Darum gehts
- Der Schweizer Rentner Ruedi P. kaufte Kinderpornografie aus den Philippinen
- 2445 Franken für zwölf Videos, Ermittlungen führten zu philippinischen Festnahmen
- Missbrauchszentrum Philippinen: Polizei rettete vier Kinder, Täter teils auf der Flucht
Am 10. Oktober 2020 sitzt Rentner Ruedi P.* aus der Deutschschweiz vor dem Bildschirm. Die Pandemie hat die Welt stillgelegt. Flüge sind gestrichen. Grenzen geschlossen. Er tippt eine Nachricht auf Whatsapp: «Schickst du mir ein Video von dir und deiner Tochter beim Duschen?»
10’000 Kilometer entfernt, in Bulacan, Philippinen, liest Isabella M.* (38) die Nachricht. Sie ruft Keisha, damals 9, zu sich ins Badezimmer. Dann stellt sie das Wasser an, die Kamera nimmt auf.
Keisha weiss nichts von Ruedi P. Sie weiss nur, dass Isabella M. sie anschreit, wenn sie nicht gehorcht. So läuft das. Isabella M. befiehlt. Keisha folgt: ausziehen, aufs Bett liegen, duschen, schweigen.
Danach bekommt sie manchmal das Handy zum Spielen. Oder ein paar Süssigkeiten. Isabella M. sagt dann leise, es tue ihr leid. Und bittet Gott um Verzeihung.
Auf Ruedi P.s Handy finden Schweizer Ermittler später zwölf Videos. Aufnahmen von Keisha. Kinderpornografie. 182’000 Pesos – umgerechnet rund 2445 Franken – soll er dafür überwiesen haben.
In dem Haus in Bulacan leben vier Kinder. Neben Keisha auch die Brüder John Ericson, damals 12, und King Ace, 8, zusammen mit ihrem sechsjährigen Cousin Kyrie.
Auch sie werden gefilmt. Von Isabella M. und deren Schwestern. Es passiert immer drinnen. Also gehen sie oft raus, spielen am Fluss. Weg von den Erwachsenen.
Kinder von Familie getrennt
Am 24. November 2021 stürmt die philippinische Polizei das Haus. Isabella M. und ihr Ex-Mann landen hinter Gittern. M.s Schwestern gelingt die Flucht.
Die Kinder werden weggebracht. An einen Ort, versteckt zwischen Bäumen, hinter einem Tor aus Metall. Besucher kommen nur mit Anmeldung rein.
Keisha ist heute 14. Sie sitzt im Büro des Heimleiters. Die Haare trägt sie kurz. Kyrie (10) und King Ace (13) kommen dazu. Die Buben wohnen in einem separaten Haus, nicht weit weg.
Ich stelle mich vor. «Ich komme aus der Schweiz», sage ich, «einem kleinen Land mit vielen Bergen. Es ist mein erster Besuch auf den Philippinen. Ich arbeite als Journalistin. Ich erzähle Geschichten.»
Sie nicken. Keisha lächelt vorsichtig. Kyrie schaut auf den Boden. King Ace mustert mich kurz und setzt sich dann gerader hin. «Kennst du Bruno Mars?», fragt Kyrie. Wir lachen alle.
Keisha sagt, sie spiele hier Badminton. Und schlafe gerne. King Ace spielt Schach. Kyrie mag GMRC, ein Schulfach über Werte und Ethik.
Zum Lügen aufgefordert
Sie sprechen leise, schauen einander an, bevor sie antworten. Ich frage nach ihrer Familie.
Keisha erzählt, Isabella M. habe sich um sie gekümmert. King Ace sagt, seine Mutter sei gut zu ihm gewesen. Sie hätten Geburtstage gefeiert. Sein Vater habe ihm gegeben, was er wollte.
Sie vermissen sie. Keisha erzählt vom Tag, als die Polizei kam. Sie habe Angst gehabt. Vor den Waffen. Und davor, nie mehr nach Hause zurückzukehren. Kyrie sagt, er sei glücklich gewesen: «Es war mein erstes Mal in einem Auto.»
Kurz bevor die Polizei sie mitnahm, sagt Kyrie, habe eine Tante zu ihm gesagt, er solle nicht die Wahrheit erzählen.
Von draussen dringt das Geschrei der anderen Kinder herein. Sie spielen im Kreis. Priester Shay Cullen schaut ihnen zu.
Seit Jahrzehnten arbeitet er mit missbrauchten Kindern auf den Philippinen. Er ist in den 1960er-Jahren aus Irland hierhergekommen, hat später die Organisation Preda gegründet.
Er blickt zu Keisha. «Was sie erlebt hat, passiert hier oft», sagt er. Der Onlinemissbrauch sei in den letzten Jahren explodiert. «Die meisten Täter sind Tausende Kilometer entfernt.» Viele kämen aus Europa. Aus Frankreich, Deutschland – und der Schweiz.
Opfer werden schwanger
Die Philippinen seien zu einem Zentrum des Onlinemissbrauchs geworden. Wegen der Armut – und der gesellschaftlichen Akzeptanz, meint Cullen.
Noch bis vor drei Jahren war Geschlechtsverkehr mit Kindern ab zwölf Jahren erlaubt. «Niemand hat sich dagegen aufgelehnt», erzählt der Priester. «Weder Politiker noch die Kirche oder die Bevölkerung.» Heute liegt das Schutzalter bei 16.
Abseits der anderen spielen drei kleine Mädchen. Sie hüpfen nacheinander über eine Schnur. Die Jüngste ist keine zwei Jahre alt. «Sie wurden hier im Heim geboren.» Shay Cullen schluckt. «Inzest.»
Die Mütter dieser Mädchen kamen schwanger ins Preda-Zentrum. Das passiere immer wieder, so Cullen. «Momentan ist unsere jüngste Schwangere 13 Jahre alt.» Die Täter sind oft die Väter.
Im Büro wird es langsam unruhig. Die anderen Kinder rufen. Kyrie rutscht auf seinem Stuhl hin und her. «Hast du alles?», fragt Cullen. Ich nicke. Die drei rennen raus. Ihr Lachen vermischt sich mit dem der anderen Kinder.
Isabella M. und ihr Ex-Mann standen kürzlich vor Gericht. Keisha, King Ace und Kyrie sagten aus. Der Richter verurteilte die Angeklagten. Sie sitzen im Gefängnis. Isabella M.s Schwestern sind bis heute auf der Flucht.
Ruedi P. schweigt
Auch in der Schweiz ermittelte die Polizei. Gegen Ruedi P. wurde ein Verfahren eröffnet. Er sei aber ohne Gefängnis davongekommen, sagt Shay Cullen. Die geretteten Kinder haben nie eine Entschädigung erhalten. Ruedi P. legt sofort auf, als ich ihn am Telefon konfrontiere.
Keisha sagt, sie wolle einmal Astronautin werden. Ins All fliegen. Shay Cullen lacht. «Aber jetzt fahren wir erst mal zu McDoo.»
So nennen sie hier McDonald’s. Er startet den Motor. Die Kinder steigen ein. Kyrie grinst. Sie winken, bis der Wagen um die Ecke biegt.
* Namen geändert
Kinderporno-Verdacht – Schweizer gibt Knast-Interview aus Manila