So stark schneidet Kamala Harris bei den Umfragen ab
Sie ist für Trump noch gefährlicher als Biden

Das Rennen um die nächste US-Präsidentschaft ist an Spannung kaum zu überbieten. Nachdem Joe Biden aus dem Wahlkampf aussteigt, macht sich Kamala Harris bereit. Die «Wahlbeobachter» halten dich mit spannenden Analysen auf dem Laufenden.
Publiziert: 03.07.2024 um 15:00 Uhr
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Aktualisiert: 22.07.2024 um 17:19 Uhr
Kamala Harris (59) schneidet in den Umfragen besser ab als Joe Biden – und wird in wichtigen Swing-States Trump gefährlich.

Endlich hat er es getan. US-Präsident Joe Biden (81) hat am Sonntag angekündigt, aus gesundheitlichen Gründen aus dem Wahlrennen auszusteigen und sich voll auf das Ende seiner Präsidentschaft zu konzentrieren. Es gilt als wahrscheinlich, dass seine Vize Kamala Harris (59) als Präsidentin kandidieren wird.

Harris galt bisher als farblose Politikerin. Nun dürfte sie aber für Trump noch gefährlicher werden als Biden – wie die letzten Umfragen zeigen.

22.07.2024, 14:02 Uhr

Von der grossen Enttäuschung zur Hoffnungsträgerin

Von Guido Felder, Auslandredaktor

Ehrlich jetzt: Was hast du von Kamala Harris (59) schon gehört? Vielleicht, dass sie die erste Vizepräsidentin der USA ist, dass sie in der Migrationsfrage eine blasse Figur macht und dass sie Mitte Juni die USA an der Bürgenstock-Konferenz vertreten hat. 

Zu deinem Trost: Du bist nicht der Einzige, der von Joe Bidens (81) Vize nur wenig weiss. Selbst die Amerikaner haben von ihr – und noch mehr – von erfolgreichen Taten bisher wenig gehört. Dennoch dürften die US-Demokraten wahrscheinlich sie zu Bidens Nachfolgerin küren und ins Rennen um den Einzug ins Weisse Haus schicken. 

Kamala Harris dürfte für Joe Biden in den Wahlkampf steigen.

Harris gewinnt an Beliebtheit

Dass sie auf Harris setzen, liegt daran, dass sie in Umfragen Boden gutgemacht hat und vor allen andern möglichen Kandidatinnen und Kandidaten liegt. Im imaginären Duell gegen Donald Trump (78) erreicht sie zum Teil sogar höhere Werte als Biden, gegen den sie vor allem bei jungen Wählern und Frauen besser abschneidet. 

Bei den jüngsten Erhebungen von Real Clear Politics lag Harris landesweit um 1,7 Punkte hinter Trump zurück, Biden um 3 Punkte. Besonders wichtig für Harris ist, dass sie in den Swing States zulegen konnte. In Pennsylvania liegt sie nur noch einen Punkt hinter Trump, und in Virginia, wo Biden nur hauchdünn führte, liegt sie mit satten 5 Punkten vor Trump. 

Nach Bidens Rückzugs-Ansage gingen für Harris zudem innerhalb nur weniger Stunden gegen 50 Millionen Dollar an Spenden ein. So viel Geld innerhalb so kurzer Zeit zeigt für mich die Zuversicht der Demokraten, dass Harris die richtige Person ist, um für die Demokraten die Kohlen aus dem Feuer zu holen. 

Warum die Demokraten Harris trotz mangelnden Leistungsausweises derart unterstützen, hat zwei Gründe: Einerseits ist ihre Enttäuschung über den alternden Präsidenten Biden so gross, dass sie sich als Kontrast eine gesunde, energiegeladene Person wünschen. Andererseits schliessen sich immer mehr führende Politiker zusammen und sagen Harris ihre Unterstützung zu. So hat sich zum Beispiel Thron-Anwärter Gavin Newsom (56) selbst aus dem Rennen genommen, um sich hinter Harris zu stellen. 

Harris wird für Überraschung sorgen

Der aus Schaffhausen stammende und 1986 nach Kalifornien ausgewanderte Vinz Koller (61) hat schon bei mehreren Präsidentschaftswahlen als Wahlmann der Demokraten amtiert. Er ist ein Bewunderer von Harris und davon überzeugt, dass sie noch für Überraschungen sorgen wird. Er sagte mir kurz nach Bidens Mitteilung am Montag, dass die ehemalige Staatsanwältin mit ihren rhetorischen Fähigkeiten und ihrem juristischen Wissen einem «Betrüger wie Trump» Paroli bieten werde. 

Wahlmann Vinz Koller traf Kamala Harris in Kalifornien, als sie als Kandidatin für den Senat auf Spendentour war. 2017 wurde sie zur Senatorin gewählt.

Koller rechnet zudem damit, dass Trump Fehler macht, die Harris Punkte bringen. Zum Beispiel dann, wenn er Harris als Frau angreift und damit andere Frauen desavouieren würde. Koller sagt mir mit Überzeugung: «Kamala Harris wird als kämpferische Identifikationsfigur für Frauen viele weibliche Stimmen holen.»

Jetzt gilt es für Harris, das Vertrauen ihrer Anhänger nicht zu enttäuschen. Um auf sich aufmerksam zu machen und zu punkten, braucht es ausgefallene Aktionen und Entscheidungen, die der Mehrheit der Amerikaner gefallen. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass sie sich an der Südgrenze medienwirksam inszeniert und noch schärfere Massnahmen gegen die illegale Migration ankündigt. 

Und wer weiss: Vielleicht kommen bei ihr plötzlich unbekannte Qualitäten zum Vorschein, wenn Biden sie aus seinem Schatten hervortreten lässt. 

