Ein etwas anderer Nachruf auf Brigitte Bardot (†91
Frankreichs Glamour, Frankreichs Elend

Die «Grande Nation» reagiert leicht verschämt auf den Tod ihrer Filmlegende. Beobachtungen aus der Hauptstadt – und aus einem Vorort, in dem der Islam das Bild prägt.
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Unvergessen: Brigitte Bardot in «Le Mépris» (1963).
Foto: DOUGLAS KIRKLAND, CELEBRITY VAUL
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Reza RafiChefredaktor SonntagsBlick

Sie lächelt noch einmal von den Kioskplakaten. Das Publikum aber lächelt nicht zurück.

Es ist die Altjahrswoche in Paris, als ein Ereignis bekannt wird, das von landesweiter, ja von internationaler Bedeutung ist, das eine Zäsur in der jüngeren Kulturgeschichte markiert: Brigitte Bardot ist gestorben. Die legendäre Schauspielerin fand mit 91 in Saint-Tropez ihre letzte Ruhe. Paris aber ist die Geburtsstadt der Ikone, und hier hat deren Ableben, wie wohl auch anderswo in Frankreich, in vielen Kreisen ein kühl-verschämtes Murmeln statt warmherziger Anteilnahme ausgelöst. Es ist die womöglich kälteste denkbare Trauer, die es für eine Person vom Rang einer Bardot gibt, eher vielleicht ein Abnicken, eine Kenntnisnahme dieses prominenten Ablebens.

Ins Stammhirn der Öffentlichkeit eingebrannt

Der Name Brigitte Bardot steht für die Hochblüte des Kinos und die goldenen Jahre des europäischen Films, der mit Hollywood mithalten konnte. Bardot verkörpert aber auch ein vergangenes Europa, eine eurozentristische Weltordnung – und eine politische Entwicklung, die zum Gesamtzustand der gegenwärtigen französischen und europäischen Misere gehört.

In «Le Mépris» («Die Verachtung»), dem Godard-Streifen aus den Sechzigern, hat sich die Schauspielerin mal splitternackt, mal im gelben Bademantel auf dem Dach der Casa Malaparte, dieser architektonischen Frechheit auf den Klippen von Capri, tief ins Stammhirn der Öffentlichkeit eingebrannt. Sie spielte eine verführerische, aber zweifelnde Ehefrau an der Seite von Michel Piccoli. Später hat sie sich vom allseits begehrten und bewunderten lebenden Kulturerbe des heimischen Kinos zur glühenden Tierschützerin und zur noch glühenderen Anhängerin des Front National gewandelt.

Sie warnte vor der Islamisierung des Abendlandes

Unermüdlich begann sie vor der Islamisierung des Abendlandes und vor den fatalen Folgen einer falschen Einwanderungs- und Integrationspolitik zu warnen. Die Quittung waren Verschmähung und Isolation des Establishments. Sie kassierte Verurteilungen wegen Rassismus. Frankreich begann mit seiner Ikone zu hadern, wie es auch mit sich selbst zu hadern begann. Präsident Emmanuel Macron (48) wird nächste Woche nicht an ihrer Abdankung in Saint-Tropez teilnehmen, wie es heisst, dafür die Rassemblement-National-Führerin Marine Le Pen (57).

Bardot hinterlässt eine Heimat, die aus den Fugen geraten ist. Das zweitwichtigste Land der EU steht ohne Haushaltsbudget da, weil sich die politischen Lager gegenseitig blockieren. Die Nation leidet unter einer Rekordverschuldung und einem unreformierbaren System, in dem die Arbeitswoche 35 Stunden dauert und jeder kleine Änderungsversuch mit landesweiten Streiks beantwortet wird. Man wird sehenden Auges von der Weltwirtschaft abgehängt – aber die Grösse der Hauptstadt verdeckt die Krise des Landes.

Arabisch ist häufiger zu hören als Französisch

In der Kapitale sind während der Festtage auch die teuersten Restaurants proppenvoll, in den pompösen Einkaufszentren wie der Galerie La Fayette oder Printemps müssen Angestellte die Besucherscharen durch die Etagen lotsen. Mitten im Gravitationszentrum von Paris sind die Zeichen eines «failed states» nicht wahrzunehmen.

Ganz anders ist das ein paar Metrostationen ausserhalb. Wir fahren nach Saint-Denis, einem Städtchen nördlich von Paris, am rechten Seine-Ufer gelegen. In der Bahnhofsgegend stehen junge Männer in Trainerhosen, viele von ihnen nordafrikanischer Herkunft. Sie bieten den Passanten Handys und Handyzubehör zum Kauf an. Aus dem Schaufenster einer Halal-Metzgerei starren geschmorte Schafsköpfe. Die Leute begrüssen einander auf Arabisch. Diese Sprache ist an diesem Vormittag öfter zu hören als Französisch. Wir sind auf der Rue de la République, die den Bahnhof mit dem Schatz des Städtchens verbindet, der Kathedrale von Saint-Denis, der vielleicht wichtigsten Kirche Frankreichs.

Der Mauren-Bezwinger Karl Martell

Hier wurden in der Geschichte der Nation die meisten ihrer Herrscherinnen und Herrscher beigesetzt. Das Juwel der französischen Seele thront nicht an exponierter Lage, sondern versteckt hinter migrantisch geprägten Vorstadtkulissen, wie sie Brigitte Bardot zeitlebens verurteilt hat.

Im gotischen Prachtbau liegen die sterblichen Überreste der merowingischen, fränkischen und karolingischen Monarchen sowie der Bourbonen-Könige; hier fanden Caterina de' Medici und Marie Antoinette ihre letzte Ruhe. Es ist ein Kontrast, wie er nicht hätte erfunden werden können: Im gotischen Monumentalbau von herausragender Bedeutung dominiert die Pracht einstiger Grösse, draussen im Quartier mit den Billigläden und Dönerbuden regiert das Prekariat in Adidas-Hosen.

Blutige Kolonialgeschichte, gescheiterte Migrationspolitik

Eine besondere Affiche wert ist eine in der Kirche eher unauffällige Grablege, jene nämlich von Karl Martell. Der fränkische Kriegsherr besiegte mit seinem Heer in der Schlacht bei Poitiers 732 die Araber, die von der Iberischen Halbinsel her in Richtung Norden drangen. Er gilt seither als Retter des christlichen Abendlandes. Was muss es für eine Schmach für den Bezwinger der Mauren sein, dass rund um seine letzte Ruhestätte vor den Toren von Paris heute mit Salam alaikum gegrüsst wird.

Das Strassenbild von Saint-Denis ist das Resultat einer blutigen Kolonialgeschichte der Franzosen im Maghreb, einer fehlgeleiteten Einwanderungspolitik und einer naiven Haltung gegenüber den Gefahren von Parallelgesellschaften, erst recht jenen aus dem islamischen Kulturraum. Die Konsequenz ist eine tiefe Spaltung der Gesellschaft. Brigitte Bardots Entwicklung stand exemplarisch dafür.

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