Ökonom über Industriepolitik
«Bei Glasflaschen wollen Kunden keinen Mehrpreis bezahlen»

Die letzte Glasflaschenfabrik der Schweiz soll geschlossen werden. Weshalb geht diese Industrie verloren? Ein Gespräch mit Volkswirtschaftsprofessor Reto Föllmi.
Publiziert: 27.04.2024 um 11:10 Uhr
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Aktualisiert: 06.05.2024 um 11:01 Uhr
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In Saint-Prex (VD) am Genfersee steht die letzte Glasflaschenfabrik der Schweiz.
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Robin BäniRingier Journalistenschüler

Herr Föllmi, die Schweiz droht ihre letzte Glasflaschenfabrik zu verlieren. Bereits im Juli könnte das Werk geschlossen werden. Was hätte das für Auswirkungen?
Reto Föllmi:
Direkt wären die rund 180 Beschäftigten dieser Fabrik betroffen. Aber für die ganze Schweiz wären die Auswirkungen gering.

Weshalb?
Die Schweiz wird dann aus den Nachbarländern mit Glasflaschen beliefert, so wie es jetzt schon zum grossen Teil geschieht.

Die Schliessung dieser Fabrik ist kein Einzelfall. Auch die Stahl- und Aluminiumindustrie steht unter Druck.
Alle Industrien, die Produkte mit tiefen Margen herstellen, sind in der Schweiz unter Druck. Das betrifft auch die Maschinen- und Textilindustrie. Deshalb richtet sich unsere Wirtschaft auf spezialisierte Produkte aus.

Können Sie das ausführen?
Eine Flasche lässt sich im Ausland günstig produzieren. Dafür braucht es keine hoch qualifizierten Arbeitskräfte, wie sie die Schweiz hat. Deshalb wandert die Massenproduktion von Stahl und Glas ab. In anderen Branchen können Spezialisten noch einen Mehrwert bieten, so zum Beispiel in der Chemieindustrie. Allein mit Masse machen wir keinen Gewinn, also setzen wir auf Klasse. Aber das wollen sich eben nicht alle leisten.

Reto Föllmi

Reto Föllmi (48) ist Professor für internationale Ökonomie an der Universität St. Gallen und Direktor des SIAW-HSG. Derzeit leitet er als Vizepräsident die Institute und die Weiterbildung an der HSG. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen die Bereiche Makroökonomie, Verteilung, internationaler Handel und Wirtschaftswachstum.

Reto Föllmi (48) ist Professor für internationale Ökonomie an der Universität St. Gallen und Direktor des SIAW-HSG. Derzeit leitet er als Vizepräsident die Institute und die Weiterbildung an der HSG. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen die Bereiche Makroökonomie, Verteilung, internationaler Handel und Wirtschaftswachstum.

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Wie meinen Sie das?
Gerade bei Glasflaschen wollen die Kunden keinen hohen Mehrpreis für die Schweizer Qualität bezahlen. Sie importieren lieber günstige Flaschen aus dem Ausland.

Die USA oder die EU fördern gewisse Schlüsselindustrien mit Milliarden. Die Schweiz macht das nicht.
Für Firmen in der Schweiz ist es natürlich sehr unangenehm, wenn sie mit gedopten, also subventionierten, Unternehmen konkurrieren müssen. Das führt zu ungleich langen Spiessen. Aber unsere Volkswirtschaft profitiert davon.

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Inwiefern?
Dadurch können wir im Ausland günstige Produkte einkaufen, die vom ausländischen Steuerzahler quersubventioniert wurden. Mit dem Geld, das wir so sparen, treiben wir unsere Spezialisierung voran. Das fördert den Wohlstand.

Aber Glasflaschen zu importieren, schadet wegen des Transports der Umwelt.
Geografische Nähe ist kein Garant für Umweltfreundlichkeit. Drei kleine Glaswerke in der Schweiz verbrauchen mehr Energie und Ressourcen als ein zentrales im Ausland. Das kann ökologischer sein, trotz Transport.

Dann sind wir jedoch vom Ausland abhängig.
Das sind wir ohnehin. Es ist unmöglich, die gesamte Wertschöpfungskette heimisch zu halten. Wir sind dazu verdammt, Handel zu betreiben. Je mehr Länder mit uns handeln, desto sicherer ist unsere Versorgung. So können wir ausweichen, wenn es in einem Land zu Lieferengpässen kommt.

Wäre es nicht sinnvoller, unsere Industrien zu subventionieren, damit sie hierbleiben?
Die kleine Schweiz kann und soll im globalen Subventionswettlauf nicht mithalten. Während der Corona-Pandemie wurden Forderungen nach staatlicher Unterstützung salonfähiger, doch das hilft nur kurzfristig.

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Der Staat greift auch anderen Branchen unter die Arme, zum Beispiel den Bauern.
Das hilft im besten Fall den Bauern und schadet sicher allen anderen. Der Rest der Wirtschaft und die Konsumenten verlieren. Jemand zahlt den Preis, und das sind immer die anderen.

Ein Vorstoss auf Bundesebene fordert eine nationale Industriestrategie zugunsten von Glas. Ist das sinnvoll?
Nein, die Glasflaschenproduktion ist sicherheitspolitisch nicht relevant. Wenn wir in jedem Einzelfall staatlich eingreifen, stirbt letztlich die gesamte Industrie.

Die Industrie geht uns jetzt schon verloren. Ist sie irgendwann ganz weg?
Nein, die Schweiz hat viele innovative Industrieunternehmen. Die ganze Breite können wir aber nicht abdecken. Wir haben zum Beispiel keine Autoindustrie und dennoch floriert die Schweiz. Dies, weil wir uns auf die eigenen Erfolgsfaktoren besonnen haben: spezialisierte Produkte und eine gut ausgebildete Bevölkerung.

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