03.07.2024, 14:29 Uhr

Nur Michelle Obama hätte eine Chance

von Chiara Schlenz, Auslandredaktorin

Am Mittwoch publizierte der US-Sender CNN eine repräsentative Umfrage zum Wahlverhalten der US-Bürger, durchgeführt vom US-Meinungsforschungsinstitut SSRS. Und da kam Erstaunliches raus: In der Studie hiess es, dass die Zustimmung für US-Präsident Joe Biden (81) unter demokratischen Wählern von 85 Prozent auf 91 Prozent angestiegen ist. Und das trotz Bidens desaströsem CNN-Auftritt gegen seinen republikanischen Kontrahenten Donald Trump (78) vergangenen Donnerstag. Da habe ich nicht schlecht gestaunt. War die darauffolgende demokratische Krise also umsonst?

Jein. Denn trotz dieses kleinen Triumphs sieht es im Grossen und Ganzen nicht rosig aus für Biden. Seine landesweite Zustimmungsrate ist laut der Umfrage auf einen neuen Tiefstand gefallen – nur 36 Prozent aller Amerikanerinnen und Amerikaner wollen ihn noch als Präsidenten. Es kommt aber noch schlimmer für Biden: 75 Prozent aller Befragten sind der Meinung, dass Biden aus dem Rennen ums Weisse Haus aussteigen und einem neuen Kandidaten – oder einer neuen Kandidatin – Platz machen soll. Unter den Wählern, die im November gesichert demokratisch wählen werden, sind es immerhin 43 Prozent, die diese Meinung vertreten. Muss Biden also doch gehen?

Auch die Alternativen sind keine Alternativen

Es ist ein schwieriges Unterfangen, einen Präsidentschaftskandidaten so kurz vor der offiziellen Nominierung (diese findet für die Demokraten vom 19. bis 22. August statt) zu einem Rücktritt zu bewegen. Und auch wenn Biden die Bühne jemand anderem überlassen würde – wer käme da überhaupt infrage? Viele Namen, die gerade als möglicher Biden-Ersatz gehandelt werden, sind zwar beliebter als Biden – aber noch immer viel unbeliebter als Trump.

Der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom (56) erzielt in der Umfrage 43 Prozent Zustimmung, Trump liegt im direkten Vergleich bei 48 Prozent Zustimmung. Ähnlich sieht es bei US-Verkehrsminister Pete Buttigieg (42) aus – er liegt ebenfalls mit 43 Prozentpunkten ganze fünf Prozent hinter Trump, der 48 Prozent Zustimmung erhält. Und von US-Vizepräsidentin Kamala Harris (59) ganz zu schweigen – ihre Zustimmung liegt bei lediglich 29 Prozent. Für die Demokraten stehen die Chancen auf einen Wahlsieg also auch schlecht, wenn Biden gehen sollte.

Am beliebtesten unter den Demokraten ist eine Person, die sich gar nie für ein politisches Amt beworben hat: die ehemalige First Lady, Michelle Obama (60). Laut einer Reuters/Ipsos-Umfrage übertraf nur Michelle Obama, die Ehefrau des ehemaligen demokratischen Präsidenten Barack Obama (62), Biden. Und nicht nur das: Würde sie jetzt gegen Trump antreten, würde sie laut Reuters 50 Prozent der Stimmen holen, Trump nur 39 Prozent. Aber (und es ist ein grosses Aber): Obama hat wiederholt gesagt, dass sie nicht beabsichtigt, für das Präsidentenamt zu kandidieren.

Kleiner Hoffnungsschimmer für die Demokraten

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Einen (wenn auch in meinen Augen kleinen) Lichtblick für die Demokraten gibt es in der ganzen Sache aber. Unentschlossene Wähler – also die, die sich noch nicht für eine Partei entschieden haben – sind eher bereit, demokratisch zu wählen, wenn der Kandidat nicht Joe Biden heisst. Demnach würden sich jeweils im direkten Vergleich 47 Prozent für Harris und 34 Prozent für Trump, 42 Prozent für Newsom und 36 Prozent für Trump sowie 42 Prozent für Buttigieg und 35 Prozent für Trump entscheiden.

Falls sich Biden davon überzeugen lässt, aus dem Wahlkampf auszuscheiden, wäre das – rein von den Zahlen her – der Schlüssel zum Erfolg für die Demokraten. Denn die unentschlossenen Wähler und die Wähler in den «Swing States» sind in diesen Wahlen wichtiger, denn je. Doch aktuell sieht es ganz danach aus, als wolle Biden um jeden Preis nochmal um das Weisse Haus kämpfen.


27.06.2024, 16:33 Uhr

Biden sorgt für Umfragebeben

von Chiara Schlenz, Auslandredaktorin

Vor etwas mehr als zwei Wochen habe ich über die überraschende Aufholjagd von US-Präsident Joe Biden (81) in den «Swing States» (also den US-Bundesstaaten, die weder traditionell demokratisch noch republikanisch wählen) geschrieben. Damals lag er in den sechs Bundesstaaten Arizona, Georgia, Michigan, Nevada, Pennsylvania und Wisconsin nur noch maximal einen Prozentpunkt hinter seinem republikanischen Kontrahenten Donald Trump (78). Warum Biden plötzlich so gut dasteht, kannst du weiter unten nachlesen.

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Diese Woche erreichte die Demokraten eine noch viel bessere Nachricht: In zwei der sechs Bundesstaaten – Michigan und Wisconsin – überholte Biden Trump in den Umfragewerten, in Pennsylvania liegen die beiden Rivalen nun gleichauf. Das zeigen neueste Daten von «538». Ja, ich bin genauso überrascht wie du. Zwar handelt es sich bei den beiden Werten nur um weniger als einen Prozentpunkt, aber wie bereits im letzten «Wahlbeobachter» besprochen: In einem so knappen Rennen, wie es der US-Präsidentschaftswahlkampf 2024 eben ist, zählt jede Stimme, jede Stelle nach dem Komma. Und in diesem Mikro-Kosmos der Mini-Vorsprünge hat Biden aktuell die Oberhand. Laut «Fox News» sind diese Umfragewerte sogar die höchsten seiner ganzen Präsidentschaft.

Kann Biden in der Debatte überzeugen?

