Interview mit VW-CEO Thomas Schäfer
«Auch die Chinesen können nicht zaubern»

Der neue VW-CEO Thomas Schäfer (52) steht vor vielen Herausforderungen. So muss er endlich die Versorgungskette in den Griff kriegen. Dann will er VW stärker von Skoda differenzieren und den Chinesen das Kleinwagensegment nicht kampflos überlassen.
Publiziert: 08.02.2023 um 04:41 Uhr
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Seit 1. Juli 2022 ist der frühere Skoda-Chef Thomas Schäfer (52) CEO von VW.
Interview: Joaquim Oliveira

Aktuell produziert VW in Wolfsburg nur mit halber Kraft. Wann können Sie die Produktion endlich wieder ganz hochfahren?
Thomas Schäfer: Seit Ende 2021 haben wir insbesondere für unsere VW-Volumenmodelle Tiguan und Golf, die beide in Wolfsburg gebaut werden, Probleme mit der Versorgungskette. Wir hoffen, diese Schwierigkeiten im Laufe dieses Jahres in den Griff zu bekommen.

Können Sie nicht mit dem Import von Autos aus den chinesischen VW-Fabriken die Produktionsprobleme in Wolfsburg überbrücken?
Leider nicht. Der Aufwand wäre viel zu gross und macht für uns auch auf lange Sicht keinen Sinn.

Ihre neue Elektro-Plattform MEB+ startet erst in zwei bis drei Jahren. Nicht zu spät – vor allem mit Blick auf die Konkurrenz, die heute schon 800-Volt-Technologie anbietet?
Unsere 400-Volt-Technologie funktioniert gut. Sowohl was die tatsächliche Ladezeit und -geschwindigkeit als auch die Reichweite angeht. In dieser Hinsicht bin ich überzeugt, dass wir ein wettbewerbsfähiges Paket haben. Der nächste Schritt wird mit der SSP-Plattform (Anmerkung der Redaktion: Die Scalable Systems Platform wird die MEB-Konzernplattform ersetzen) und nicht schon mit dem MEB+ kommen.

Warum?
Weil es keinen Sinn macht, vorher die gesamte Plattform zu ändern. Lohnt es sich zum Beispiel, Millionen zu investieren, um ein bisschen Zeit beim Aufladen zu gewinnen?

Persönlich: Thomas Schäfer

Rund 22 Jahre seines Berufslebens hat der 1970 in Marburg (D) geborene Thomas Schäfer bei der Daimler AG verbracht. Erst 2012 wechselte der Maschinenbauer zum VW-Konzern, leitete ab 2015 die Region Subsahara und wurde im August 2020 Skoda-Markenchef. Am 1. April 2022 übernahm er erst als COO, vier Monate später als CEO die Marke VW im Konzern. Seit 1. Juli 2022 ist er auch Mitglied des Konzernvorstands und Leiter der Markengruppe Volumen. Thomas Schäfer ist mit einer Südafrikanerin verheiratet.

Rund 22 Jahre seines Berufslebens hat der 1970 in Marburg (D) geborene Thomas Schäfer bei der Daimler AG verbracht. Erst 2012 wechselte der Maschinenbauer zum VW-Konzern, leitete ab 2015 die Region Subsahara und wurde im August 2020 Skoda-Markenchef. Am 1. April 2022 übernahm er erst als COO, vier Monate später als CEO die Marke VW im Konzern. Seit 1. Juli 2022 ist er auch Mitglied des Konzernvorstands und Leiter der Markengruppe Volumen. Thomas Schäfer ist mit einer Südafrikanerin verheiratet.

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Man hört, dass VW in naher Zukunft trotz ID-Familie einen e-Golf und einen e-Tiguan auf den Markt bringen will?
Golf und Tiguan sind ikonische Modelle, fast schon eigene Marken innerhalb der Marke VW. Macht es da Sinn, diese beiden Vermögenswerte wegzuwerfen? Definitiv nicht. Mit der Trinity-Verzögerung (Anmerkung der Redaktion: Trinity war ein Prestigeprojekt des früheren VW-Konzernchefs Herbert Diess. Geplant war ein Flachboden-E-Auto mit neuer Elektronikstruktur) können wir gut einige Produkte brauchen, die eine Brücke zwischen den beiden Zeitaltern schlagen.

