Darum gehts
- Wölfe in Städten und Wäldern fürchten Menschen gleichermassen, zeigt Wiener Studie
- Stadtwölfe reagieren weniger ängstlich auf Objekte, aber vorsichtiger bei Veränderungen
- 185 Wölfe untersucht: Über ein Drittel floh bei menschlichen Stimmen
«Vorstadtwölfe» fürchten sich genauso sehr vor Menschen wie ihre Artgenossen in entlegenen Wäldern. Schon der Klang einer Stimme lässt die Tiere oft Reissaus nehmen, erklärt die Wiener Verhaltensforscherin Sarah Marshall-Pescini mit Kollegen im Fachmagazin «PNAS».
Ein Leben in der Nähe von Menschen raubt den Wölfen also nicht ihre natürliche Scheu. Sie wissen offensichtlich, dass die Welt der Zweibeiner für Wildtiere gefährlich ist.
Reaktionen von 185 Wölfen
Ein Team um Marshall-Pescini vom Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung der Veterinärmedizinischen Universität Wien beobachtete in der Toskana (I) mit Wildkameras die Reaktionen von 185 Wölfen auf unbekannte Gegenstände und menschliche Stimmen. Manche der getesteten Tiere halten sich für gewöhnlich in der Nähe von vielen Menschen auf, wie etwa am Ortsrand der Stadt Arezzo mit knapp hunderttausend Einwohnern, erklärte Marshall-Pescini der APA: «Dort leben sie in einem Gebiet mit einem Flickenteppich aus Ackerland, Industriegebäuden und Wohnhäusern.» Andere sind in entlegenen Wäldern zu Hause.
Mehr als jeder dritte Wolf ergriff die Flucht, wenn er eine menschliche Stimme (von einem Tonband) hörte, egal ob er ein «Vorstadtwolf» oder «Landwolf» war. Fast immer verursachte dieser Laut bei den Isegrims deutliche Zeichen von Angst, wie die Forscherin anhand ihrer Körpersprache erkennen konnte.
Tiere werden aufmerksamer und vorsichtiger
Gegenüber unbekannten Gegenständen zeigten Stadtwölfe weniger Scheu als Landwölfe. «Dabei handelte es sich um Plastikspielzeug für Kinder, das wir auf Stäben befestigten», so Marshall-Pescini. Zum Beispiel Schweinchen und Sandspiel-Kübeln. Waren auf solch einem Stab statt eines Spielzeugschweins und -kübels auf einmal eine Plastikente und -schaufel, verhielten sich die suburbanen Wölfe aber vorsichtiger als die Tiere aus ländlichen Regionen.
Die Anpassung an Gebiete mit vielen Menschen verringert also einerseits ihre «Neophobie», also Angst vor Neuem, erklären die Forscherinnen und Forscher in der Fachpublikation: Gleichzeitig werden die Tiere dort aufmerksamer und vorsichtiger gegenüber Umweltveränderungen. Damit verringern sie wohl potenzielle Risiken, die die menschliche Umgebung für sie bereithält. Die Anwesenheit von Artgenossen linderte zudem die Ängste der Tiere: Wölfe in Gruppen reagierten in der Regel weniger scheu als einzelne Wölfe.