Doch die Freude der Demokraten könnte nur von kurzer Dauer sein. Denn in der Nacht auf Freitag (Schweizer Zeit) findet die erste TV-Debatte dieses Wahlkampfs statt, ausgestrahlt vom US-Sender CNN. Mein Kollege Samuel Schumacher hat es bereits treffend gesagt: Bei dieser Debatte könnte die Vorentscheidung im Rennen um das mächtigste Amt der Welt fallen. Und Bidens minimaler Vorsprung steht auf wackeligen Beinen.

Nicht nur muss er in dieser Debatte beweisen, dass er nicht zu alt für das Amt des US-Präsidenten ist oder, dass er mindestens genauso schlagfertig ist, wie Trump. Nein, es geht auch um Themen, wie den Zustand der amerikanischen Demokratie. Die beiden wichtigsten Themen für die Wähler sind die Zukunft der amerikanischen Demokratie und die Wirtschaft, wie eine aktuelle Umfrage von «Fox News» zeigt. An zweiter Stelle stehen Stabilität und Normalität, gefolgt von Einwanderung und Gesundheitsfürsorge. Fast die Hälfte sagt, dass Abtreibung und Waffen für ihre Stimmabgabe extrem wichtig sind.

Trump hat in wichtigen Themen die Oberhand

Das sind eigentlich genau die Themen, die laut «Washington Post» von Biden dominiert werden. Eigentlich. Denn wie die US-Zeitung schreibt, vertraut ein Grossteil der US-Bürger Trump mehr, was die Rettung des demokratischen Amerikas angeht. Auch in den wichtigen «Swing States». Dies ist ein beunruhigendes Zeichen für Biden, der darauf angewiesen ist, dass Wähler, die von seiner Kandidatur nicht begeistert sind, sich gegen Trump entscheiden, um Amerikas Regierungssystem zu erhalten. Bidens grosse Aufgabe an dieser Debatte lautet also: Amerika davon überzeugen, dass Trump der Totengräber der amerikanischen Demokratie ist. Nur so kann er sich seinen Vorsprung weiter sichern.

Ganz generell kann man sagen: Diese Debatte wird spannender als jeder Krimi. Mein Kollege Samuel Schumacher wird das Spektakel live mitverfolgen und dich mit den wichtigsten Infos versorgen – einschalten lohnt sich also allemal.

11.06.2024, 15:23 Uhr

Jetzt holt Joe Biden in den «Swing States» auf

Willst du wissen, welche Nachricht aus dem US-Wahlkampf mich diese Woche am meisten überrascht hat? Diese hier: US-Präsident Joe Biden (81) heftet sich in den sogenannten «Swing States» (also den US-Bundesstaaten, die weder traditionell demokratisch noch republikanisch wählen) an die Fersen seines republikanischen Widersachers Donald Trump (77). Gemäss Daten der Analyse-Plattform «FiveThirtyEight» verliert Trump in den sechs Bundesstaaten Arizona, Georgia, Michigan, Nevada, Pennsylvania und Wisconsin einige Stimmen.Bei Biden geht es dafür bergauf. Glaubst du mir nicht? Schau selbst:

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Du fragst dich jetzt bestimmt, warum ich aus einer Fliege einen Elefanten mache. Schliesslich sackt Trump maximal um ein Prozent ab, Biden steigt gleichfalls nur um rund ein Prozent auf. Können ja ignoriert werden, solche mickrigen Zahlen, oder? Falsch gedacht, sage ich da nur. Da die meisten anderen US-Bundesstaaten schon vorhersehbar für eine Partei stimmen, entscheiden die «Swing States» oft über den Wahlausgang, da dort die entscheidenden Wählerstimmen gewonnen oder verloren werden können. Und in einem so knappen Rennen, wie es der US-Präsidentschaftswahlkampf 2024 eben ist, zählt jede Stimme, jede Stelle nach dem Komma.

Umfragen ergeben: Biden hat gute Chancen

Ausserdem legt eine repräsentative Umfrage der «New York Times» nahe, dass sich der abzeichnende Aufwärtstrend Bidens weiter fortsetzen könnte. Mein Kollege Guido Felder hat kürzlich fünf Möglichkeiten zusammengefasst, mit denen Biden bei der Wählerschaft punkten könnte. Hat Biden also plötzlich seine Politik geändert? Nein – der Schlüssel zu Bidens Erfolg liegt ausserhalb seiner Macht: Trumps Verurteilung im Schweigegeldprozess.

Die «New York Times» fragte rund 2000 Amerikanerinnen und Amerikaner, wie sie zu Trump vor und nach der Verurteilung stehen. Bevor Trump verurteilt wurde, sagten 48 Prozent der Befragten, dass sie Trump wählen würden – und 45 Prozent für Biden. Nach dem Urteil stand es 47 zu 46 Prozent. Biden sammelt also zuverlässig all diejenigen Stimmen ein, die Trump durch seinen Rechtsstreit verliert. Das deckt sich auch mit Ergebnissen weiterer Umfragen von Reuters und Ipsos.

Und vielleicht steckt auch einfach etwas Tradition hinter Bidens Aufschwung in den «Swing States»: Bereits bei der Präsidentschaftswahl 2020 konnte Biden diese Bundesstaaten knapp für sich entscheiden, nachdem Trump sie 2016 noch gewonnen hatte. Vorangegangene Umfragen hatten Trump jedoch in den Schlüsselstaaten vorne gesehen. Wir sehen: Die Geschichte wiederholt sich immer wieder.

Sind Europawahlen Omen für Trump?

Ein Sieg Bidens ist aber noch bei Weitem nicht gesichert – Trump könnte es immer noch schaffen, der nächste US-Präsident zu werden. Schliesslich ist ein Grossteil der Bevölkerung demokratischer Länder unzufrieden mit der «etablierten Politik». Die als unkontrollierbar empfundene Migration, den Schmerz der Wähler angesichts hoher Preise und die Kosten, die der Kampf gegen den Klimawandel für den Einzelnen mit sich bringt: Was passiert, wenn die Wähler unzufrieden sind, hat sich bei den Europawahlen gezeigt.

