Milo Raus explosives Polit-Theater schüttelt Deutschland durch
Schweizer macht den Deutschen den AfD-Prozess

Deutschland streitet über ein Verbot der rechten AfD. Nun giesst der Schweizer Regisseur Milo Rau mit seinem Polit-Theater Öl ins Feuer. Das Stück könnte AfD-Befürworter stärken.
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Der Schweizer Theatermacher Milo Rau befeuert in Deutschland die Diskussion über ein AfD-Verbot.
Foto: Keystone

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Guido FelderAusland-Redaktor

Selten hat ein Theaterstück in Deutschland so hohe Wellen geschlagen wie der «Prozess gegen Deutschland» des Schweizer Regisseurs Milo Rau (49). Es war ein Stück, in dem sich Theater und Politik vermischten: In der drei Tage dauernden Aufführung spielten nicht Schauspieler, sondern es traten echte Persönlichkeiten wie Juristen, Politiker und Prominente auf, die in einem inszenierten Gerichtsverfahren über ein Verbot der AfD stritten.

Für am meisten Aufregung sorgte das scharfe Plädoyer des «Bild»-Kolumnisten Harald Martenstein (72), der den «antidemokratischen» AfD-Gegnern die Leviten las. Das Theater gilt als Stimmungsbarometer für ein Thema, bei dem die deutsche Politik schon bald einen Entscheid fällen will, nämlich ob die AfD definitiv von der Bildfläche verschwindet oder nicht. Obwohl es Rau nicht will, dürfte er mit seinem Theater der AfD in die Hände spielen. 

Das Polittheater «Prozess gegen Deutschland» fand am Wochenende im Hamburger Thalia Theater statt. In den Rollen traten unter anderem die ehemalige SPD-Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (82) als Richterin auf, Ex-AfD-Politikerin Frauke Petry (50) als Zeugin und der «Bild»-Kolumnist Harald Martenstein als Redner. Die Protagonisten formulierten ihre Plädoyers selber.

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Milo Rau inszenierte in Hamburg das Polit-Theater «Prozess gegen Deutschland».
Foto: Thalia Theater

Mit seinem Stück probte der Schweizer Milo Rau den Ernstfall. Denn Deutschland streitet zurzeit über ein Verbotsverfahren gegen die AfD. Die Jury im Theater entschied sich am Ende der drei Tage dauernden Inszenierung gegen ein sofortiges Verbot der Partei, aber für die Prüfung eines Verbotsverfahrens.

Wir erklären, warum Rau mit seinem Theater Deutschland dermassen durchschüttelt. 

Das ist Martensteins scharfes Plädoyer

Der Kolumnist bezeichnete ein Verbot der in Ostdeutschland bis zu 40 Prozent starken AfD als «das Ende der Demokratie». Er wirft den Linken vor, dass sie die Begriffe «rechts» und «rechtsradikal» gleichsetzen würden. «Es ist inzwischen völlig klar, dass ‹Nazi› ein Sammelbegriff für alle ist, die nicht an Wokeness oder an den Sieg des Sozialismus glauben.»

«Links ist gut. Rechts ist böse. So einfach ist das nicht»
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Plädoyer von Martenstein:«Links ist gut. Rechts ist böse. So einfach ist das nicht»

Gerade weil eine Regierung auf die Zustimmung der Bevölkerung Wert legen müsse, dürfe das Wort «Populismus» nicht abwertend betrachtet werden. Martenstein: «Sie müssen sich gegen Ihr Naturell damit abfinden, dass es in einem freien Land mit freien Wählern nicht immer so abläuft, wie Sie es möchten.»

Das ist Polterer Martenstein

Der studierte Historiker und Romanist ist der Grandseigneur der deutschen Kolumne. Er hat fast alle Preise gewonnen, die man im deutschen Journalismus holen kann. Am bekanntesten wurde er durch seine scharfen Texte in der Wochenzeitung «Die Zeit», für die er von 2002 bis 2026 schrieb. Seit neustem verfasst er für die «Bild» täglich die Kolumne «Mail von Martenstein».

Er ist bekannt, ja berüchtigt für seine Abneigung gegen jede Form von Gruppenzwang, politischer Korrektheit und Moralismus. Die «Wokeness» ist für ihn die neue Form der Intoleranz.

Als junger Mann war er Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei, weil er die Arbeiterklasse suchte. Er hat also im Lauf der Jahre von links auf die rechte Seite gewechselt.

So denkt Milo Rau über die AfD

Der St. Galler, der als Intendant der Wiener Festwochen arbeitet, ist vom gewaltigen Echo überrascht, wie er am Mittwoch im Gespräch mit Blick sagte: «Ich wusste, das Thema interessiert die Menschen. Aber dass es zum nationalen Ereignis mit Millionen Kommentaren, Artikeln in den klassischen und sozialen Medien werden würde, hätte ich nie gedacht.»

Obwohl Rau persönlich Martensteins Aussagen in weiten Teilen für vereinfachend hält, sollten alle Meinungen auf der Theaterbühne und damit auch in der Demokratie Platz haben – solange sie nicht verfassungswidrig sind. Und das sei Martensteins Rede auf keinen Fall. «Ich halte sie für sachlich unscharf, aber Martenstein war ja als polemischer Eröffnungsredner geladen», sagt Rau. 

Rau selber spricht sich wegen der – vom Verfassungsschutz nachgewiesenen – verfassungswidrigen Aussagen und politischen Pläne der AfD für die Einleitung eines Verbotsverfahrens aus. «Man verbietet damit ja keinem Wähler, seine Meinung zu äussern und eine der vielen anderen Parteien zu wählen.»

So spielt Raus Theater der AfD in die Hände

Martensteins flammende Rede lässt die Klicks auf sozialen Plattformen in die Höhe schiessen. Im rechten Lager fährt sie viel Lob ein, die Gegenseite bemüht sich, sie zu demontieren. So kommentiert das rechtsgerichtete Politmagazin «Cicero»: «Applaus, Herr Martenstein!», während der linksgerichtete «Spiegel» die Rede als «unterkomplex» kritisiert. 

Das Theater feuert auf politischer Ebene die Diskussion über ein Verbot der AfD an. Sollten die nächsten Berichte des Bundesverfassungsschutzes die ganze Partei als «gesichert rechtsextrem» einstufen, ist es für den Bundestag fast unausweichlich, über ein Verbotsverfahren zu diskutieren.

Raus Stück ist juristisch natürlich folgenlos, politisch aber hochexplosiv: Als Labor der Debatte liefert Raus Inszenierung das Rüstzeug für die Verbotsgegner – mit Martenstein als intellektuellem Türöffner für eine neue Akzeptanz der AfD.

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