Brexit führt in Grossbritannien zu Staus und Lieferproblemen
Die neue Ära beginnt mit leeren Regalen

Einen No-Deal-Brexit konnten die Briten in letzter Minute gerade noch vermeiden. Doch nun bekommen sie die Auswirkungen ihres EU-Austritts dennoch heftig zu spüren – weil Bürokratie die Transportwege lahmlegt.
Publiziert: 25.01.2021 um 08:07 Uhr
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Aktualisiert: 25.01.2021 um 14:25 Uhr
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Leere Regale: Viele Supermärkte wie dieser im nordirischen Belfast im Vereinigten Königreich kämpfen wegen des Brexit-Vertrags mit Lieferengpässen.
Marco Latzer

Mit dem Brexit sollte alles besser werden. «Ein Festmahl voller Fisch» versprach Briten-Premier Boris Johnson (56) zu Weihnachten und meinte damit die in letzter Minute eingefädelte Einigung mit der EU. Doch jetzt, nur wenige Wochen nach Inkrafttreten, sorgt der laut Johnson «fantastische Deal» bereits für Katerstimmung auf der Insel.

Und auch der Fisch beginnt bereits zu stinken. Insbesondere schottische Fischer bleiben auf ihren Fängen sitzen, weil sie ihre Ware nicht mehr rechtzeitig in die EU ausliefern können. Die Transporte bleiben seit Neujahr im Stau an der Grenze hängen, weil die Ausfuhrmodalitäten seit dem Brexit deutlich länger dauern.

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Fisch vergammelt noch vor Auslieferung

Bis zu fünf Tage benötigt der Briten-Fisch nun, um sein Ziel zu erreichen. Nach der happigen Wartezeit ist die Ware wertlos. «Alles, was wir diese Woche verschifft haben, ist verloren», klagt etwa Fischexporteur Jamie McMillan in einem Video auf Twitter. Nebst zeitraubenden Kontrollen ist daran insbesondere das komplizierte Ausfüllen von Gesundheitszertifikaten schuld.

Doch nicht nur Seeleuten beginnt der Brexit zu stinken, auch Konsumenten machen lange Gesichter. Wegen überbordender Bürokratie bleiben viele Supermarktregale leer. Einige EU-Firmen haben entschieden, die Insel wegen hoher Einfuhrzölle vorerst nicht mehr zu beliefern.

Speditionsfirmen mit Formalitäten völlig überfordert

Besonders hart trifft es Nordirland und dessen EU-Nachbarn Irland. Dort herrscht gähnende Leere, weil die Güter kaum mehr von England, Wales und Schottland über die Irische See kommen. Salat, Blumenkohl, Orangen, Erdbeeren, Himbeeren und Blaubeeren scheinen in einem Meer von Formalitäten zu ertrinken.

«Es kann vier bis sechs Stunden dauern, die Formulare für eine Fuhre auszufüllen», beschreibt ein Logistikexperte die Situation. Je nach Fracht würden pro LKW bis zu 300 Einzeleinträge fällig. Gemischte Ladungen seien wegen des Brexit-Vertrags kaum mehr durchführbar.

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«Situation wird schlechter, bevor sie besser wird!»

Auch wer EU-Waren online bestellt, muss nebst langen Wartezeiten bei Auslieferung teils happige Gebühren nachzahlen. Gleichzeitig beklagt die Polizei, keinen Zugriff mehr auf wichtige Datenbanken zu haben. Und Musiker fürchten, dass ihnen die EU-Visa-Regeln gar Tourneen verunmöglichen könnten.

«Die Situation wird schlechter, bevor sie besser wird», sagte gar der britische Brexit-Minister Michael Gove (53). Die Regierung versucht sich nun im Krisenmanagement. Für die schottischen Fischer wurde bereits eilig ein Hilfsfonds eingerichtet. Doch dort planen die Nationalisten bereits eifrig ein zweites Unabhängigkeitsreferendum für Schottland.

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