Ukrainische Truppen in Schwierigkeiten
«Für 100 Meter verlieren wir fünf Männer»

Die Gegenoffensive der Ukrainer fordert einen hohen Blutzoll. Das schlägt auf die Moral.
Publiziert: 24.07.2023 um 02:40 Uhr
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Aktualisiert: 24.07.2023 um 07:21 Uhr
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Ein verwundeter Soldat wird in der Nähe von Bachmut behandelt.

Meter um Meter versuchen sich die ukrainischen Streitkräfte gegen die russischen Besatzer vorzukämpfen. Die lang ersehnte ukrainische Gegenoffensive läuft seit einigen Wochen – doch sie droht, ins Stocken zu geraten.

Ein Feldarzt sagt gegenüber der «Kiew Post»: «Die Situation ist sehr schwierig. Den Russen wurde zu viel Zeit gegeben, um sich auf die Gegenoffensive vorzubereiten.» Den Russen sei wohl klar gewesen, dass die Ukrainer in Richtung Saporischschja vorstossen würden. Die Antwort der Russen darauf: Riesige Minenfelder.

«Sie legen Minen auf den Zufahrten zu ihren Stellungen»

Der Feldarzt sagt: «Jeder Quadratzentimeter ist vermint. Sie legen Minen auf den Zufahrten zu ihren Stellungen und sprengen sie, wenn sie sich zurückziehen.» Das habe dazu geführt, dass die Ukrainer sich nur im Schneckentempo fortbewegen konnten und dass viele Soldaten Opfer der Minen wurden.

Es sind nicht nur die Minen, die Lücken in die Reihen der Ukrainer reissen. Ein Soldat berichtet der «Kiew Post», dass die Russen die Ukrainer mit Sprengfallen erwarten, dass sie von drohnengesteuerter Artillerie und hinter Hügeln stationierten Panzern sowie gelenkten und ungelenkten Luftbomben beschossen werden.

So kommen die Truppen nur langsam voran, doch der Blutzoll ist riesig – und schlägt gewaltig auf die Moral. Ein Sanitäter sagt der Zeitung: «In einem Monat sind wir nur anderthalb Kilometer vorwärtsgekommen. Wir kommen nur Zentimeter vorwärts, aber ich glaube nicht, dass es all die menschlichen Ressourcen und das Material wert ist, das wir verloren haben.»

Fehlendes Training ein weiteres Problem

Ein Infanterist, der in der Nähe von Donezk kämpft, berichtet gegenüber der «Kiew Post», dass ein weiteres Problem das fehlende Training sei. So habe man vor Beginn der Gegenoffensive zwar die Eroberung von Schützengräben geübt – nicht aber deren Verteidigung. Sobald eine russische Befestigung eingenommen sei, werde man von der gegnerischen Artillerie «von vorne bis hinten» beschossen. «Für hundert Meter, die wir einnehmen, verlieren wir vier bis fünf Soldaten. Das ist der durchschnittliche Verlust.»

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Am Sonntag erklärte der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski (45) den späten Start der Gegenoffensive mit unzureichender Munition. Auch den Punkt des fehlenden Trainings sprach er in einem Interview mit CNN an. «Wir hatten vor, im Frühjahr damit zu beginnen. Aber das haben wir nicht getan, weil wir, ehrlich gesagt, nicht über genügend Munition und Bewaffnung verfügten und nicht genügend Brigaden, die ordnungsgemäss in diesen Waffen ausgebildet waren, und noch mehr, weil die Ausbildungsmissionen ausserhalb der Ukraine stattfanden. Aber wir haben trotzdem angefangen. Und das ist wichtig», so Selenski. Er ergänzte, dass die Verzögerung beim Beginn des Angriffs Russland mehr Zeit gegeben habe, «unser gesamtes Land zu verminen», was den Vormarsch der ukrainischen Truppen verlangsame.

Unerfahrenere Soldaten an der Front

Auch US-Aussenminister Antony Blinken (61) äusserte sich skeptisch über einen schnellen Erfolg der Gegenoffensive. Er sagte gegenüber CNN: «Die Gegenoffensive steht noch relativ am Anfang. Es ist schwierig. Wir haben, glaube ich, noch mehrere Monate vor uns.» Blinken stellte der Ukraine F-16-Kampfjets in Aussicht.

«Ja, ich verstehe, dass es immer besser ist, den Sieg früher zu sehen. Das wollen wir auch. Aber die Frage ist der Preis … dieses Sieges. Wir sollten die Menschen also nicht im wahrsten Sinne des Wortes unter Panzer werfen. Lassen Sie uns unsere Gegenoffensive so planen, wie unsere Analysten es vorschlagen. Und einige unserer Wohngebiete wurden bereits befreit. Ich glaube also an unseren Sieg», gab sich Selenski dennoch optimistisch. Doch wie realistisch ist diese Perspektive?

Laut dem «Wall Street Journal» droht die ganze Offensive nun gar ins Stocken zu geraten und in einer blutigen Pattsituation zu verharren: Grund sei vor allem die fehlende Lufthoheit. Und auch der «New York Times» gegenüber berichten Kommandanten und Infanteristen von ihren Problemen an der Front. Durch die Verluste seien viele Reihen in den Einheiten durch ältere, unerfahrene Soldaten ersetzt worden.

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«Wir haben eine Überlebenschance»

Zudem sind die russischen Besatzer im Feld der elektronischen Kriegsführung den Ukrainern laut der «NY Times» überlegen. Die russischen Streitkräfte seien fähig, Handysignale aufzuspüren und GPS- und Funkfrequenzen zu stören – was die Kommunikation der Ukrainer untereinander gewaltig stört.

In den Reihen der Ukrainer hat sich laut einem Infanteristen ein gewisser Fatalismus breit gemacht. Jeder rechne damit, getroffen zu werden. Der Soldat zieht gar einen makabren Vergleich: «Menschen in einem abstürzenden Flugzeug haben keine Chance, und laut Statistik haben wir 30 Prozent Tote und 40 Prozent Verwundete, also haben wir eine Überlebenschance. Es ist also nicht so schlimm.» (neo)

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