Trend: Reisen und arbeiten
Zwei Frauen, eine kleine Farm – viel Vertrauen

Reisen, andere Länder, Menschen und Kulturen kennenlernen, das wünschen sich viele. Oft scheiterts am Geld. Die Zürcherin Stefanie Hermanni hat einen günstigen Weg gefunden, ihr Traumland Schweden nicht nur als Touristin zu entdecken.
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Auf ihrer kleinen Farm in Schweden: Emma Birgersson.
Foto: zVg

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Stefanie Hermanni aus Zürich lebt seit Januar 2026 auf einer Farm in Schweden
  • Täglich kümmert sie sich allein um Tiere und Hofarbeiten
  • Workaway hat über 50'000 Gastgeber in mehr als 170 Ländern
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Katja RichardRedaktorin Gesellschaft

Sie hat ihren Töff verkauft, den Job und die Wohnung im Thurgau gekündigt. Auf der kleinen Farm Söraby in Småland kümmert sich Stefanie Hermanni (24) um einen Hof mit Tieren – gegen Kost und Logis. «Das ist meine Art zu reisen.» Für die gelernte Autolackiererin ist es die beste Möglichkeit, andere Länder, Menschen und Kulturen kennenzulernen – mit kleinem Budget, dafür mit mehr Zeit. Schweden steht schon seit ihrer Kindheit auf ihrer Wunschliste.

Gefunden hat sie den Hof und Gastgeberin Emma Birgersson (50) über Workaway. Die Plattform zählt heute über 50'000 Angebote in mehr als 170 Ländern – vom Olivenhof in Italien über Hundesitting in New York bis zu Umweltprojekten in Südafrika. Die Einsätze reichen von Gartenarbeit und Kinderbetreuung bis zu Kreativ- und Community-Projekten. In der Regel arbeitet man 25 Stunden pro Woche, einen fixen Mindestaufenthalt gibt es nicht, viele Gastgeberinnen wünschen sich jedoch zwei bis drei Wochen. In der Schweiz gibt es derzeit rund 30 bis 35 aktive Workaway-Angebote. Es sind vor allem Bauernhöfe, ökologische Projekte oder Familien, die freiwillige Helferinnen und Helfer aufnehmen. Hier gilt: Wer gegen Kost und Logis mithilft, kann rechtlich als erwerbstätig gelten – wer aus der EU oder Efta-Ländern kommt, muss sich bei Aufenthalten über drei Monate melden, alle anderen brauchen meist eine Arbeitsbewilligung.

Gastgeberin Emma Birgersson mit ihrem Islandpferd – Thota gehört für sie zur Familie.
Foto: zVg

Die Tiere sind wie Familie

«Damit es klappt, braucht es auf beiden Seiten Offenheit und Abenteuerlust», sagt Stefanies Gastgeberin Emma. «Es ist etwas sehr Intimes – man lässt jemanden ins eigene Zuhause. Stefanie lebt quasi mein Leben, in meinem Haus, mit meinem Auto und meinen Tieren.» Entscheidend sei das Gefühl, jemandem wirklich vertrauen zu können. Emma nutzt Workaway seit über zehn Jahren. Menschen aus den USA, Australien, der Türkei und vielen anderen Ländern haben bei ihr gelebt. Meist sind es junge Leute, ihr ältester Helfer war 66. «Hilfe kann ich hier immer brauchen. Und ich mag diese Form des Austauschs.»

Zum ersten Mal überlässt Emma ihre Farm für ganze zwei Monate jemand anderem. «Die Tiere sind wie meine Familie», sagt sie. Dazu gehören die beiden Pferde Armen und Thota. Ausserdem Kater Tellus, der fürs Rattenfangen und Kuscheln zuständig ist. Und fünf Moschusenten, die im Garten die Schnecken vertilgen. Stefanie kam bereits drei Wochen vor ihrer Abreise nach Schweden – ausgerechnet in einem der härtesten Winter, den die Betreiberin je erlebt hat. Nicht wegen des Schnees, sondern wegen der Kälte: «Der Schnee ist geschmolzen, danach gab es wochenlang Minustemperaturen – der ganze Hof und das Feld waren eine einzige Eisfläche.»