Grosse, etablierte Parteien wurden für ihre bisherige Politik abgestraft, populistische und rechtsradikale Parteien erlebten einen Aufschwung.

Auch Trump setzt in seinem Wahlkampf auf genau diese Themen. Und das mit Erfolg. Die Frage, ob es auch in den USA im Herbst zu einem Rechtsrutsch kommen wird, ist also naheliegend. Freudensprünge müssen sich die Demokraten also noch verkneifen. Schliesslich ist dieses Rennen unglaublich knapp – nur ein Prozent Zustimmung trennen Joe Biden und Donald Trump aktuell. Und bis November sind es doch noch fünf Monate. Bis dahin fliesst noch viel Wasser den Mississippi herunter.


28.05.2024, 13:59 Uhr

So überholt Biden Trump im Schlussspurt

von Guido Felder, Auslandredaktor

Bald sind die US-Vorwahlen beider Parteien abgeschlossen. Am 8. Juni kann ich dir an dieser Stelle berichten, wer für die Demokraten und wer für die Republikaner für die Präsidentschaftswahlen vom 5. November ins Rennen steigt. Natürlich, du weisst es jetzt schon: Es sind der amtierende Präsident Joe Biden (81) sowie sein Vorgänger Donald Trump (77). Nach den letzten Vorwahlen in zehn Tagen ist die Aufstellung aber offiziell und muss nur noch von den Nationalkonvents – die Republikaner vom 15. bis 18. Juli, die Demokraten vom 19. bis 22. August – bestätigt werden. 

US-Präsident Joe Biden wird vom Abgeordneten Adriano Espaillat, Vorsitzender des Cong, begrüsst.

Wäre heute der 5. November, müsste Joe Biden zittern. Denn laut Umfragen führt Trump mit 41,4 gegen 39,9 Prozent. Was Biden besonders Kummer machen muss: Nach Beginn des Schweigegeld-Prozesses Mitte April hat Trump gegenüber Biden in den wichtigen Swing States sogar etwas Boden gutgemacht (siehe Grafiken). So führt Trump laut fivethirtyeight.com in Arizona, Georgia, Michigan, Nevada, North Carolina, Pennsylvania und Wisconsin. Vor vier Jahren hatte Biden, abgesehen von North Carolina, diese Wackelstaaten für sich entscheiden können. 

Biden muss die Jungen sowie die Hispanics zurückgewinnen.

Verloren ist für Biden aber noch nichts. Bei den Zwischenwahlen von 2022 sagten die Umfragen den Republikanern grosse Gewinne voraus. Es reichte aber schliesslich nur zu einer knappen Mehrheit im Repräsentantenhaus, während der Senat in der Hand der Demokraten blieb. Diese Midterms haben eines besonders deutlich gezeigt: Die Mobilisierung von Wählerinnen und Wählern ist ein entscheidender Erfolgsfaktor. 

Meine Kollegin Chiara Schlenz schreibt richtig: «Wenn Biden jetzt nicht richtig Gas gibt, ist es zu spät». Es stellt sich daher die Frage, wie Biden – vor allem in den wichtigen Swing States – noch aufholen kann. Ich zeige dir fünf Möglichkeiten, wo Biden noch aktive und passive Reserven hat. 

  • Israel-Politik: Umfragen zeigen, dass der Krieg zwischen Israel und der Hamas die Demokraten spaltet. Die Einwirkung auf eine Beruhigung der Situation im Nahen Osten liegt daher allein schon im wahltechnischen Interesse Bidens.
  • Unentschlossene und Abtrünnige zurückholen: Biden muss sich nicht nur auf Unentschlossene, sondern auch auf junge sowie hispanische Wähler fokussieren. Die beiden Gruppen standen vor vier Jahren noch mit über 60 Prozent hinter dem Demokraten. Zurzeit führt Trump bei den Jungen mit vier Punkten Vorsprung, bei den Hispanics liegen beide Kandidaten gleichauf.
  • Trump-Prozess: Für Biden bleibt zu hoffen, dass es im Schweigegeld-Prozess zu einer Verurteilung Trumps oder zu weiteren Negativschlagzeilen über seinen Gegner kommt.
  • Börse: Der US-Aktienmarkt ist ein guter Gradmesser dafür, ob ein amtierender Präsident die Wiederwahl schafft oder nicht. Seit Anfang Jahr ist der Dow Jones um 5,6 Prozent gestiegen. Das bedeutet nach einer Berechnung von morningstar.com zurzeit eine Wiederwahlchance von 58,8 Prozent. Biden muss dafür sorgen, dass der Wirtschaftsmotor weiter brummt.
  • Abtreibungsrecht: Es wird ein wichtiges Thema sein, bei dem Befürworter Biden punkten kann. Trump weiss das und äussert sich nicht mehr so klar dazu. Vielmehr will er die Verantwortung zur Abtreibung den einzelnen Staaten überlassen – zum Entsetzen der Abtreibungsgegner.

Bis zur Wahl am 5. November bleiben Biden noch rund fünf Monate Zeit, Boden gutzumachen. Jetzt nur keine Verhaspler, Aussetzer und Schritte in die falsche Richtung! Denn der Countdown zur wohl heissesten US-Präsidentenwahl ever hat begonnen. 

29.03.2024, 17:34 Uhr

Platz da, jetzt kommt Biden!

von Chiara Schlenz, Auslandredaktorin

Wenn das mal keine guten Nachrichten für US-Präsident Joe Biden (81) sind! Am Dienstag veröffentlichten die Nachrichtenagentur Reuters und das Meinungsforschungsinstitut Ipsos neue Umfragewerte für die Präsidentschaftskandidaten. Demnach erklärten 40 Prozent der Befragten, der Demokrat mache einen guten Job. Im Februar waren es noch 37 Prozent.

