Nach Angriff auf Robert Fico: Polizei verhaftet mutmasslichen Schützen(00:37)

Slowakei-Premier angeschossen
Fico-Attentäter wegen versuchten Rachemordes angeklagt

Der slowakische Regierungschef Robert Fico wurde am Mittwoch angeschossen und musste mit lebensgefährlichen Verletzungen ins Spital eingeliefert werden. Wie geht es dem Premier? Und was weiss man über den Täter? Blick liefert einen aktuellen Überblick.
Publiziert: 16.05.2024 um 10:14 Uhr
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Aktualisiert: 17.05.2024 um 11:39 Uhr
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Der slowakische Ministerpräsident Robert Fico wurde am Mittwoch von einem Mann angeschossen und lebensgefährlich verletzt.
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Marian NadlerRedaktor News

Der slowakische Ministerpräsident Robert Fico (59) wurde am Mittwoch bei einem Attenat niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt. Ein Rettungshelikopter flog den links-nationalen Politiker in ein Spital in Banska Bystrica, wo noch am Abend eine Notoperation stattfand. Blick liefert einen Überblick über die Geschehnisse. 

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Was ist passiert und wie geht es Fico?

Gegen 14.30 Uhr war Fico von Attentäter Juraj C.* (71) angeschossen worden. «Er wurde schwer verletzt – eine Kugel durchschlug den Magen und die andere traf ein Gelenk», erklärte Vize-Premier Tomas Taraba (44) am Abend.

Der Politiker hatte sich nach einer Kabinettssitzung im Kulturhaus der Kleinstadt Handlova ins Freie begeben, um wartende Anhänger zu begrüssen. Ein Video, das der lokale Fernsehsender RTV Prievidza veröffentlichte, zeigt, wie der Mann sich am Zaun Fico nähert und aus unmittelbarer Nähe mehrmals auf den Ministerpräsidenten schiesst. Laut Augenzeugenberichten soll Juraj C. laut auf sich aufmerksam gemacht haben und dann bis zu fünfmal abgedrückt haben.

«Ich habe ein paar Schüsse gehört, ich kann nicht sagen, wie viele. Ich rannte zum Fenster. Ich sah einen Mann am Boden liegen, umgeben von Polizisten. Dann sah ich, wie Robert Fico von Sicherheitsleuten in eine Regierungslimousine gebracht wurde», erzählte ein Augenzeuge dem Nachrichtenportal Aktuality. «Kurz bevor ich ihm die Hand geben wollte, habe ich vier Schüsse gehört. Robert fiel auf den Boden», sagte ein weiterer Augenzeuge am Mittwoch auf dem Platz vor dem Kulturhaus in Handlova im öffentlich-rechtlichen Sender RTVS. Er stehe unter Schock. «Das ist etwas Schreckliches, das waren Schüsse von hinten», fügte er hinzu. Über den Schützen sagte eine Frau dem Sender: «Der Mann stand dort von Anfang an. (...) Er hat nur noch gewartet.»

Das Portal der Zeitung «Dennik N» veröffentlichte Videoaufnahmen, auf denen zu sehen ist, wie Personenschützer den nach den Schüssen zu Boden gegangenen Fico aufheben und in zusammengekrümmter Haltung zu seiner Limousine tragen. Dort legen sie ihn auf den Rücksitz. Während das Auto mit Vollgas davonrast, wird der Angreifer von Polizisten festgenommen. Ein Reporter des öffentlich-rechtlichen Fernsehens RTVS, der den Täter nach der Festnahme aus der Nähe sehen konnte, schilderte, dass der Angreifer desorientiert gewirkt und Blut auf der Stirn gehabt habe. Das sei aber wohl damit zu erklären gewesen, dass ihn die Polizisten nach der Tat überwältigt und auf den Boden gedrückt hatten.

Mittlerweile wurde ein Strafverfahren eingeleitet. Jiraj C. wird wegen Rachemordes angeklagt. Ihm droht eine lebenslange Haftstrafe, wie «Euronews» berichtet. Er befindet sich derzeit in der Nationalen Kriminalbehörde in Nitra im Westen der Slowakei. 

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Nach der fünfstündigen Notoperation schwebt Fico mittlerweile nicht mehr in Lebensgefahr. Der slowakische Regierungschef ist laut Medienberichten auch wieder bei Bewusstsein. An der Operation seien zwei Ärzteteams beteiligt gewesen, erklärte Spitaldirektorin Miriam Lapunikova. Am Donnerstagmorgen sagte Verteidigungsminister Robert Kalinak (53) der Nachrichtenagentur TASR, Ficos Zustand habe sich «stabilisiert, ist aber weiterhin ernst». 

