Sogar seine Propagandisten ziehen über die Trümmer-Truppen her
Putin zieht Alleinerziehende, Krebskranke und halb Erblindete ein

Tausende Russen werden derzeit in die Armee eingezogen. Sogar Schwerkranke und Alleinerziehende sollen in die Ukraine geschickt werden.
Publiziert: 27.09.2022 um 17:10 Uhr
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Aktualisiert: 28.09.2022 um 14:11 Uhr
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Dieser Mann ist krebskrank, halb taub und sieht fast nichts mehr – trotzdem wird er eingezogen.

300'000 zusätzliche Russen müssen in die Ukraine. So will es Präsident Wladimir Putin (69). Doch das Rekrutierungs-Chaos ist gross – sogar Putins Top-Propagandisten kritisieren den Ablauf der Mobilisierung.

Offenbar schreckt die russische Armee in ihrer Verzweiflung nicht einmal davor zurück, auch schwer Kranke einzuziehen. Laut eines Berichts der «Novaya Gazeta» wurde in der russischen Stadt Asbest ein 59-jähriger Russe eingezogen. «Er meldete sich am nächsten Morgen bei der zuständigen Stelle, in der Erwartung, dass er nach der ärztlichen Untersuchung freigestellt würde. Er leidet an Hautkrebs und Nierensteinen, ist auf einem Auge blind und sogar noch schwerhörig», sagt die Tochter des ehemaligen Chirurgen der Zeitung.

Schwerkranke, Lehrer und Alleinerziehende

Aber die schweren Behinderungen und Einschränkungen interessieren bei der Rekrutierung niemanden. Der Mann wird eingezogen und in ein militärisches Trainings-Camp geschickt. Doch damit nicht genug: Der Mann wird sogar zum Kommandeur seiner Einheit ernannt!

«Er steht unter Schock», sagte seine Tochter. «Er musste sein Smartphone abgeben und durch ein Tastenhandy ersetzen. In zwei Wochen soll er in die Ukraine reisen.»

Dabei handelt es sich um keinen Einzelfall, wie «Daily Beast» schreibt. Putins Top-Propagandist Wladimir Solowjow, auch genannt «Putins Mundwerk», und seine Kollegin Margarita Simonjan (42), Chefredaktorin des staatlichen Senders RT, sammeln seit Bekanntgabe der Mobilisierung Beispiele von Personen, die unrechtmässig eingezogen werden.

Laut Simonjan sind unter den Mobilisierten auch Leute im Alter von 60 Jahren. Manche seien sogar noch älter. Auch Studenten oder Schwerkranke müssten einrücken, genauso wie Lehrer. Sie habe sogar von einer alleinerziehenden Mutter gehört, die einen Marschbefehl erhalten habe.

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Bedenken zur Versorgung

Laut Solowjow sind auch weitere «ungeheuerliche Beispiele» aufgetaucht. Unter anderem wurde ein schwerkranker Musiker in der Stadt Nowosibirsk mobilisiert. Sogar der zuständige Senator Alexander Karelin musste daraufhin intervenieren. «Der Rekrutierungsoffizier sagte, er habe den Musiker eingezogen, weil er sich zuvor in irgendeiner Form über ihn beschwert habe», so Solowjow. Die Propagandisten warnten, dass auch kleine Beschwerden einen Einfluss auf Rekrutierungsentscheide hätten.

Viele Soldaten erhalten zudem kaum Training, werden umgehend an die Front verlegt. «Uns wurde mitgeteilt, dass es keine einsatzvorbereitende Ausbildung im Kriegsgebiet geben würde», schreibt eine Mobilisierte auf Telegram. Bereits in zwei Tagen soll sie nach Cherson geschickt werden.

Auch Simonjan äussert Bedenken zur Versorgung der russischen Soldaten. «Wir mussten schon vorher Güter für die Zehntausenden schicken, die bereits an der Front waren. Züge voller Schutzwesten, Socken, weiterer Ausrüstung. Werden wir diese 300'000 Personen auch mit allem versorgen können, was sie brauchen?»

Hunderttausende fliehen

Angesichts der drohenden Mobilisierung ergreifen derzeit Hunderttausende Russen die Flucht. An den Grenzen bilden sich kilometerlange Schlangen, die Wartezeiten betragen mehrere Stunden oder sogar Tage. Gemäss Schätzungen sollen schon 260'000 Russen ins Ausland geflohen sein, Tausende weitere sollen folgen.

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Gerüchten zufolge könnte Präsident Putin daher sogar eine Ausreisesperre für sämtliche Männer im wehrpflichtigen Alter verhängen. (zis)

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