Vermeintliche Alleskönner im TCS-Test
Sind Ganzjahresreifen besser als ihr Ruf?

Erstmals in der TCS-Testhistorie glänzt ein Ganzjahresreifen als echter Alleskönner und erhält die Schlussbewertung «sehr empfehlenswert». Doch mehr als die Hälfte der getesteten Pneus entpuppen sich als faule Kompromisse – einige werden gar zum Sicherheitsrisiko.
Publiziert: 30.06.2024 um 16:00 Uhr
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Aktualisiert: 30.06.2024 um 16:31 Uhr
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Alleskönner oder fauler Kompromiss? Bisher konnten Ganzjahresreifen im TCS-Test kaum überzeugen.
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Andreas EngelRedaktor Auto & Mobilität

Von den Pneuherstellern werden Ganzjahresreifen gerne als echte Alleskönner angepriesen. Sie sollen sowohl bei sommerlicher Hitze als auch bei Minusgraden und schneebedeckten Pisten die Fahrsicherheit gewährleisten und so vor allem für Wenigfahrer mit deutlich unter 25'000 Kilometern im Jahr zur wirtschaftlich interessanten Alternative werden – ein halbjährlicher Pneuwechsel ist nicht nötig. Bisher konnten Ganzjahresreifen in den vom TCS durchgeführten Allwettertests aber kaum überzeugen. Umso erstaunlicher, dass 2024 zum ersten Mal in der TCS-Reifentestgeschichte ein Allround-Modell die Schlussnote «sehr empfehlenswert» erhält.

Von den 16 getesteten Modellen in der Dimension 205/55 R16 94V, die für Autos der unteren Mittelklasse wie Audi A3, Ford C-Max, Renault Megane, Skoda Octavia und VW Golf geeignet sind, holte der «Goodyear Vector 4Seasons Gen-3» vier von fünf möglichen Sternen und somit den Bestwert aller getesteten Ganzjahresreifen. Daneben erhalten sechs weitere Modelle das Prädikat «empfehlenswert». Der Test zeigt aber auch: Mehr als die Hälfte der untersuchten Reifen fällt bei den Experten durch. Sieben Modelle werden als «bedingt empfehlenswert», zwei sogar als «nicht empfehlenswert» beurteilt.

Markenreifen als Testsieger

Und selbst der Testsieger von Markenhersteller Goodyear ist nicht makellos. Bei der Fahrsicherheit liefert der Reifen zwar auf nasser und winterlicher Fahrbahn gute Ergebnisse, auf trockener Fahrbahn bei hohen sommerlichen Temperaturen weist er jedoch leichte Schwächen auf. Dank seines Bestwerts bei der prognostizierten Laufleistung von 60'700 Kilometern, einem geringen Abrieb sowie einer guten Effizienz gelingt es ihm aber, Punkte gutzumachen.

Ebenfalls positiv aufgefallen ist der «Pirelli Cinturato All Season SF2». Der Pneu sichert sich als einziger im Test eine gute Note bei der Fahrsicherheit und überzeugt sowohl bei sommerlichen als auch winterlichen und nassen Bedingungen mit (noch) guten Fahr- und Sicherheitseigenschaften. Mit einer prognostizierten Laufleistung von nur 33'000 Kilometern verliert der Reifen aber wichtige Punkte, sodass die Endbewertung bei «empfehlenswert» bleibt. Für Wenigfahrer sei der Pirelli aber definitiv eine gute Wahl, so das Urteil des TCS. 

Prädikat: lebensgefährlich

Die Mehrheit der Reifen beweist aber einmal mehr, dass es für die Hersteller immer noch nicht einfach ist, einen ausgewogenen Ganzjahrespneu zu bauen, der zu jeder Jahreszeit optimal eingesetzt werden kann. Bei sieben Modellen sind die Schwächen bereits so ausgeprägt, dass sie vom TCS nur als «bedingt empfehlenswert» eingestuft werden und somit keine Kaufempfehlung erhalten. Bei zwei Pneus wurden sogar so eklatante Schwächen festgestellt, dass die Tester explizit vom Kauf abraten. Der «Kenda Kenetica 4S» versagt beim Handling auf Schnee komplett, verliert früh an Traktion, neigt zum Untersteuern und hat kaum Reserven im Grenzbereich. Der «Infinity Ecofour» wiederum schwächelt vor allem auf nasser Fahrbahn, neigt früh zum Über- und Untersteuern und ist nur schwer kontrollierbar. 

