Ösi-Kanzler Kurz im BLICK-Telefon-Interview
«Wirtschaft und Gesundheit – das ist kein Widerspruch»

Ganz Europa schaut auf Österreich, weil Bundeskanzler Sebastian Kurz (33) in der Corona-Krise rasch harte Massnahmen traf und sein Land jetzt ebenso rasch wieder zur Normalität führt. Am Telefon erklärt er BLICK, wie er das geschafft hat.
Publiziert: 04.05.2020 um 00:20 Uhr
|
Aktualisiert: 12.10.2020 um 12:17 Uhr
  • «Wir haben rasch und hart reagiert und können jetzt schnell wieder in Richtung Öffnung gehen»
  • «Die ersten Geschäftsöffnungen hatten keine negativen Auswirkungen auf unsere Infektionszahlen»
  • «Der Konsum springt erst langsam wieder an»
  • «Eine zweite Welle ist ein realistisches Szenario»
  • «Ich lasse mich generell nicht von Druck leiten»
  • «Wir werden unsere Lehren ziehen und versuchen, als Staat noch widerstandsfähiger zu werden und uns noch besser vorzubereiten»
Sebastian Kurz zur Coronakrise: Schnell rein, schnell raus(04:00)
Interview: Christian Dorer

BLICK: Herr Bundeskanzler, warum hat Österreich schnell drastische Massnahmen gegen das Coronavirus getroffen und jetzt ebenso schnell Lockerungen?

Sebastian Kurz: Wir waren in Kontakt mit asiatischen Staaten, die die Krise vorher durchgemacht haben, und haben von ihnen gelernt. Unser Ziel war klar: Rasch und hart reagieren, um die Ausbreitung der Krankheit einzudämmen. Und dann schnell wieder in Richtung Normalität übergehen und das Land hochfahren.

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Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz zur Corona-Strategie seines Landes: «Wir waren in Kontakt mit asiatischen Staaten, die die Krise vorher durchgemacht haben, und haben von ihnen gelernt. Unser Ziel war klar: Rasch und hart reagieren, und dann schnell wieder in Richtung Normalität übergehen.»

Wie oft haben Sie schlecht geschlafen und sich gefragt, ob die drastischen Massnahmen wirklich das Richtige sind?

Es war eine herausfordernde Zeit. Denn wir haben die Massnahmen zu einem Zeitpunkt beschlossen, als die Ansteckungszahl in Österreich noch relativ gering war. Darum gab es anfangs einige politische Entscheidungsträger, die skeptisch waren. Heute können wir Gott sei Dank sagen, dass die frühe Reaktion Schlimmeres verhindert hat.

Niemand geht so schnell zurück zur Normalität wie Sie. Ist Österreich zu schnell oder sind die anderen zu langsam?

Weder noch – die Betroffenheit in den verschiedenen Ländern ist unterschiedlich. Wir haben rasch und hart reagiert und können jetzt schnell wieder in Richtung Öffnung gehen. Allerdings machen wir das sehr behutsam, denn wir müssen die Zahlen genau beobachten und verhindern, dass es zu einer zweiten Welle kommt.

Wie gross ist die Gefahr einer zweiten Welle?

Das ist ein realistisches Szenario. Die Frage ist, ob es gelingt, die Situation unter Kontrolle zu halten, also die Ansteckungen regional einzugrenzen und Infizierte rasch zu isolieren, oder ob es wieder zu einem exponentiellen Anstieg kommt. Dazwischen gibt es sehr viele Graustufen, die einen grossen Unterschied machen.

Wie wägen Sie zwischen Gesundheit und Wirtschaft ab?

Das ist kein Entweder-oder. Je schlimmer die Krankheit wütet, desto schlechter ist es für die Gesundheit und desto schlechter ist es auch für die Wirtschaft. Italien, Frankreich und Spanien werden nicht nur humanitär am stärksten getroffen, sondern auch wirtschaftlich den grössten Schaden erleiden. Umgekehrt ist es für die Gesundheit und für die Wirtschaft gut, wenn die Ansteckungszahlen möglichst niedrig sind. Insofern sehe ich diesen Widerspruch überhaupt nicht.

Die Wirtschaft macht schon Druck, möglichst rasch zu öffnen.

Ich lasse mich generell nicht von Druck leiten. Natürlich ist es für den Standort und für den Arbeitsmarkt wichtig, das System möglichst rasch wieder hochzufahren. Allerdings muss man trotzdem vorsichtig bleiben. Ein neuerlicher Shutdown wäre für die Wirtschaft das Schlechteste. Darum wollen wir das Virus beim Hochfahren unter Kontrolle halten.

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Die Geschäfte haben in Österreich bereits wieder offen, in der Schweiz kommt das erst noch. Wie sind Ihre Erfahrungen damit?

