Bücher, Filme, Musik, Comedy
Hier hat die Cancel Culture bereits zugeschlagen

Die Band Lauwarm musste ihr Konzert in der Berner Lorraine abbrechen. Der Vorwurf lautet: kulturelle Aneignung. Kein Einzelfall. Die Cancel Culture hat bereits in der Vergangenheit andere Künstler getroffen.
Publiziert: 25.08.2022 um 12:17 Uhr
|
Aktualisiert: 25.08.2022 um 15:04 Uhr
Teile uns deine Meinung zur Vorlesefunktion mit. Zur kurzen Umfrage.
1/22
Ihr Konzert wurde abgebrochen: die Band Lauwarm.

Sie spielen Reggae-Musik und tragen Rastas – und genau deswegen bekam die Band Lauwarm im Juli mächtig Ärger. Ihr Auftritt in der Berner Brasserie Lorraine wurde abgebrochen. Die Veranstalter kamen damit dem Wunsch von Besuchern nach, die der Band kulturelle Aneignung vorwarfen. Denn alle Mitglieder der Band sind weiss.

So ein Vorgehen nennt sich Cancel Culture. Das ist ein politischer Begriff für Bestrebungen, Menschen wegen des Vorwurfs diskriminierenden oder unethischen Verhaltens im sozialen und beruflichen Umfeld zu ignorieren. Konkret: Von Veranstaltungen und Events auszuladen und ihnen keine Plattform zu geben.

Nun ist eine Debatte über Winnetou in Deutschland entbrannt. Seit Generationen wird der von Karl May (1842–1912) erschaffene Indianer-Held Winnetou von Kindern auf der ganzen Welt gefeiert. Am 11. August erschien mit «Der junge Häuptling Winnetou» ein neuer Teil – vorerst. Denn der Verlag Ravensburger hat das Buch bereits wieder aus dem Verkauf genommen. Grund dafür sind Rassismusvorwürfe in den sozialen Medien.

Rassismusvorwürfe gegen Kinderbuchautorin

Das Phänomen ist nicht neu. Bereits in der Vergangenheit schlug die Cancel Culture zu. Immer wieder geraten Künstler und ihre Werke in den Fokus. So zum Beispiel die Kinderbuchautorin Enid Blyton (1897–1968). Die Britin ist bekannt für die Jugendbuchreihe «Fünf Freunde».

Die Organisation English Heritage, die unter anderem historische Häuser verwaltet und das Andenken an ihre berühmten Bewohner pflegt – sie brachte 1997 eine blaue Gedenkplakette an Blytons früherem Wohnhaus in Chessington südwestlich von London an – hatte 2020 den Eintrag auf ihrer Website über Blyton aktualisiert, und geschrieben, dass Blytons Arbeit wegen ihres «Rassismus, ihrer Fremdenfeindlichkeit und wegen ihres geringen literarischen Werts» kritisiert wird.

Sie verwies auf die Geschichte «Little Black Doll» (Kleine schwarze Puppe) aus dem Jahr 1966, in der das Gesicht der Puppe vom Regen «rein» gewaschen wird. 1960 habe sich der Verlag Macmillan geweigert, ein Buch von Blyton zu veröffentlichen, da darin ein «Hauch altmodischer Fremdenfeindlichkeit» zu finden gewesen sei.

Werbung

Umstrittenen Reporter gelobt

Auch Musiker sind betroffen. So musste Banjo-Spieler Winston Marshall (34) letztes Jahr die Folkrockband Mumford & Sons verlassen. Mit dem Schritt wolle er seine Bandkollegen schützen, erklärte der 34-Jährige den Schritt.

Marshall hatte im März ein kritisches Buch von Andy Ngo (36) über die Antifa gelobt und den umstrittenen Reporter einen «mutigen Mann» genannt. Daraufhin hagelte es in Sozialmedien Kritik, einige Nutzer warfen dem Musiker vor, er verbreite Faschismus. Marshall entschuldigte sich. Die Alben von Mumford & Sons sind in Grossbritannien mehrfach mit Platin ausgezeichnet worden.

«Es gibt teilweise ein boshaftes Missverstehen»

In Deutschland sorgte 2020 die Ausladung der österreichischen Kabarettistin Lisa Eckhart (29) beim Harbourfront Literaturfestival in Hamburg für Aufregung. Ihr wurde vorgeworfen, rassistische und antisemitische Klischees zu bedienen. Nach dem Aufschrei wurde sie wieder eingeladen, lehnte aber ab.

«Es gibt teilweise ein boshaftes Missverstehen», sagte Eckhart damals. Bei manchen scheine es einen klassisch konditionierten Reflex zu geben, auf Reizworte zu reagieren. «Wie geht man mit Antisemitismus und Rassismus um? Erhebt man sie zum Tabu oder degradiert man sie zum Witz? Ich bin immer auf der Seite des Humors», so Eckhart.

Werbung

TV-Karriere mit einem Tweet beendet

«Roseanne»-Darstellerin Roseanne Barr (69) beerdigte ihre Karriere 2018 mit einem Tweet. Sie verglich Valerie Jarrett (65), eine der engsten Beraterinnen von US-Präsident Barack Obama (61), mit einem Affen. «Hätte die Muslimbruderschaft und der Planet der Affen ein Baby, würde es aussehen wie Valerie Jarrett», schrieb sie in einem Tweet, den sie kurz danach löschte. Dabei bezog sie sich nicht nur auf die nirgends belegte Verschwörungstheorie, nachdem Jarrett Muslimin sei. Barr diskriminierte damit die Afroamerikanerin, wie unter Rassisten typisch, auch als Affe.