Es war ein harter Winter: Auf der Farm herrschten wochenlang Minustemperaturen.
Foto: zVg

Inzwischen ist Stefanie seit einem Monat allein auf der Farm – anfangs eine Herausforderung. «Solange Emma da war, war klar: Sie ist der Boss. Jetzt muss ich selbständiger sein, Lösungen finden und Entscheidungen treffen.» Für die Arbeit führt sie täglich eine Checkliste: füttern, ausmisten, die Pferde auf die Weide bringen. Ebenso gehören die Enten versorgt und die Pflanzen gegossen. 

Langweilig wird es auf dem Land nie

Einsam oder gelangweilt fühlt sich die Zürcherin auf dem Land nicht. Die nächste grössere Ortschaft, Eksjö, ist rund 20 Minuten entfernt, doch bisher war sie kaum dort. «Ich bin gerne einfach für mich.» Was Stefanie an Workaway schätzt, ist die Kombination: Einerseits lebt und arbeitet sie mit der Besitzerin zusammen, andererseits gehören ihr diese zwei Monate ganz allein. Sie tauscht sich regelmässig mit ihr aus. «Ich schicke Emma jeden Tag die Checkliste. Oft ruft sie mich morgens schon vorher an.»

Das liege nicht an fehlendem Vertrauen, so Emma: «Stefanie ist 110 Prozent zuverlässig. Aber die Struktur hilft. So kann ich meine Auszeit geniessen und muss nicht ständig daran denken, ob die Enten ihr Futter bekommen.» Für Stefanie war es ein grosser Schritt, so viel Verantwortung zu übernehmen. «Ich glaube, ich habe in einem Monat so viel erlebt und gelernt wie vorher in meinem ganzen Leben nicht.»

Angst, Fehler zu machen, habe sie nicht unbedingt. Aber sie schlüpfte innert kurzer Zeit in die viel grösseren Schuhe der erfahrenen Betreiberin. Die Eigenverantwortung für eine kleine Farm ist für sie eine Art Lebensschule. «Ich bin jemand, der sonst nicht so viel redet», sagt sie. Jetzt hat sie dank des intensiven Austauschs mit Emma in der Kommunikation zugelegt: «Ich kann viel direkter und klarer Dinge ansprechen.» Dazu gehöre auch, ehrlich zu sagen, wie man sich fühle – «etwa, wenn man einen schlechten Tag hat. Ohne dass man erklären muss, warum».

Mehr als ein Job

Für die Gastgeberin ist Workaway ein einzigartiger Weg, zusammenzukommen. «Es ist nicht einfach ein Job, bei dem man kommt und wieder geht. Man lebt zusammen, man arbeitet zusammen.» Man könne sich gegenseitig nichts vormachen. «Das klappt höchstens zwei Wochen. Darum lernt man auch jedes Mal vieles über sich selber.» In der Regel macht sie gute Erfahrungen. Ihr offenes Haus sei auch eine Art Mentorship. «Hätte ich mit 18 gewusst, was ich heute an Erfahrung habe – ich hätte vielleicht andere Entscheidungen getroffen. Das kann ich weitergeben.»

Im Sommer gibs auf der Farm Glamping – mit viel Ruhe und ohne Wi-Fi.
Foto: zVg

Zwischen den beiden Frauen stimmte die Chemie von Anfang an. «Es fühlt sich an, als ob zwei Seelen-Schwestern zusammenkommen», sagt Emma. Stefanie möchte deshalb bis zum Sommer, vielleicht sogar bis in den Herbst bleiben. Dann startet für die Farmbesitzerin auf Söraby die Glamping-Saison, diese bewältigt sie ohne Hilfe von Workaway. In drei grossen Zelten haben maximal 17 Personen Platz, meist Familien. Zu den Ausflugszielen in der Nähe gehört auch Vimmerby, die Heimatstadt von Pippi Langstrumpf. Wer auf die Farm kommt, schätzt vor allem die Nähe zur Natur und die Ruhe: Das Areal ist Wi-Fi-frei.

Im Sommer bietet Emma zudem Retreats für Gruppen an – mit Tanz, Heilung, Meditation und persönlicher Entwicklung. Für Stefanie eine Gelegenheit, mit einzutauchen. Wie es danach weitergeht, ist offen. «Zurück in einen normalen Job in der Schweiz möchte ich noch nicht», sagt sie. Wahrscheinlicher ist ein nächstes Abenteuer mit Workaway: «Die erste Erfahrung hat sich echt gelohnt – und sie öffnet mir neue Möglichkeiten.»

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