Der Konsum springt natürlich erst langsam wieder an. Die Menschen sind sehr diszipliniert und halten Abstand. Wir merken auch, dass die ersten Geschäftsöffnungen keine negativen Auswirkungen auf unsere Infektionszahlen hatten. Die sind nach wie vor unter 100 Neuinfektionen pro Tag.

Wann können Schweizerinnen und Schweizer wieder in Österreich Ferien machen?

Wir werden das in den nächsten Wochen beurteilen. Dies auch im Austausch mit der Schweizer Regierung, um einen Weg zu finden, der möglichst viel Freiheit und gleichzeitig ein Maximum an Sicherheit bietet.

Was ist mit Sommerferien in Österreich?

Wir hoffen, dass dies möglich sein wird.

Austrian und Swiss gehören beide der Lufthansa, beide sind in existenzieller Not. Braucht es Staatshilfe?

Die Gespräche mit der Lufthansa starten bald. Wir haben Interessen, die den Standort und Arbeitsplätze in unserem Land betreffen. Eine Hilfe für ein deutsches Unternehmen ohne einen Vorteil für die Republik Österreich wird es nicht geben.

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Im Gegenzug zu Staatshilfe wollen Sie eine Beteiligung an der Airline?

Wir starten erste Gespräche ...

Nun hat sich gezeigt: In der Krise schaut jedes Land für sich. Die Grenzen sind geschlossen. Was sind die Auswirkungen für Europa?

Ich hoffe, dass Europa gestärkt aus dieser Krise hervorgehen kann. Was unsere nachbarschaftlichen Beziehungen betrifft: Auch wenn die Grenzen zwischen Österreich und der Schweiz gerade geschlossen sind, sind wir nicht weiter auseinandergerückt. Wir stehen in einem guten Kontakt mit der Schweizer Regierung und haben ein sehr gutes nachbarschaftliches, freundschaftliches Verhältnis. Wir unterstützen uns wechselseitig, lernen voneinander und versuchen, möglichst rasch wieder zu einem normalen Grenzverkehr zu finden.

Ischgl war einer der Corona-Herde, auch einige Schweizer haben sich dort angesteckt …

Ganz generell waren Verbreitungsherde vor allem Orte, die sehr international sind und wo viel Tourismus sowie Austausch stattfindet. So wie dies in der Schweiz, in Italien, in Österreich und anderen Orten der Fall ist. Das ist bei einer ansteckenden Krankheit sehr naheliegend.

Welche langfristigen Folgen hat die Corona-Krise?

Wir werden unsere Lehren ziehen und versuchen, als Staat noch widerstandsfähiger zu werden und uns noch besser vorzubereiten. Was die gesundheitliche Krise betrifft, wird es spätestens mit der Erforschung eines Medikaments oder einer Impfung ein Ende geben. Die wirtschaftlichen Konsequenzen sind enorm. Dort müssen wir versuchen, so gut als möglich gegenzusteuern für ein rasches Comeback. Aber natürlich können weder wir als kleines Land wie Österreich noch die Schweiz alleine diese Weltwirtschaftskrise abwenden.

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Sebastian Kurz

Die Politikkarriere von Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz (33) begann früh: Mit 16 Jahren stieg er bei der Jungen ÖVP ein, mit 23 wurde er deren Obmann, mit 24 Staatssekretär für Integration, mit 27 Aussenminister, mit 31 Bundeskanzler. Er ist das einzige Kind eines Ingenieurs und einer Lehrerin, hat kurze Zeit Jus studiert und wohnt heute mit seiner Partnerin aus Schulzeiten im Wiener Arbeiterbezirk Meidling, wo er auch aufgewachsen ist. Kurz' Regierung mit den Freiheitlichen implodierte im Mai 2019 wegen des Ibiza-Skandalvideos seines Vizekanzlers. Seit Anfang 2020 regiert Kurz mit den Grünen.

Die Politikkarriere von Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz (33) begann früh: Mit 16 Jahren stieg er bei der Jungen ÖVP ein, mit 23 wurde er deren Obmann, mit 24 Staatssekretär für Integration, mit 27 Aussenminister, mit 31 Bundeskanzler. Er ist das einzige Kind eines Ingenieurs und einer Lehrerin, hat kurze Zeit Jus studiert und wohnt heute mit seiner Partnerin aus Schulzeiten im Wiener Arbeiterbezirk Meidling, wo er auch aufgewachsen ist. Kurz' Regierung mit den Freiheitlichen implodierte im Mai 2019 wegen des Ibiza-Skandalvideos seines Vizekanzlers. Seit Anfang 2020 regiert Kurz mit den Grünen.

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