Als Folge wurde ihre Sendung «Roseanne» eingestellt, die erst zwei Monate zuvor nach 20-jähriger TV-Abstinenz ihr Comeback gefeiert hatte und extrem erfolgreich war.

Die 69-Jährige wurde weltweit als Rassistin betitelt, ihre Entschuldigung, den Tweet unter Einfluss von Pillen gemacht zu haben, kam nicht gut an und mit ihren Co-Darstellern überwarf sie sich. Seither hat man von Barr nichts mehr gehört, sie ist abgetaucht.

Umfrage zur Woke-Bewegung: «Das finde ich absurd, das ist zu viel»(01:59)

Filme sollen nicht mehr geschaut werden

Für das Phänomen Cancel Culture hat US-Filmstar Woody Allen (86) keinerlei Verständnis. «Ich glaube, dass das eine vorübergehende Phase von Dummheit ist – künftige Generationen werden darüber lachen, denn das Ganze ist einfach nur peinlich», sagte er dem Magazin «Playboy» im Juli.

Werbung

Allen sieht sich seit langem mit dem Vorwurf innerfamiliären sexuellen Missbrauchs konfrontiert, was er bestreitet. Am 4. August 1992 soll Woody Allen seine damals siebenjährige Tochter Dylan Farrow vergewaltigt haben. Die 37-Jährige hält bis heute an dem Vorwurf fest. Der Filmemacher bestreitet den Übergriff.

Ebenfalls für Wirbel sorgte, dass er sich von seiner Ehefrau Mia Farrow (77) trennte und seine Adoptivtochter Soon-Yi Previn (51) heiratete. Es gibt daher immer wieder auch Forderungen, seine Filme nicht zu zeigen. (jmh/AFP)

Woke-Jargon: Was heisst das alles überhaupt?

Woke: Stammt aus dem afroamerikanischen Slang und ist eigentlich eine grammatikalisch falsch benutzte Vergangenheitsform von «awake», also wach. Heutzutage bedeutet es für die einen, sich gesellschaftlicher Missstände, insbesondere was Randgruppen betrifft, bewusst zu sein und aktiv etwas dagegen zu unternehmen. In den USA, woher das Wort stammt, zeichnet sich jedoch bereits eine Umdeutung ab: Dort kann das Wort bereits so benutzt werden, dass es abschätzig «Intoleranz gegenüber anderen Meinungen» bedeutet.

Trigger: In der Psychologie bedeutet dieses Wort einen äusseren Anlass, der eine Person mit posttraumatischer Belastungsstörung in den Zustand zurückversetzt, in dem die Traumatisierung stattgefunden hat. Das kann eine starke körperliche Reaktion wie Ohnmacht, Zittern oder unkontrollierbare Aggression auslösen. Mittlerweile wird der Begriff viel weiter und unspezifischer verwendet und kann ein generelles Unwohlsein aufgrund eines äusseren Anreizes bezeichnen.

Kulturelle Aneignung: Wenn eine dominante Kultur Errungenschaften einer anderen Kultur übernimmt, oder sozusagen «stiehlt», ohne sie dafür zu entschädigen, zum Beispiel in Mode oder Musik.

Cancel Culture: Die Praxis, unliebsamen Meinungen oder Menschen keine Plattform zu geben und Organisatoren und Institutionen dazu zu nötigen, sie von Veranstaltungen auszuladen oder sie zu boykottieren oder ihnen zu kündigen.

Identitätspolitik: Politisches Handeln, um einer spezifischen Gruppe von Menschen, oft Minderheiten, höhere Anerkennung zu verschaffen, ihre gesellschaftliche Position zu verbessern und ihren Einfluss zu stärken.

Woke: Stammt aus dem afroamerikanischen Slang und ist eigentlich eine grammatikalisch falsch benutzte Vergangenheitsform von «awake», also wach. Heutzutage bedeutet es für die einen, sich gesellschaftlicher Missstände, insbesondere was Randgruppen betrifft, bewusst zu sein und aktiv etwas dagegen zu unternehmen. In den USA, woher das Wort stammt, zeichnet sich jedoch bereits eine Umdeutung ab: Dort kann das Wort bereits so benutzt werden, dass es abschätzig «Intoleranz gegenüber anderen Meinungen» bedeutet.

Trigger: In der Psychologie bedeutet dieses Wort einen äusseren Anlass, der eine Person mit posttraumatischer Belastungsstörung in den Zustand zurückversetzt, in dem die Traumatisierung stattgefunden hat. Das kann eine starke körperliche Reaktion wie Ohnmacht, Zittern oder unkontrollierbare Aggression auslösen. Mittlerweile wird der Begriff viel weiter und unspezifischer verwendet und kann ein generelles Unwohlsein aufgrund eines äusseren Anreizes bezeichnen.

Kulturelle Aneignung: Wenn eine dominante Kultur Errungenschaften einer anderen Kultur übernimmt, oder sozusagen «stiehlt», ohne sie dafür zu entschädigen, zum Beispiel in Mode oder Musik.

Cancel Culture: Die Praxis, unliebsamen Meinungen oder Menschen keine Plattform zu geben und Organisatoren und Institutionen dazu zu nötigen, sie von Veranstaltungen auszuladen oder sie zu boykottieren oder ihnen zu kündigen.

Identitätspolitik: Politisches Handeln, um einer spezifischen Gruppe von Menschen, oft Minderheiten, höhere Anerkennung zu verschaffen, ihre gesellschaftliche Position zu verbessern und ihren Einfluss zu stärken.

Mehr
Fehler gefunden? Jetzt melden
Alle Kommentare