Nackter Horror oder pure Lust
Was du beim Duschen im Ferienhotel alles erleben kannst

Sanfte Massagedüsen und warme Sommerregen, verkalkte Duschbrausen und verstopfte Abflüsse: Wer in Hotels Ferien macht, kann im Badezimmer viel erleben. Unser Autor über Freud und Leid in der Nasszelle.
Publiziert: 07.07.2024 um 14:34 Uhr
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Aktualisiert: 08.07.2024 um 07:16 Uhr
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Duschen in Hotels und Motels kann eine Wohltat sein (Filmszene aus «Psycho»).
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Daniel ArnetRedaktor Gesellschaft / Magazin

Die Duschszene im Motel dauert ungefähr zwei Minuten. Sie besteht aus über 70 einzelnen Einstellungen à ein bis zwei Sekunden: Duschkopf von unten – Schnitt! Herabprasselndes Wasser – Schnitt! Duschvorhang – Schnitt! Ein Messer – Schnitt! Ein weit aufgerissener Mund – Schnitt! Vogelperspektive auf die Badewanne – Schnitt! Zoom aufs abfliessende Wasser im Ablauf.

Diese 1960 im Netflix-Tempo aufgenommene Filmsequenz aus «Psycho» vom britischen Meisterregisseur Alfred Hitchcock (1899–1980) hat zumindest vorübergehend viele davon abgehalten, eine Dusche in einem Motel oder Hotel zu benutzen. Und manchmal sind solche Nasszellen heute noch zum Schreien – vor Schreck oder aus Freude.

Die Vier-P-Prüfung für jede Hoteldusche

Nackter Horror oder pure Lust – Hotelduschen können beides sein. Über Freud und Leid entscheiden im Wesentlichen folgende Punkte: Platzverhältnisse, Praxistest, Pflegezustand und Plauschfaktor. Die Vier-P-Prüfung lässt sich in jedem Hotel weltweit anwenden: Ob Ein-Stern-Schuppen oder Fünf-Stern-Palast – alle müssen sie bestehen. Und eigene Erfahrungen zeigen: Teurer heisst nicht immer besser.

Beginnen wir mit dem Raum. Betrete ich ein Hotelzimmer, ist der Blick in den Bad-Bereich der Lackmustest: Wie gross ist er? Ist er gut ausgeleuchtet? Hat er ein Fenster? Erfreut mich der Anblick der Kacheln? Überzeugt die Raumaufteilung? Ist die Dusche in der Badewanne oder separat? Sind Waschzone und WC räumlich getrennt? Es muss nicht jeder einzelne Aspekt stimmen, entscheidend ist der Gesamteindruck. 

Doch es gibt Schrankduschen und Duschkorridore. Schrankduschen haben meist einen Vorhang oder eine Schiebetür, denn für eine Schwingtür hat es keinen Platz. Seife ich mich ein, muss ich schauen, nicht ständig am Vorhang kleben zu bleiben oder die Ellbogen an den Wänden zu stossen. Und wenn ich frisch geduscht hinaustrete, gilt es aufzupassen, nicht gleich über das knapp davor platzierte WC zu stolpern.

Duschkorridore sind architektonisch eine neuere Entwicklung und kommen ohne wasserabweisende Schranken aus, denn bis zu den Armaturen bin ich eine gefühlte Nacktwanderung in die Tiefe der Kachelschlucht unterwegs – da kann nichts ins Badezimmer hinausspritzen. Und hinten angekommen, offenbart sich die räumliche Weite und Breite eines Wellness-Bereichs.

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Mit den Armaturen sind wir beim Praxistest angelangt. Hast du auch schon nackt und frierend während Minuten ein technisches Problem zu lösen versucht? Nicht? Dann warst du noch nie in einem hypermodernen Designerhotel mit Dusch-Bedienelementen für Dutzend Funktionen. Aber ich will ja nur warmes Wasser über mich rieseln lassen – stattdessen kommts kalt von oben, und ich stehe wie ein begossener Pudel da.

Knöcheltief in schleimig-schaumigem Schmutzwasser

Gewiss, schön gestaltete Wassermischer und Thermostate können das Auge entzücken, aber wenn ich nirgendwo ersehen kann, wozu welcher Griff steht, bin ich nicht mehr entzückt, sondern verrückt. Besonders ärgerlich, wenn ich eingeseift mit zugekniffenen, brennenden Augen blindlings den erlösenden Wasserstrahl starten will, doch es gelingt mir nicht – sei es, weil ich nicht nach dem richtigen Hebel greife, sei es, weil er klemmt.

Pflegezustand, der dritte Punkt, betrifft sowohl die Funktionsfähigkeit der Armaturen als auch die Sauberkeit des ganzen Badezimmers. Und der zeigt sich nicht immer auf den ersten Blick: Oben lasse ich die durchschnittlich neun Liter Wasser pro Minute durch die Brause rauschen, doch unten fliesst kaum etwas ab – und innert Kürze stehe ich knöcheltief in schleimig-schaumigem Schmutzwasser. Schauerlich!

Apropos Schmutz: Speziell bei Duschvorhängen in Hotels gehören schwarze Linien nicht immer zum Muster. Grüne Fugen zwischen den Plättchen sind auch nicht in jedem Fall vom Designer so gewollt. Und wenn das Wasser nicht aus allen Löchern der Brause kommt, ist das nicht zwangsläufig eine spezielle Einstellung der Massagedüse – manchmal sind die Dinger nur verkalkt. 

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Garantiert unverkalkt waren die waagerechten Strahlen aus einer Duschsäule eines Hotels im türkischen Göreme – prickelnd, wie sie meinen Rücken kraulten. Und in Buchs SG liess ich von einer in der Decke eingelassenen Kopfbrause einen weichen, warmen Sommerregen über mich rauschen. Wenn ich in solchen Hotels bin, dann kann ich es nicht lassen und stelle mich morgens und abends unter die Dusche. 

Das ist der Plauschfaktor. Und falls ich in einem verkorksten Ort abgestiegen bin, dann lasse ich es bleiben und entschuldige mich mit Verszeilen aus einem Gedicht des deutschen Schriftstellers Max Goldt (65): «Ungeduscht, geduzt und ausgebuht / fuhr ich in einer überfüllten U-Bahn / weh nach Hause.»

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