Sie müssen in den nächsten Wochen wichtige Entscheidungen treffen. Wird das erste Quartal dieses Jahres zukunftsweisend für die Marke VW?
Zweifellos. Die Diskussionen, die bei meinem Amtsantritt über die Softwarepannen geführt wurden, gaben uns die Gelegenheit, den grossen Plan in einem viel breiteren Rahmen zu überprüfen. Wir haben uns grundlegende und entscheidende Fragen gestellt: Haben wir den richtigen Plan? Die richtigen Fahrzeuge? Kommen sie zur richtigen Zeit? Verstehen die Kunden unser Portfolio? Dies ist geschehen, und wir konzentrieren uns jetzt darauf, die Antworten, die wir gefunden haben, in einen Planungsrahmen umzusetzen. Dieser muss dann mit unserer industriellen Präsenz und unseren Ressourcen in Einklang gebracht werden.

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In der Vergangenheit wurde bei den Modellen von VW und Skoda zu wenig differenziert. Müssen Sie nicht dafür sorgen, dass dies nicht wieder geschieht?
Ich würde sagen, dieses Problem wurde in den letzten zwei Jahren gelöst. Aber es dauert noch einige Zeit, bis sich die neue Ausrichtung auch bei den Zielkunden bemerkbar macht. Als ich CEO von Skoda wurde, haben wir uns auf eine deutlichere Differenzierung konzentriert: Wir änderten Logo und Design, und jetzt ist die Marke auf dem richtigen Weg.

Wie charakterisieren Sie die VW-Konzernmarken?
Skoda ist Mainstream, mit cleveren Technologien und Lösungen. Mit der im letzten Jahr eingeführten neuen Designsprache unterstreicht Skoda den Eintritt ins Zeitalter der Digitalisierung und der Elektromobilität sowie die Einfachheit und Qualität der neuen Modelle. Seat bietet den Einstieg ins Portfolio des VW-Konzerns; Cupra ist sportlich, jung und unkonventionell. Und VW ist – wie es schon immer sein sollte – das Volksauto. Für all unsere Marken gilt: Zusammenarbeit ist der Schlüssel zum Erfolg. Wir haben keine Zeit für interne Konkurrenzkämpfe.

Die Elektromobilität gefährdet die preisgünstige Kleinwagenklasse mit populären Modellen wie Seat Ibiza, Skoda Fabia oder VW Polo. Wie wollen Sie diese Kundengruppe künftig abdecken?
Euro 7 wird das Kleinwagen-Segment und höchstwahrscheinlich auch das Einstiegssegment der Mittelklasse unglaublich verteuern. In der Folgenabschätzung der EU-Kommission ist von 200 bis 300 Euro Mehrkosten die Rede. Aber das ist Unsinn! Der Gesamtpreisanstieg wird viel höher ausfallen und wohl in die Nähe der heutigen Preise für Elektroautos kommen. In unserem Fall werden die Preise für Elektroautos für die drei Marken VW, Cupra und Skoda dereinst unter 25'000 Euro starten.

Und was machen künftig Kundinnen und Kunden, die heute Autos zwischen 12’000 und 22’000 Franken kaufen?
Es wird für sie Mobilitätslösungen geben. Der Gebrauchtwagenmarkt wird eine neue Rolle spielen und es wird Abonnementoptionen für kurz- und mittelfristige Anmietungen geben. Darüber hinaus arbeiten wir intensiv an einer Lösung für das Auto der Zukunft unter 20'000 Euro. Dieses muss sich aber für uns rechnen.

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Werden chinesische Marken mit erschwinglicheren Elektrofahrzeugen das Kleinwagen-Marktsegment in Europa übernehmen?
Die chinesischen Elektroautos, die wir bisher für Europa gesehen haben, dringen nicht in dieses Segment vor. Ich vermute mal, dass es auch für sie schwierig ist, in Europa mit all den Sicherheitstechnologien, Sicherheitskontrollen und Einfuhrzöllen unter 20'000 Euro zu bleiben. Auch die Chinesen können nicht zaubern. Was aber nicht heissen soll, dass es nicht möglich ist, bislang hat einfach noch niemand den Weg dazu gefunden. Ich fühle mich dagegen verpflichtet, diesen Weg zu finden. Volkswagen bedeutet schliesslich «Volksauto».

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