Überflutungen, Waldbrände, Wirbelstürme – ETH-Klimaexperte Reto Knutti erklärt die aktuellen Naturkatastrophen
Darum ist der September so extrem

Im September gibt es auffallend viele verheerende Unwetter. Zufall oder nicht? Klimaexperte Reto Knutti von der ETH erläutert den Zusammenhang und warnt vor «vernetzten Risiken».
Publiziert: 15.09.2023 um 06:49 Uhr
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Aktualisiert: 18.09.2023 um 10:58 Uhr
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In Libyen brachen zwei Staudämme, worauf ganze Städte überflutet wurden.
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Guido FelderAusland-Redaktor

Überflutete Städte, zerstörte Häuser, verzweifelte Menschen: Fast täglich sehen wir Bilder von neuen Naturkatastrophen. Nach den Hitzerekorden im Sommer an vielen Orten auf dem Globus kommt es nun Anfang September zu einer Häufung von Naturkatastrophen. 

ETH-Klimaforscher Reto Knutti (50) sagt dazu: «Auf den ersten Blick ist das Wetter generell zufällig, das heisst, viele Ereignisse sind ziemlich unabhängig – ein Gewitter hier, ein Gewitter dort…» Doch dann kommt sein grosses Aber: Es gebe Verbindungen durch grosse Wetterlagen. Sehr stabile Hochdrucklagen führten zum Beispiel zu Hitzerekorden oder Trockenheit im mehreren Ländern gleichzeitig. 

Dann gebe es zweitens die im Moment zunehmenden El-Niño-Situation im tropischen Pazifik. «Sie kann zu ungewöhnlichen Wettersituationen in andern Kontinenten führen. Zum Beispiel ist es trocken in Südafrika und Australien und dafür eher feucht im Südwesten der USA.»

Und schliesslich sei da noch der fortschreitende Klimawandel, der generell zu einer Häufung von Hitze und extremen Niederschlägen führe. Die Formel dahinter: Warme Luft kann mehr Wasserdampf aufnehmen, und zwar pro Grad Erwärmung rund sieben Prozent mehr. Bei Abkühlung schüttet es umso mehr. 

Besser auf Risiken vorbereiten

Knutti warnt vor «vernetzten Risiken». «Die letzten Jahre haben gezeigt, wie verwundbar und schlecht vorbereitet wir sind, wenn mehrere Elemente – sei es im Wetter oder andern Bereichen – schiefgehen.» Als solche Elemente zählt er nebst dem Klima die Energieversorgung, die Pandemie, den Krieg und die Cybersecurity auf. 

Er rät daher: «Neben der Anstrengung, die Risiken etwa durch konsequente Klimapolitik zu verringern, müssen wir uns durch Anpassung besser auf jene Risiken vorbereiten, die unweigerlich auf uns zukommen.» Im Kampf gegen den Klimawandel hat Knutti diese Woche zur Public Challenge aufgerufen, mit der lustvoll CO2 eingespart werden kann.

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Nachfolgend eine Auflistung von Unwetterkatastrophen im September.

Überflutungen im Mittelmeerraum

Es waren extreme Regenfälle: Von Anfang bis Mitte September sorgte Sturmtief Daniel vor allem in Griechenland, Bulgarien, der Türkei und in Libyen für verheerende Fluten. Besonders betroffen war Libyen, wo zwei Staudämme barsten und zehn Meter hohe Flutwellen Städte überschwemmten. Gegen 7000 Menschen kamen ums Leben, gegen 10'000 werden vermisst. In Griechenland starben mindestens 15 Menschen, in Bulgarien vier. 

Waldbrände in Kanada

Kanada erlebt die schwersten Waldbrände seit Beginn der Aufzeichnungen. Seit März hat das Feuer in praktisch allen Provinzen Wald auf einer Fläche von 173'000 Quadratkilometern zerstört, was rund viermal der Grösse der Schweiz entspricht. Bis 13. September wurden 6262 Waldbrände gezählt, von denen zu diesem Zeitpunkt 911 aktiv und 537 ausser Kontrolle waren. Wegen der Feuer kam es zu einer massiven Luftverschmutzung, von der über 100 Millionen Menschen betroffen waren. 

Zyklon in Brasilien

Im Süden Brasiliens wütete in der Woche vom 4. September ein Zyklon, worauf es durch Starkregen zu massiven Überflutungen kam. 66 Städte sind betroffen. Bisher wurden 46 Unwetter-Tote gezählt, 3200 Menschen sind obdachlos. Schon im Februar starben bei Unwettern im Bundesstaat Sao Paulo 65 Menschen und im Juni im Bundesstaat Rio Grande do Sul 13 Menschen. 

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Überflutungen in Deutschland

Am Dienstag dieser Woche sorgten extreme Regenfälle in Teilen Deutschlands für chaotische Szenen. Die Autobahn A2 war so stark überflutet, dass Autos fast bis zu den Scheiben im Wasser standen. 

Autos schwimmen auf A2: Heftige Unwetter in Deutschland(00:39)

Taifun Saola und Hurrikan Idalia

In Hongkong und Florida war Anfang September vor Taifuns gewarnt worden. Sie wüteten zwar weniger stark als erwartet, richteten aber dennoch grossen Schaden an. Taifun Saola traf nebst Hongkong auch auf den Süden Chinas, wo fast 900’000 Menschen in Sicherheit gebracht werden mussten. Hurrikan Idalia forderte in Florida ein Todesopfer. 


 

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