Ja, das sind «nur» drei Prozent mehr. Doch ich finde: Dafür, dass Biden bisher im Vergleich zu seinem republikanischen Kontrahenten Donald Trump (77) eher schlecht abgeschnitten hat, ist das gar nicht mal so übel. Und ob ihr es glaubt oder nicht: Es gibt noch mehr frohe Botschaften für Biden.

Auch in Swing States legt Biden zu

Umfragen von Bloomberg und Morning Consult zeigen, dass er auch in sogenannten «Battleground States» – also hart umkämpften Swing States – mächtig zulegt. Sieben Monate vor den Präsidentschaftswahlen hat er in sechs umkämpften Staaten gegenüber Trump aufgeholt. Biden liegt nun in Wisconsin einen Punkt vor Trump, nachdem er im vergangenen Monat noch vier Punkte im Rückstand war. In Pennsylvania, wo Trump im vergangenen Monat noch sechs Punkte Vorsprung hatte, ist er gleichauf. Auch in Michigan liegen die beiden Kandidaten inzwischen Kopf an Kopf.

Einzig in Georgia vergrösserte sich der Vorsprung des voraussichtlichen republikanischen Kandidaten Trump. Aber es gilt auch zu betonen: Trump liegt in Arizona, Georgia, Nevada und North Carolina noch immer vorn. Und auch diese US-Bundesstaaten werden eine grosse Rolle bei der Präsidentschaftswahl im November spielen. Ganz aufatmen kann Biden also noch nicht.

Woher kommt der plötzliche Erfolg?

Aber bleiben wir bei Biden und der Frage: Wie hat er das bloss geschafft? Ich habe gleich mehrere Gründe für seinen (etwas überraschenden) Erfolg gefunden. Einer davon ist sein ehemaliger Vorgesetzter: der ehemalige US-Präsident Barack Obama (62). 

Er hat Biden seit der Ankündigung seiner erneuten Kandidatur im vergangenen Jahr immer wieder unter die Arme gegriffen. Insbesondere durch öffentliche Spendenaufrufe und in stillen Gesprächen – in der Hoffnung, die Bedenken einiger Demokraten hinsichtlich einer zweiten Amtszeit Bidens zu zerstreuen. Denn Obamas Wort hat laut einer CNN-Analyse nach wie vor viel Gewicht in der demokratischen Partei.

«Niemand kann die desillusionierten Demokraten besser ansprechen als Präsident Obama», sagte ein hochrangiger Stratege, der eng mit Obama und Biden zusammengearbeitet hat, gegenüber dem amerikanischen Sender. Auch der ehemalige demokratische Präsident Bill Clinton (77) nimmt sich der Sache an und unterstützt Biden.

Am Donnerstag nahmen die drei Herren – Biden, Obama, Clinton – gemeinsam an einer Spendenaktion für Bidens Kampagne teil. Durch den Abend führte Star-Moderator Stephen Colbert, berühmte Sängerinnen wie Lizzo und Queen Latifah traten auf. 25 Millionen US-Dollar nahm Biden an dem Abend ein – mehr als Rivale Donald Trump im gesamten Februar gesammelt hatte.

Das «Happy End» lässt noch auf sich warten

Toll, was Obama und Clinton für Biden tun konnten, nicht? Aber: «Es gibt Grenzen für das, was Obama tun kann. Die Last, dieses Rennen zu gewinnen, liegt immer noch bei Präsident Biden», so der Stratege.

Das weiss auch Biden. Deshalb schalten er und sein Team auch unabhängig von Stars und Sternchen einen Gang höher. Präsident Bidens Wahlkampagne hat den ehemaligen Präsidenten Trump als «Broke Don» bezeichnet und damit eine Strategie aus Trumps Spielbuch aufgegriffen, wenn ich mich recht erinnere …

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Trump hat Spitznamen – von «Little Marco» über «Crooked Hillary» bis zu «Lyin' Ted» – verwendet, um eine Vielzahl von Gegnern niederzumachen. Jetzt versucht das Biden-Team, den Spiess umzudrehen und Trump einen Spitznamen zu verpassen, indem es in dieser Woche die rückläufigen Spendenzahlen des ehemaligen Präsidenten für das Rennen 2024 hervorhebt. Daher – und auch wegen Trumps vieler Gerichtsfälle und Strafzahlungen – rührt also der Spitzname «Broke Don».

Im Jahr 2020 war Bidens Spitzname, mit freundlicher Genehmigung von Trump, «Sleepy Joe». Doch Trump muss sich nun hüten: «Sleepy Joe» ist definitiv aufgewacht – und bereit zum Spielen.

15.03.2024, 13:11 Uhr

Wo ist Kamala? Da ist Kamala!

von Chiara Schlenz, Auslandredaktorin

Kamala Harris (59) besuchte am Donnerstag eine Klinik für… Wie bitte? Du weisst gar nicht mehr so richtig, wer Harris ist? Ich auch nur noch schwammig. Hier eine kleine Erinnerung: Harris ist die erste Frau, die erste afroamerikanische sowie die erste asiatisch-amerikanische Person, die US-Vizepräsidentin wurde. Gemeinsam mit US-Präsident Joe Biden (81) kam sie als Teil des «Dreamteam» im Januar 2021 ins Amt. Danach wurde es allerdings sehr, sehr ruhig um Harris. 

Alle wieder auf dem gleichen Stand? Dann können wir ja weitermachen: Am Donnerstag besuchte Harris also eine Klinik für Schwangerschaftsabbrüche im US-Bundesstaat Minnesota. Das ist insofern bemerkenswert, als Abtreibungen ein unglaublich empfindliches Thema in den USA sind. Im Juni 2022 entschied der Supreme Court, das Urteil «Roe v. Wade» umzukehren und somit Abtreibungsverbote in vielen US-Bundesstaaten möglich zu machen. Laut einer in der vergangenen Woche veröffentlichten KFF-Umfrage gibt inzwischen jeder achte US-Wähler an, dass Abtreibung für ihn das wichtigste Thema bei den Präsidentschaftswahlen 2024 ist.

