Kosovos Übergangs-Präsidentin: «Wir brauchen die Hilfe der Schweiz»(01:13)

Kosovos Staatspräsidentin Vjosa Osmani (38) über den Aufbruch in ihrem Land
«Wir brauchen die Hilfe der Schweiz»

Im BLICK-Interview spricht Kosovos Spitzenpolitikerin über den Machtwechsel, die Corona-Situation und den Dauer-Konflikt mit Serbien.
Publiziert: 04.03.2021 um 06:55 Uhr
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Aktualisiert: 05.04.2021 um 17:06 Uhr
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Kosovos Parlamentspräsidentin – und Interims-Staatspräsidentin – weilte für einen zweitägigen Arbeitsbesuch in Bern.
Interview: Fabienne Kinzelmann

Die Kosovo-Flagge weht am Bundeshaus. Ein deutlich sichtbares Zeichen für den hohen Besuch in Bern: Parlamentspräsidentin Vjosa Osmani (38), seit November auch Übergangs-Staatspräsidentin, ist angereist, um sich mit Nationalratspräsident Andreas Aebi (62) über die Wahlen vom
14. Februar und die Beziehung zur Schweiz auszutauschen. An einer Pressekonferenz am Mittwoch, an deren Rand auch das Interview mit BLICK stattfindet, sprechen beide von einer «neuen Ära» im Kosovo.

BLICK: Ihre Partei Lëvizja Vetëvendosje! (dt. Selbstbestimmung) steigerte sich – besonders dank der Stimmen von Kosovaren in der Schweiz – innert eineinhalb Jahren von 26 auf 48 Prozent der Stimmen. Die Erwartungen an Sie und Bald-Premierminister Albin Kurti sind riesig. Ist das nicht ganz schön viel Druck?
Vjosa Osmani: Natürlich – aber wir haben lange daran gearbeitet, parat zu sein. Wir wollen als Erstes die Korruption in den Griff bekommen und Arbeitsplätze schaffen, besonders für die junge Generation und für Frauen. Dabei brauchen wir auch weiterhin die Hilfe der Schweiz. Die Pandemie macht das alles für uns natürlich nicht einfacher, sondern noch schwerer.

Die Corona-Zahlen im Kosovo sind aktuell mehr als doppelt so hoch wie in der Schweiz, gleichzeitig wurde noch keine einzige Impf-Dosis verabreicht.
Wir hoffen, dass die Schweiz an uns denkt, wenn sie ihre Impfdosen erhält – wir wissen ja, dass sie mehr bestellt hat, als sie braucht. Wir sprechen bereits über einen Kaufvertrag oder einer Spende. Besonders für das medizinische Personal und Risikogruppen. Die Schweiz hat uns in der Pandemie bereits sehr mit medizinischer Ausrüstung unterstützt, und dafür bin ich sehr dankbar. Jetzt müssen wir aber sicherstellen, dass wir auch für die nächste Phase gerüstet sind, denn die Pandemie ist noch nicht vorbei.

Wenn die Schweiz nicht schnell genug handelt – greifen Sie dann wie Serbien bei den russischen und chinesischen Impfstoffen zu?
Wir sind Teil der Covax-Initiative und hoffen, dass wir darüber in den nächsten Monaten Dosen, die 20 Prozent der Bevölkerung versorgen würden, erhalten. Das ist zwar nicht genug, aber wir wollen die Impfstoffe aus Russland oder China trotzdem nicht. Wir sind in allen Belangen westlich orientiert – inklusive, wenn es um unsere Gesundheit geht.

Albin Kurti, im vergangenen Juni auf Betreiben von Donald Trump gestürzt, kommt nun wieder an die Macht, und auch im Weissen Haus gab es einen Wechsel. Haben Sie schon was von US-Präsident Joe Biden gehört?
Ja, er hat einen Brief geschrieben, in dem er seine starke Bereitschaft zum Ausdruck bringt, die demokratische Entwicklung des Kosovo zu unterstützen. Gleichzeitig ist er sehr klar der Meinung, dass der Dialog mit Serbien mit einer Anerkennung der Unabhängigkeit des Kosovo enden sollte.

Wenn es unter Ihrer neuen Regierung zur langersehnten Lösung mit Serbien kommt – was passiert mit dem Presevo-Tal, um dessen Zugehörigkeit seit Jahren ein Streit zwischen Belgrad und Pristina herrscht?
Wir sind klar gegen die Idee des Landtausches, weil wir glauben, dass diese Idee nicht nur für den Kosovo, sondern auch für die gesamte Region gefährlich ist und keinen nachhaltigen Frieden und keine Stabilität bringen wird. Gleichzeitig werden wir unsere Stimme erheben. Denn leider respektiert Serbien, obwohl es Unterzeichner vieler internationaler Konventionen ist, die Grundrechte der Albaner nicht und betreibt eine stille ethnische Säuberung. Das betrifft vor allem die Gegend von Medvedeva, wo Serbien die Albaner umgeht, ihre Adressen ändert und ihnen nicht erlaubt, dort zu leben. Wir hoffen, dass unsere Partner auf Serbien einen positiven Druck ausüben und das Land auffordert, die Menschenrechte und Freiheiten der Bürger, die in diesem Gebiet leben, zu respektieren.

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Kosovos Hoffnungsträgerin

Vjosa Osmani (38) will den Kosovo nach vorne bringen. Die Juristin hat in den USA promoviert, ist Mutter von Zwillingen – und seit Herbst Übergangspräsidentin des jüngsten Staates Europas. Gemeinsam mit
Bald-Premier Albin Kurti trat sie bei den Wahlen am 14. Februar an.
Trotz Erdrutschsieg ist ihr die offizielle Rolle noch nicht ganz sicher:
Dafür braucht sie im Parlament Stimmen aus der Opposition.

Keystone

Vjosa Osmani (38) will den Kosovo nach vorne bringen. Die Juristin hat in den USA promoviert, ist Mutter von Zwillingen – und seit Herbst Übergangspräsidentin des jüngsten Staates Europas. Gemeinsam mit
Bald-Premier Albin Kurti trat sie bei den Wahlen am 14. Februar an.
Trotz Erdrutschsieg ist ihr die offizielle Rolle noch nicht ganz sicher:
Dafür braucht sie im Parlament Stimmen aus der Opposition.

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