Das bedeuten die Bezeichnungen am Reifen

Für viele Autofahrer sind die Zahlen und Buchstaben an den Pneuflanken unverständliche Hieroglyphen. Blick entschlüsselt, was da steht.

1. Reifenbreite in mm
2. Verhältnis Reifenhöhe zu -breite in Prozent. 65 % von 195 mm
3. Bauart des Reifens. R = Radialreifen
4. Felgendurchmesser in Zoll (1 Zoll = 2,54 cm)
5. Tragfähigkeitsindex (91 = 615 kg pro Reifen)
6. Index für die eingetragene Höchstgeschwindigkeit (H = 210 km/h)
7. Ersteller und Profilbezeichnung
8. DOT-Kennzeichen nach US-Vorschrift. Die Zahl symbolisiert das Herstellungsdatum, zum Beispiel 0817 = 8. Woche 2017
9. Tubeless = schlauchlos / Tube Type = mit Schlauch
10. Schneeflockensymbol signalisiert Wintertauglichkeit
11. M+S (Mud & Snow) sind Winter- oder Ganzjahresreifen
12. ECE-Prüfzeichen für Europa-Norm (14 ist die Landesbezeichnung der Schweiz)
13. Run Flat (Reifen mit Notlaufeigenschaften)
14. Abnützungsanzeiger (auf Lauffläche)

Für viele Autofahrer sind die Zahlen und Buchstaben an den Pneuflanken unverständliche Hieroglyphen. Blick entschlüsselt, was da steht.

1. Reifenbreite in mm
2. Verhältnis Reifenhöhe zu -breite in Prozent. 65 % von 195 mm
3. Bauart des Reifens. R = Radialreifen
4. Felgendurchmesser in Zoll (1 Zoll = 2,54 cm)
5. Tragfähigkeitsindex (91 = 615 kg pro Reifen)
6. Index für die eingetragene Höchstgeschwindigkeit (H = 210 km/h)
7. Ersteller und Profilbezeichnung
8. DOT-Kennzeichen nach US-Vorschrift. Die Zahl symbolisiert das Herstellungsdatum, zum Beispiel 0817 = 8. Woche 2017
9. Tubeless = schlauchlos / Tube Type = mit Schlauch
10. Schneeflockensymbol signalisiert Wintertauglichkeit
11. M+S (Mud & Snow) sind Winter- oder Ganzjahresreifen
12. ECE-Prüfzeichen für Europa-Norm (14 ist die Landesbezeichnung der Schweiz)
13. Run Flat (Reifen mit Notlaufeigenschaften)
14. Abnützungsanzeiger (auf Lauffläche)

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Wie stark sich die getesteten Modelle in ihren Eigenschaften unterscheiden, legt der Bremstest auf trockener Fahrbahn eindrücklich dar. Während der Testwagen (VW Golf 8) beim Kategoriesieger «Michelin CrossClimate 2» bei der Vollbremsung von 100 auf 0 km/h 39,5 Meter benötigt, sinds beim Schlusslicht «Uniroyal Allseason Expert 2» über sieben Meter mehr – 46,6 Meter!

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So wurde getestet

Die 16 getesteten Pneus mussten sich in 19 verschiedenen Testkriterien behaupten, die wiederum in die Hauptbereiche «Fahrsicherheit» und «Umweltbilanz» gegliedert wurden. Bei der Fahrsicherheit lag der Fokus neben der Trocken- und Nassperformance auf den Eigenschaften auf winterlicher Fahrbahn. Hierzu wurden die Reifen auf Schnee- und Eisfahrbahn bewertet. Beim Bereich Umweltbilanz wurden die Fahrleistung, der Abrieb, die Effizienz, das Geräusch und die Nachhaltigkeit der 16 Testreifen beurteilt. Alle getesteten Ganzjahresreifen besitzen das Schneeflockensymbol und sind damit als Winterreifen sowohl in der Schweiz als auch in den EU-Staaten anerkannt.

Seit Frühjahr 2023 bietet der TCS online ein Portal an, auf dem Tausende von Sommer-, Winter- oder Ganzjahresreifen von rund 50 Markenherstellern auf Fahrsicherheit, Treibstoffverbrauch/Effizienz, Komfort/Geräusch und Nachhaltigkeit/Verschleiss mit Filterfunktion verglichen werden können.

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