Wieso bekommt Harris das wichtige Dossier?

Dass also Harris – von der man generell behauptet, dass sie nichts auf dem Kasten hat – mit diesem unglaublich wichtigen und heiklen Thema betraut wird, überrascht auf den ersten Blick. Wenn ich die Angelegenheit aber genauer unter die Lupe nehme, muss ich feststellen: So abwegig ist das gar nicht, dass ausgerechnet Harris mit einer «Anti-Anti-Abtreibung»-Tour durch die USA tingelt.

Bidens Bilanz in Bezug auf Abtreibungsrechte und seine Fähigkeit, darüber zu sprechen, ist im Vergleich zu der seiner Amtskollegin eher dürftig. Biden, ein gläubiger Katholik, sagte, dass er persönlich «nicht viel» von Abtreibung hält. Und obwohl Biden in seiner Rede zur Lage der Nation vor dem Kongress letzte Woche die Bedrohung der «reproduktiven Freiheit» hervorhob, traute er sich nicht, das Wort «Abtreibung» in den Mund zu nehmen. Ganz im Gegensatz zu Harris, die sich den Kampf um «Abtreibungsversorgung» gross auf die Kappe geschrieben hat.

Harris hat auch bei Gaza die Nase vorn

Ganz ähnlich verhält es sich mit einem anderen heiklen, aber überaus wichtigen Wahlkampf-Thema: der Krieg in Nahost. Auch hier kriegt es Biden nicht hin, seiner Wählerschaft das zu geben, was sie von ihm brauchen. Das Ganze ist sogar so heftig, dass Biden bei den Vorwahlen im Bundesstaat Michigan einen ganzen Haufen Stimmen verloren hat – weil er sich weigerte, seine Unterstützung für Israel einzustellen. Mein Kollege Samuel Schumacher hat Bidens Gaza-Dilemma im Wahlbeobachter-Beitrag vom 27. Februar beleuchtet – falls jemand nachlesen will.

Auch hier übernimmt die unscheinbare Harris überraschend dominant das Ruder. Am Wochenende sprach sie in Alabama. «Die Menschen in Gaza hungern. Die Bedingungen sind unmenschlich. Und unsere gemeinsame Menschlichkeit zwingt uns zum Handeln», sagte die Vizepräsidentin und erklärte dann: «Angesichts des unermesslichen Ausmasses des Leids in Gaza muss es einen sofortigen Waffenstillstand geben.» Das Publikum reagiert mit tosendem Applaus. Viele Amerikaner, die auf Biden wegen seines Bündnisses mit Israel wütend sind, hörten von Harris, was ihrer Meinung nach beim Präsidenten gefehlt hat.

Wenige Tage später erklärte die Biden-Regierung, dass die USA (endlich) Hilfsgüter in den Gazastreifen senden wird. Ob Harris’ feurige Rede dabei eine Rolle gespielt hat? Wir werden es nie erfahren. Aber so oder so zeigt es: Die bereits als «hoffnungsloser Fall» abgestempelte Harris weiss genau, auf welche Themen es zu setzen gilt. Auch an der Münchner Sicherheitskonferenz vor einigen Wochen überzeugte Harris als Biden-Ersatz mit hervorragenden diplomatischen Glanzleistungen.

Vizepräsidentin ist zurück – und gibt richtig Gas

Sah es lange Zeit so aus, als ob Harris sich damit zufriedengeben könnte, als loyale Vizepräsidentin eine blasse Nebenrolle, zeigt sie sich im anziehenden Wahlkampf nun deutlich häufiger, selbstbewusster – und auch ein bisschen nahbarer. Und die amerikanische Bevölkerung dankt es ihr.

Zwar sind ihre Umfragewerte generell schlecht – nur 39 Prozent der Amerikanerinnen und Amerikaner sind ihr positiv gesinnt – doch Harris löst bei jungen, schwarzen und weiblichen Wählern Begeisterung aus. Die demokratische Kongress-Abgeordnete Victoria Escobar (54) sagte zu «Tagesspiegel»: «Harris wird diese Begeisterung weiter aufbauen, vor allem bei den demografischen Gruppen, die wir brauchen. Wir brauchen die schwarzen Frauen, und die, genau wie Latinas und andere, lieben sie.» Da kann ich nur beipflichten und mich fragen: Wieso ist Harris nicht früher aus der Versenkung geholt worden? Offensichtlich hat sie es ja doch drauf. 


06.03.2024, 15:37 Uhr

Da warens nur noch zwei

von Chiara Schlenz, Auslandredaktorin

Die letzte parteiinterne Widersacherin des amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump (77), Nikki Haley (52), hat aufgegeben. Dies, nachdem sie eine heftige Schlappe am «Super Tuesday» einstecken musste.

Trump gewann 14 von 15 republikanischen Vorwahlen, er räumte überall mit mindestens 60 Prozent Vorsprung ab. Haley hingegen konnte nur in einem einzigen Bundesstaat gewinnen. Damit ist Trump bereits drei Monate vor dem Ende der Vorwahlen der einzig verbliebene Kandidat. Genau so, wie der aktuelle US-Präsident Joe Biden (81) mit 72 Prozent der Delegiertenstimmen als demokratischer Kandidat gesichert ist.

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Jetzt stellt sich für mich natürlich die Frage: Was bedeutet Nikkis Aus für die tatsächlichen US-Präsidentschaftswahlen im November?

Niemand will Biden, niemand will Trump

Klar ist auf jeden Fall eine Sache: Wir werden im November einen erneuten Kampf zwischen Trump und Biden sehen. Das Rückspiel zwischen Trump und Biden wird von wenigen Amerikanern gewünscht. Meinungsumfragen der «New York Times» zeigen, dass sowohl Biden als auch Trump bei den Wählern wenig Zustimmung finden.

