Mercedes-Chefdesigner Gorden Wagener tritt ab
Ein Leben für die Schönheit

Sein Talent machte Gorden Wagener (57) einst zum jüngsten Designchef der Mercedes-Geschichte. Der Deutsche erschuf Weltbestseller und Autoikonen – und tritt nun nach fast 30 Jahren bei Mercedes ab. Allerdings nicht ganz ohne Nebentöne.
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Sein kreativer Geist beeinflusste auch seinen Kleiderstil: Hautenges T-Shirt, Skinny Jeans, Sneakers. Alles in knalligem Weiss – ein Markenzeichen des gebürtigen Ostwestfalen.
Foto: Mercedes-Benz AG
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Andreas EngelRedaktor Auto & Mobilität

Gorden Wagener kann getrost als Superstar unter den Autodesignern bezeichnet werden. Ein Virtuose, der aus Metall und Kunststoffen fahrbare Skulpturen erschafft. Und ein Künstler, dessen kreativer Geist sich an seinem Auftritt widerspiegelt. Letzten September treffen wir den 57-Jährigen an der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in München (D) zum Interview: hautenges T-Shirt, Skinny Jeans, Sneakers. Alles in knalligem Weiss – ein Markenzeichen des gebürtigen Ostwestfalen, dessen braun gebranntes Gesicht und dessen Goldschmuck so noch deutlicher ins Auge stechen.

Der Spitzname Sunnyboy kommt nicht von ungefähr: Der Jugendlichkeit ausstrahlende Wagener steht gerne auf der Sonnenseite des Lebens und residiert mit seiner Familie seit etlichen Jahren im sonnenverwöhnten Kalifornien. Dazwischen muss er aber oft ins graue Sindelfingen bei Stuttgart pendeln, wo das Design-Hauptquartier beim Mercedes-Entwicklungszentrum angesiedelt ist. An der US-Westküste entwickelte Wagener einst seine Philosophie der sinnlichen Klarheit, wonach ein Auto Emotionen und Intelligenz gleichermassen in sich vereinen soll. Als schön empfindet der Designer das, was von sich aus in die Zukunft weist. 

Jüngster Designchef der Branche

An seiner eigenen Zukunft hegt Gorden Wagener nie Zweifel: «Als ich bei Mercedes angefangen habe, da habe ich mir gesagt: Eines Tages werde ich hier Chef sein.» Dieses Selbstbewusstsein baut sich Wagener in seiner Heimatstadt Essen auf, wo er Industriedesign studiert und sich danach am Royal College of Art in London auf Transportdesign spezialisiert. Nach Anstellungen als Exterieur-Designer bei VW, Mazda und General Motors wechselt er 1997 in den damaligen Daimler-Konzern. Chefdesigner Peter Pfeiffer (82) erkennt schnell Wageners Talent und fördert ihn nach Kräften. Mit Erfolg: 2003 entsteht mit dem SLR McLaren sein erster grosser Wurf. Der Supersportwagen strotzt vor aufsehenerregenden Details: weit nach vorn gezogene Spitznase mit prominentem Stern, die Räder im Turbinenschaufel-Design, seitliche Luftauslasskiemen, spektakuläre Schmetterlingstüren. Mit Wagener ist es bei Mercedes vorbei mit der schwäbischen Zurückhaltung.

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Wageners erster grosser Wurf 2003: Der SLR McLaren. Weit nach vorn gezogene Spitznase mit prominentem Stern, die Räder im Turbinenschaufel-Design, ...

Beim damaligen Daimler-Chef Dieter Zetsche schindet das Eindruck. Zetsche, Markenzeichen Riesenschnurrbart, überträgt ihm fünf Jahre später die Leitung des Designbereichs. Gorden Wagener wird 2008 mit 39 zum jüngsten Designchef der Autobranche – seine Prophezeiung Jahre zuvor wird Wirklichkeit und er Chef von insgesamt 500 Mitarbeitenden. Wie gross die Bandbreite in Wageners kreativem Schaffen ist, beweist er wenige Jahre später eindrücklich: 2012 stellt Mercedes die Neuauflage der A-Klasse vor. Während die ersten beiden Generationen das Image eines Rentnermobils hatten, weckt das neu flacher und dynamischer gezeichnete Einstiegsmodell plötzlich Begehrlichkeiten bei jüngeren Zielgruppen.

