ist, bemerkt Mehović, dass Saiid Bosnisch und Deutsch immer häufiger gleichzeitig verwendet. «Das ist überhaupt kein Problem», meint Trösch. Wenn das Kind von sich aus beginnt, die Zweitsprache vermehrt zu verwenden, dann kann man zu Hause auch anfangen, diese in den Alltag einzubauen. Die einzige Regel: Eltern sollen im Gespräch mit ihren Kindern nicht mehrere Sprachen in einem Satz verwenden.

Externe Inhalte
Möchtest du diesen ergänzenden Inhalt (Tweet, Instagram etc.) sehen? Falls du damit einverstanden bist, dass Cookies gesetzt und dadurch Daten an externe Anbieter übermittelt werden, kannst du alle Cookies zulassen und externe Inhalte direkt anzeigen lassen.
Fehler gefunden? Jetzt melden
Alle Kommentare
Liebe Leserin, Lieber Leser
Der Kommentarbereich von Blick+-Artikeln ist unseren Nutzern mit Abo vorbehalten. Melde dich bitte an, falls du ein Abo hast. Noch kein Blick+-Abo? Finde unsere Angebote hier:
Hast du bereits ein  Abo?