Kann ich verstehen: Die Wahl zu haben zwischen einem Greis, der nicht mehr Links von Rechts und Gaza von der Ukraine unterscheiden kann (Biden) und einem Politiker, der nach seiner Abwahl 2021 das Ergebnis einer demokratischen Wahl nicht anerkannte und nun in vier Gerichtsfälle mit insgesamt 91 Anklagepunkten verwickelt ist (Trump) – puh. Das sind nicht wirklich attraktive Optionen.

Entsprechend gespalten ist auch das amerikanische Volk: Laut neuesten Umfragen von «Washington Post» hat Trump nur einen hauchdünnen Vorsprung gegenüber Biden – 48 Prozent zu 43 Prozent. Keiner von beiden sahnt wirklich ab bei den Umfragen.

Trump feiert sich schon als Sieger

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Und dann wird Trump wohl die Realität eiskalt einholen: Ausserhalb seines republikanischen «Make America Great Again»-Hardcore-Fanclubs hat Trump kaum Herzen und Köpfe erobert. Das haben wir in den letzten Jahren sehr gut beobachten können. In den letzten drei wichtigen Wahlen – die Kongresswahlen 2018, die Präsidentschaftswahlen 2020 und die Midterms 2022 – triumphierten Biden und die Demokraten über Trump und die Republikaner. Bei den Midterms sprach man von einer drohenden roten Welle, bei den Präsidentschaftswahlen 2020 war man sich sicher, dass Biden den amtierenden Trump nicht aus dem Amt hebeln könne. Beide Male hätten die Hiobsbotschaften nicht falscher sein können.

Was Haley mit den Wahlen im November zu tun hat

Denn jedes Mal hatte Trump dasselbe Problem: Er konnte nicht genügend Wechselwähler für sich begeistern. Und hier kommt Haley wieder ins Spiel: Wer wird im November die Stimmen erhalten, die eigentlich Haley gebühren würden? Immerhin hat sie Trump konsequent 30 Prozent der republikanischen Wählerstimmen abgeknöpft. 

Das waren meist urbane, junge Frauen oder moderate Republikaner, die sich für Haley entschieden haben – also eine Untergruppe von Wählern, die sich auch Biden schnappen könnte, wenn er sich geschickt anstellt. Und eine Untergruppe, die Trump mit seinen radikalen Aussagen vergrault hat.

Mein Fazit zum «Super Tuesday» lautet also wie folgt: Auch wenn es gerade so aussehen mag, als würde Donald Trump ungestört aufs Weisse Haus zusteuern, ist es noch lange keine gemachte Sache. Wenn Biden und die Demokraten sich geschickt anstellen, könnte es bis zum 5. November noch richtig spannend werden.


04.03.2024, 12:10 Uhr

Kleiner Erfolg vor grosser Klatsche

Von Guido Felder, Auslandredaktor

Endlich hat es geklappt: Nikki Haley (52), die republikanische Herausforderin von Donald Trump (77), sichert sich einen historischen Sieg bei den Vorwahlen in Washington D.C. mit beeindruckenden 63 Prozent der Parteistimmen, während Trump nur 33 verbuchte. Der parteiinterne Triumph markiert eine Premiere, da erstmals eine Frau eine republikanische Vorwahl für sich entscheiden konnte. 

Für mich zeigt ihr Sieg besonders deutlich: Trump gelingt es nicht, über seine radikale Basis hinaus zu mobilisieren. In Washington stimmen viele Republikanerinnen und Republikaner für Kandidaten, die sie persönlich kennen und mit denen sie zusammengearbeitet haben. Sie sind hochgebildet, gemässigt und lassen sich von den plakativen Parolen nicht blenden. Trump hatte in Washington D.C. bereits 2016 verloren, er landete damals sogar nur auf dem dritten Platz hinter Senator Marco Rubio (52) aus Florida und dem ehemaligen Gouverneur von Ohio, John Kasich (71). 

Nikki Haley freut sich nach dem Sieg in Washington D.C.

Die Bedeutung der 680’000 Einwohner zählenden Hauptstadt für die Vorwahlen ist aber generell so gering, dass es vorab nicht einmal Umfragen gegeben hatte. Nur gerade 2035 Republikaner entschieden über lediglich 19 Stimmen. Ich werte Haleys Triumph in der US-Hauptstadt daher als viel mehr symbolisch denn substanziell. 

Hier will Haley zuschlagen

Doch Washington verleiht Haley Auftrieb. Ihr Ziel besteht darin, am morgigen Super Tuesday mindestens fünf Staaten für sich zu entscheiden. Ihre Chancen dürften da am grössten sein, wo die Wähler den besten Schulabschluss haben und wo auch Nicht-Parteimitglieder entscheiden können. Dazu gehören Massachusetts, Virginia, North Carolina, Maine und Vermont.

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Am Super Tuesday bestimmen 15 Staaten ein Drittel der Delegierten. Um das interne Rennen zu gewinnen, benötigt ein Kandidat am Nominierungsparteitag der Republikaner am 15. Juli mindestens 1215 der insgesamt 2429 Delegierten. Auf seiner «Truth Social»-Website erklärt Trump, dass er sich bewusst von der DC-Abstimmung ferngehalten habe, da es der «Sumpf» sei und daher belanglos. «Die wirklich grossen Zahlen werden am Super Tuesday kommen.» Damit hat er völlig recht. Laut Umfragen liegt er überall vorne. Kommt dazu, dass das Oberste Gericht am Montag ein Urteil aus Colorado gekippt hat, das Trump die Teilnahme an den Präsidentschaftswahlen verbieten wollte. 

Sie kämpft weiter

Haleys Gesamtstand von inzwischen 43 Stimmen liegt deutlich hinter Trumps beeindruckenden 244 Stimmen aus den bisherigen Vorwahlen zurück. Viele erwarten, dass Haley nach dem Super Dienstag und dem wegweisenden Urteil aufgeben wird. So sicher bin ich mir nicht. Auch nach einer Niederlage und dem Druck aus der Partei, als «verzweifelte Verliererin» endlich den Bettel hinzuwerfen, dürfte sie weiterhin entschlossen sein, sich den Republikanern als Alternative zu präsentieren. «Solange wir konkurrenzfähig sind, solange wir zeigen, dass es einen Platz für uns gibt, werde ich weiter kämpfen», betont Haley in einem Interview auf NBC.