Weltbestseller und Design-Ikonen

Dass er auch die elegante Linienführung beherrscht, beweist Wagener 2013 mit der Neuauflage der S-Klasse – dem Mercedes-Flaggschiff schlechthin. Im Vergleich zum buckligen Vorgänger glänzt der W222 mit klarer, kultivierter Designsprache und steht exemplarisch für die von Wagener entwickelte Philosophie der sinnlichen Klarheit, die auch bei der Kundschaft grossen Anklang findet. Als Meisterstück in finanzieller Hinsicht gilt der 2015 neu vorgestellte GLC, der den ebenso kantigen wie barocken GLK ablöst und mit neuem Design zum Weltbestseller im Mercedes-Konzern aufsteigt. Der Nachfolger, der an der IAA 2025 Premiere feierte, soll ab Frühjahr auch als rein elektrische Variante die weltweite Kundschaft begeistern.

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Ikonenhafte Studien: das Forschungsfahrzeug F015 von 2015.
Foto: Daimler AG

Unter der Feder des mittlerweile selbst zur Ikone gereiften Designers entstehen aber auch ikonenhafte Studien wie das Forschungsfahrzeug F015 (2015), das Maybach 6 Cabriolet (2017), der Vision Avtr (2020), der Vision One-Eleven (2023) und zuletzt der Vision Iconic, den Wagener im Frühjahr 2025 auf der Fashion Week in Shanghai vorstellt. Mit seiner schier endlos langen Frontpartie und den fliessenden Linien schlägt der Vision Iconic die Brücke in die glorreiche Mercedes-Historie bis in die Vorkriegszeit und verkörpert für den Ästheten Wagener die Essenz der Marke Mercedes. Seine Philosophie wendet Wagener aber nicht nur auf Automobile an, sondern unter dem Label «Mercedes-Benz Style» auch auf Helikopter, Yachten, Möbel oder Inneneinrichtungen für Luxusimmobilien. Neben der Van-Sparte verantwortete Wagener bis 2022 sogar das Design der Mercedes-LKWs und formte auch sonst alles, was den Konzern nach aussen repräsentiert: vom Messeauftritt bis zum Corporate Design der Parkhäuser. 

Die Kritik wächst

Doch mit dieser Allmacht wachsen je länger je mehr auch die kritischen Stimmen innerhalb des Konzerns. Zum einen floppen die ab 2022 eingeführten Elektro-Flaggschiffe EQS und EQE samt ihren SUV-Derivaten, die aufgrund ihrer aerodynamischen One-Bow-Form auch als «Buckelwale» verspottet werden. Der finanzielle Schaden ist enorm. Auch eine zunehmende Beliebigkeit im Design wird Wagener unterstellt, die viele Modelle kaum noch unterscheidbar von anderen Marken machen würden. Mercedes-CEO Ola Källenius (56) persönlich soll deshalb auf dem markanten Frontpanel des neuen GLC bestanden haben, um Anleihen zu den traditionsreichen 1970er und 1980er zu schaffen und Mercedes wieder als Mercedes erkennbar zu machen.

Zum anderen soll der Stardesigner zunehmend auch mit seinen oft fahrigen Design-Präsentationen und exzentrischen Auftritten in der Öffentlichkeit für Kopfschütteln in den Chefetagen des Weltkonzerns gesorgt haben. An der Fashion Week in Shanghai im April 2025 soll Wagener laut «Automobilwoche» handsignierte T-Shirts verteilt haben, im Herbst lästert er an der IAA in München über das Design von Audi und hält sich auch in unserem Interview mit Kritik an der chinesischen Konkurrenz nicht zurück: «Es gibt zwar keine schlechten Designs mehr. Aber ich als Fachmann sehe bei den chinesischen Autos keinen Unterschied mehr. Die sehen alle gleich aus, für mich sind das alles anonyme Autos.»

Der nächste Wagener?

Ob Gorden Wagener da schon wusste, dass er fünf Monate später nach rund 30 Jahren bei dem Konzern abtreten wird, den er mit seinen Autodesigns geprägt hat wie kein Zweiter vor ihm und der ihn selbst zum Superstar unter den Autodesignern werden liess? Gut möglich. Der Rücktritt sei auf eigenen Wunsch und im gegenseitigen Einvernehmen erfolgt, heisst es offiziell. Die Pressemitteilung zum Abschied trägt jedenfalls eindeutig seine Handschrift: «A true believer in beauty» – «Einer, der wahrhaftig an die Schönheit glaubt», lautet der Titel. Auf Gorden Wagener folgt Anfang Februar Bastian Baudy, derzeit Designchef von Sporttochter AMG und mit 40 Jahren ähnlich jung wie Wagener bei seinem Amtsantritt. Ob Baudy das Mercedes-Design ebenfalls fast 30 Jahre lang prägen wird?

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