Aufgeputschte Studenten
LSD statt Kaffee zum Zmorge

Ob Ritalin oder Mini-LSD-Dosen: Studenten dopen sich besonders oft. Ein ehemaliger ETH-Student erzählt, warum er damit aufhörte, Ritalin zum Lernen zu nehmen.
Publiziert: 20.08.2017 um 12:35 Uhr
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Aktualisiert: 12.10.2018 um 15:07 Uhr
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Viele Studenten an ETH und Uni Zürich steigern künstlich ihre Leistung.
Aline Wüst

Wie viele es tun, weiss niemand. Sie zu finden, ist nicht leicht. Darüber reden will kaum einer. Bloss in der Anonymität wissenschaftlicher Studien tauchen sie auf – Berufsschüler, Gymnasiasten und Studenten, die sich für mehr Leistung dopen. Einer von ihnen ist Manuel (30). Er will anonym bleiben. Gerade hat er seinen Master in Architektur an der ETH abgeschlossen. Ein intensives Studium. Bei dem auch Ritalin eine Rolle spielte.

Es war ein besonders strenges Semester. Die Studenten arbeiteten intensiv an Projekten. So intensiv, dass oft die Zeit fehlte, Vorlesungen zu besuchen. Ende Semester aber standen die Prüfungen an. Manuel lernte zusammen mit ­einem Kollegen. Acht Stunden pro Tag sassen sie hinter ihren Büchern. Er sagt:« Es war nicht so, dass ich dachte, ich habe keine Chance, wenn ich nicht dope.» Eher habe er sich gefragt, was Doping kann, «welche Leistung wäre damit möglich?» Bei einem Freund, der an Aufmerksamkeitsstörungen leidet, besorgte sich Manuel eine Schachtel Ritalin.

«Du spürst nicht, wie die Zeit vergeht.»

Die Wirkung, sagt er, trat nach zwanzig Minuten ein. Wenn man das nächste Mal auf die Uhr schaue, seien vier Stunden vergangen: «Du spürst nicht, wie die Zeit vergeht.» Er habe weder Lust auf Kaffee noch auf Zigaretten verspürt, nur Ehrgeiz – alles ausser dem Buch vor ihm war egal. «Ich hatte gar keine anderen Gedanken mehr.» Er sei so konzentriert gewesen, dass er wütend wurde, als jemand neben ihm in einen Apfel biss. «Ich ertrug dieses Geräusch nicht!»


Ritalin sei gut für Mathematik oder zum Auswendiglernen. Kreativ arbeiten gehe damit nicht. Dafür sei das Denken unter Ritalin zu rational. Nach vier Stunden lässt die Wirkung nach. Dann schleichen sich wieder tausend Gedanken in den Kopf. Manuel und sein Kommilitone griffen meist zu Ritalin, wenn sie nach acht Stunden Lernen keine Energie mehr hatten. Dann konnten sie locker nochmals vier Stunden anhängen. Einmal brüteten sie den ganzen Tag über Matheaufgaben, kamen nicht auf die Lösung. Manuel ging müde nach Hause, sein Kollege schluckte ein Ritalin – und löste die Aufgaben.

«Ich musste immer mehr schlafen.»

Unterm Strich, fand Manuel, brachte ihm das Doping nichts. Zwar liess es ihn hochkonzentriert lernen, danach aber fühlte er sich müde und ausgelaugt: «Am Ende gewinnst du nicht viel. Ich musste immer mehr schlafen.»

Markus Berger erforscht die Wirkung von Kaffee genauso wie die von LSD.

Gäbe es eine Substanz ohne die Nebenwirkungen von Ritalin, wäre er dabeigeblieben, sagt er. Unfair sei der Konsum von leistungssteigernden Substanzen nicht: «Ist es nicht grundsätzlich ungerecht, dass sich einer besser konzentrieren kann als der andere?» Schliesslich tue man auch sonst einiges, um sich zu optimieren.

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Der Ethnobotaniker und Drogenforscher Markus Berger (43) kann das verstehen – und geht sogar noch weiter: «Die Anforderungen steigen und steigen. Wer nicht mithält, ist raus.» Dennoch stigmatisiere die Gesellschaft diejenigen, die Substanzen zu sich nehmen, um mithalten zu können. Berger bringt im Herbst im Solothurner Nachtschatten Verlag ein Buch über Kaffee heraus, die wohl am weitesten verbreitete psychoaktive Droge, wie er sagt. Im Gegensatz zu Ritalin, Modafinil oder LSD sei Kaffee aber in der Gesellschaft komplett akzeptiert. Es sei für niemanden ein Problem, wenn man mehrere Tassen Kaffee am Tag trinke.

Ausgerechnet das für seine farbigen Drogentrips berühmte LSD ist der neuste Trend in Sachen leistungssteigernder Substanzen. In minimal dosierten Mengen kommt die halluzinogene Wirkung der synthetischen Droge nicht zum Tragen. Stattdessen macht LSD wach. Weshalb es sich besonders im Start-up-Paradies Silicon Valley grösster Beliebtheit erfreue.

«Es hebt die Stimmung»

Berger kennt auch Studenten, die morgens statt eines doppelten Espressos zehn bis 30 Mikrogramm LSD zu sich nehmen. Er hat es selbst probiert: «Es hebt die Stimmung, ich fühlte mich besser und war für etwa vier Stunden fit und fokussiert.»

Der Drogenforscher ist überzeugt, dass leistungssteigernde Substanzen das grosse Thema der nächsten Jahrzehnte sein werden – und kann sich gut vorstellen, dass der Umgang damit einmal ebenso normal sein wird wie die Tasse Kaffee zum Frühstück.

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