Denn es geht ihr um zwei Dinge: Sie will als Erbin des republikanischen Spitzenplatzes bereitstehen, wenn der 77-jährige Trump krankheitsbedingt oder wegen einer Verurteilung ausfallen sollte. Es geht ihr aber auch schlicht darum, ihrem internen Widersacher, der sie immer wieder verspottet und dessen Politik sie verurteilt, maximalen Schaden zuzufügen. 

27.02.2024, 17:31 Uhr

«It’s the Arabs, stupid!» Joe Bidens riesiges Michigan-Problem

Von Samuel Schumacher, Ausland-Reporter

«It’s the economy, stupid!» («Es geht um die Wirtschaft, Idiot!») Dieser Ratschlag, den der Polit-Stratege James Carville (79) seinem Chef Bill Clinton (77) bei den Präsidentschaftswahlen 1992 gegeben hatte, galt lange als Gold-Standard der US-Politik. Die Wirtschaft – genauer: die Preise an den heimischen Tanksäulen und in den Supermärkten – sind das alles Entscheidende bei jeder Wahl.

Wäre das auch diesmal so, dann könnte sich Joe Biden (81) fast schon zurücklehnen. Die amerikanische Wirtschaft wächst (um voraussichtlich 2,2 Prozent dieses Jahr), die Inflation ist auf 3 Prozent gesunken und der Job-Markt brummt. 

Dumm nur für Biden, dass Carville’s Weisheit 2024 ausgedient hat. Diesmal lautet das Motto nämlich: «It’s the Arabs, stupid!» («Es geht um die Araber, Idiot!») 

Die arabischstämmigen Amerikanerinnen und Amerikaner – schätzungsweise gibt es deren 3,5 Millionen im ganzen Land – dürften beim diesjährigen Präsidentschaftsrennen nämlich den Ausschlag geben. Das zeigt sich zum ersten Mal bereits heute Abend bei den demokratischen Vorwahlen im Bundesstaat Michigan, wo besonders viele leben.

Sie sehen Biden als Kriegsverbrecher

In normalen Wahljahren wählten sie fast geschlossen für die demokratischen Kandidaten. Diesmal aber muss Biden zittern. Denn die arabischen Amerikaner sind richtig wütend auf ihn. Seine anhaltende Unterstützung für die israelische Regierung und sein bisheriges Versagen beim Aushandeln einer Waffenruhe im Gaza-Streifen haben Biden zur Hass-Figur in der wichtigen Wählergruppe gemacht. «Wir sehen ihn nicht mehr als unseren Präsidenten, wir sehen ihn als Kriegsverbrecher», bringt Osama Siblani (68), Chefredaktor der Zeitung «The Arab American News», die Stimmung auf den Punkt. 

Gemeinsam mit zahlreichen anderen prominenten Vertretern seiner Community ruft Siblani die arabischstämmigen Wählenden dazu auf, bei den heutigen Vorwahlen das Kreuzchen auf dem Wahlzettel nicht neben Bidens Namen zu machen, sondern bei «uncommitted». Je mehr «unentschlossene» Stimmen es gibt, umso deutlicher ist der Warnschuss vor Bidens Bug: Achtung, Joe: Wenn du nicht schleunigst umdenkst bei der Nahost-Politik, dann kannst du im November beim Schlussgang nicht auf uns zählen.

Den Swingstate Michigan beispielsweise gewann Biden 2020 mit gerade mal 154'188 Stimmen Vorsprung auf Donald Trump (77). Die 206'050 registrierten muslimischem Wählerinnen und Wähler in Michigan (ein Grossteil davon arabischstämmige Amerikaner) haben es also alleine in der Hand, im November den entscheidenden Unterschied zu machen. Und laut einer aktuellen Umfrage würden drei Viertel von ihnen (also gut 150'000) derzeit einen Kandidaten einer Drittpartei anstelle des Demokraten wählen. Und schon hätte Biden Michigan – und damit mit einiger Wahrscheinlichkeit die gesamten Wahlen – verloren.

In diesem Punkt sind sich die Amis einig

Ganz ähnlich dürfte es dem Demokraten in anderen wichtigen Swingstates ergehen. In Pennsylvania, zum Beispiel. Da gewann er 2020 mit knapp 80'000 Stimmen Vorsprung auf Trump. Die 167'618 muslimischen Wählenden vor Ort könnten ihm den Sieg vermasseln. Genauso im Swingstate Arizona. Da machten gerade mal 10'500 Stimmen den Unterschied für Biden. Die gut 60'000 muslimischen Wähler vor Ort könnten ihn den Grand-Canyon-State diesmal kosten.

Wohlgemerkt: Die allermeisten arabischen und muslimischen Amerikaner werden nicht ins Trump-Lager wechseln. Alleine ihre Absenz von den Wahlurnen oder aber ihr Einwerfen für einen Drittparteien-Kandidaten könnte Bidens politisches Ende bedeuten. Abdullah Hammoud (33), Bürgermeister der Stadt Dearborn in Michigan, kam deshalb in einem Kommentar in der «New York Times» kürzlich zum Schluss: «Ich fürchte, Biden wird nicht als jener Präsident in Erinnerung bleiben, der die amerikanische Demokratie 2020 gerettet hat, sondern als jener, der sie 2024 für Benjamin Netanjahu geopfert hat.»

«Genocide Joe», wie radikale Vertreter der arabischen Community Biden nennen, muss sich also schleunigst um ein Ende des Tötens in Gaza bemühen. Damit käme er jenen 66 Prozent der Amerikaner (nicht nur der arabischen) entgegen, die einen sofortigen Waffenstillstand im Nahen Osten verlangen. Sollte Biden das (wie so vieles) vergessen haben: Die arabisch-amerikanische Wählerschaft in Michigan wird ihn bei den heutigen Vorwahlen daran erinnern. 

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