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Was ist über den Angreifer bekannt?

Als Täter wurde Juraj C. identifiziert, ein Schriftsteller und Gründer eines Literaturklubs aus der Zentralslowakei. Der Mann kommt aus der Stadt Levice, rund 150 Kilometer östlich der Hauptstadt von Bratislava. Auf Facebook bestätigte die slowakische Schriftstellervereinigung, dass es sich bei C. um eines ihrer Mitglieder handelt. Der Sohn des Attentäters erklärte gegenüber Aktuality, dass sein Vater legal eine Waffe besitze. Der Autor soll in der Vergangenheit allerdings auch bei einem privaten Sicherheitsdienst angestellt gewesen sein.

In Online-Netzwerken veröffentlichte Juraj C. gemäss Recherchen der Nachrichtenagentur AFP mehrere politische Statements. Der slowakische Innenminister Matus Sutaj Estok (37) sprach vor Medien von einem «klar politischen Motiv» des Täters. In einer Videoaufnahme, die der TV-Sender TA3 publik machte und die den Täter nach der Tat in einer Klinik zeigt, sagt Juraj C.: «Ich stimme der Regierungspolitik nicht zu. Sie liquidieren die Medien. Wieso wird RTVS abgeschafft?» Gegen die von der Regierung geplante Auflösung des öffentlich-rechtlichen Radios und Fernsehens RTVS demonstrieren seit Wochen Tausende Menschen.

Laut dem ungarischen Investigativjournalisten Szabolcs Panyi soll C. auch Verbindungen zur prorussischen Gruppierung Slovenski Branci (zu Deutsch: «Slowakische Wehrpflichtige») gehabt haben. Im Januar 2016 hat C. laut Panyi auf Facebook seine Unterstützung für Slovenski Branci zum Ausdruck gebracht.

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Slovenski Branci ist eine nicht registrierte paramilitärische Organisation, die seit 2012 in der Slowakei aktiv war und im Oktober 2022 ihre Aktivitäten einstellte. Laut den Investigativjournalisten von VSquare soll Slovenski Branci eine Freundschaft zur kremlfreundlichen Motorradgang «Nachtwölfe» gepflegt haben. Der Anführer der Gruppe soll von ehemaligen russischen Spezialeinheiten ausgebildet worden sein.

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Wie fallen die internationalen Reaktionen aus?

Ungarns Regierungschef Viktor Orban (60) zeigte sich schockiert über den Angriff auf Fico. «Tief erschüttert erfuhr ich vom schrecklichen Angriff auf meinen Freund Robert Fico», schrieb Orban am Mittwoch auf seiner Facebook-Seite. «Wir beten für seine möglichst baldige Genesung», fügte er hinzu. Russlands Präsident Wladimir Putin (71) brachte seine Empörung über den Angriff zum Ausdruck. «Es gibt keine Entschuldigung für dieses abscheuliche Verbrechen», betonte er. «Ich kenne Robert Fico als einen mutigen und entschlossenen Menschen. Ich hoffe sehr, dass diese Eigenschaften ihm helfen, diese schwierige Situation zu meistern.»

Uno-Generalsekretär António Guterres (75) verurteilte die Schüsse auf den slowakischen Regierungschef «aufs Schärfste». «Die Gedanken des Generalsekretärs sind in diesem schwierigen Moment beim Ministerpräsidenten und seinen Angehörigen», sagte ein Sprecher am Mittwoch in New York. Der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz (65) schrieb auf X von einem «feigen Attentat» und bekräftigte, Gewalt dürfe «keinen Platz haben in der europäischen Politik». 

Auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (65) fand deutliche Worte zum «abscheulichen Angriff»: «Solche Gewalttaten haben keinen Platz in unserer Gesellschaft und untergraben die Demokratie, unser höchstes gemeinsames Gut», schrieb sie auf X. «Nichts kann jemals Gewalt oder derartige Angriffe rechtfertigen», teilte EU-Ratspräsident Charles Michel (48) mit. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg (65) war nach eigenen Angaben «schockiert und entsetzt». 

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In einer vom Weissen Haus veröffentlichten Mitteilung sprach US-Präsident Joe Biden (81) von einer «schrecklichen Gewalttat».«Unsere Gedanken sind bei seiner Familie und dem slowakischen Volk.» Er und seine Frau Jill beteten für die rasche Genesung des slowakischen Premiers.

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