Darum gehts
- Ukrainische Soldaten kämpfen in Charkiw mit der Howitzer-Kanone Bogdana
- Bogdana feuert 43-Kilo-Granaten, Russen antworten oft mit Drohnenangriffen
- Kriegsgebiet umfasst eine 10 bis 20 Kilometer breite Killerzone
Bogdana (2) steht reglos da, den Blick auf das verschneite Feld gerichtet. Sie hat die Nacht im Holzunterstand verbracht – bei minus 12 Grad. Bogdana spricht selten. Doch wenn sie es tut, hört man sie kilometerweit.
Bogdana ist eine Kanone. Genauer gesagt: eine 155mm-Haubitze. Sie wartet auf ihren ersten Einsatz in diesem Jahr.
Unteroffizier Ihor (44) und Sanitäter Ruslan (40) trinken Kaffee in einem Haus einige Dutzend Kilometer hinter der Frontlinie. Draussen dämmert es, der 1. Januar bricht an. «Wir haben Silvester mit einem leckeren Abendessen gefeiert», sagt Ihor. «Doch wir gingen früh ins Bett. Heute brauchen wir all unsere Kräfte.»
Die beiden sind Soldaten der 48. Artillerie-Brigade, stationiert in der Region Charkiw. Sie steigen in einen weissen Pick-up: Ruslan hinters Steuer, Ihor auf die Ladefläche, mit einer geladenen Kalaschnikow in der Hand. «Zur Drohnenabwehr», sagt er trocken.
Sie fahren zum Stützpunkt ihrer Einheit an der Front. Er liegt auf einer Anhöhe, versteckt zwischen den Bäumen. «Mischa! Mischa!», ruft Ihor in spöttischem Ton. Die anderen Soldaten machen es ihm nach. Ein Insiderwitz.
«Fühlen uns relativ sicher»
Mischa (40) ist der Zugführer. Ein kräftiger Mann mit hellblauen Augen. Er sitzt im Schlafquartier, einem zwei auf vier Meter langen Raum mit sieben Liegen aus Holz, eingegraben im Boden. «Der Stützpunkt ist neu, und die Russen kennen ihn noch nicht», erklärt Mischa. «Wir fühlen uns also relativ sicher.»
Die Kanone Bogdana diktiert den Alltag. Die Männer putzen das Rohr, prüfen Hydraulik und Elektronik. Sie spannen Tarnnetze.
Geschossen wird nur auf Kommando. Oft nach Stunden des Wartens. Manchmal nach Tagen. Dazwischen essen die Soldaten, schlafen in Schichten, waschen sich, wenn sie Wasser haben.
«Wir schiessen nur auf Befehl und dorthin, wo man uns sagt», erklärt Mischa. Die Russen antworten oft innert Minuten. Sie berechnen die Abschussposition, schicken Drohnen los. «Dann verstecken wir uns und versuchen, zu überleben.»
Im Ukrainekrieg gibt es keine klare Frontlinie mehr. Keine erste, zweite, dritte Schützenposition. Stattdessen gibt es eine Killerzone, 10, 20 Kilometer breit. