Tausende Corona-Tote und ein mögliches Amtsenthebungsverfahren
Brasilien droht wegen Bolsonaro das Chaos

Sind die Tage des brasilianischen Präsidenten Bolsonaro gezählt? Er muss Tausende Corona-Tote verantworten und mit einem Amtsenthebungsverfahren rechnen. Das Militär rasselt schon mit den Säbeln.
Publiziert: 06.05.2020 um 19:05 Uhr
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Aktualisiert: 07.05.2020 um 15:44 Uhr
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Am Wochenende gingen in São Paulo Bolsonaro-Fans auf die Strasse.

Dem grössten Land Südamerikas droht das Chaos. Grund dafür ist der rechtspopulistische Präsident Jair Bolsonaro (65), der sich kaum um die Pandemie kümmert und nun auch noch mit einem Amtsenthebungsverfahren rechnen muss. Die Parallelen zu den USA sind deutlich.

Der Latino-Trump, wie er daher auch genannt wird, verharmlost die Corona-Pandemie. Inzwischen zählt Brasilien schon 8000 Tote, 116'000 sind infiziert – mehr als im Corona-Herkunftsland China.

«Ich vollbringe keine Wunder»

Er selber wohnte in diesen Tagen dem Amtsantritt eines neuen Generals in der Stadt Porto Alegre im Süden Brasiliens bei. Während ihn verschiedene Generäle mit Ellbogen begrüssten, schüttelte Bolsonaro – ohne Schutzmaske – Hände, klopfte auf Schultern und löste Massenansammlungen aus.

Auf die Frage zu den steigenden Corona-Opferzahlen sagte er: «Und? Es tut mir leid. Was soll ich tun? Ich bin Messias, aber ich vollbringe keine Wunder.» Damit spielte er auf seinen zweiten Vornamen an, der Messias lautet.

Richter setzt Lockdown durch

Nur auf Druck eines Richters wurde endlich ein Lockdown durchgesetzt. In São Luís, der Hauptstadt des nördlichen Bundesstaates Maranhão, und drei weiteren Städten in der Umgebung werden seit Dienstag für zehn Tage alle nicht-essenziellen Aktivitäten ausgesetzt. Alle 112 öffentlichen Intensivbetten für Covid-19-Patienten sind belegt. Richter Douglas de Melo Martins begründete sein Urteil damit, dass «die Leute Spass machen und andere sterben».

Bolsonaro drohen auch Ermittlungen, die zu einem Amtsenthebungsverfahren führen könnten. Sein am 24. April zurückgetretener Justizminister Sergio Moro (47) beschuldigt ihn, er habe versucht, illegal auf die Bundespolizei Einfluss zu nehmen, als er deren Chef durch einen Busenfreund ersetzen wollte.

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Dies steht im Zusammenhang mit der Ermordung von Marielle Franco (†38), einer sozialistischen Stadträtin von Rio de Janeiro. Sie wurde 2018 in ihrem Auto erschossen. Der mutmassliche Täter soll nach dem Anschlag eine Wohnanlage Bolsonaros aufgesucht haben.

Beliebtheit sinkt

Wegen der Corona-Katastrophe und den Anschuldigungen wenden sich immer mehr Brasilianer von ihrem Präsidenten ab. Nach dem Rücktritt Moros sanken Bolsonaros Zustimmungswerte laut dem Meinungsforschungsinstitut XP/Ipespe auf einen Tiefstand von 27 Prozent. Bei seinem Amtsantritt im Januar 2019 lag dieser Wert noch bei 40 Prozent. Selbst bei den evangelikalen Kirchen, den treusten Anhängern, verliert er an Glaubwürdigkeit.

Doch die schwindenden Unterstützer werden immer lauter. In der Hauptstadt Brasilia sind viele Regierungsanhänger auf die Strasse gegangen, um für einen Einsatz der Armee zu demonstrieren. Offenbar haben sie dabei Journalisten angegriffen.

Klar ist: Für Bolsonaro wirds eng. Mit ganzer Kraft versucht er sich, in seinem Amt zu halten. Wenn nötig wohl auch mit Waffengewalt. Bolsonaro hat aus seinen Sympathien für die ehemalige Militärdiktatur in Brasilien jedenfalls noch nie einen Hehl gemacht. (gf)

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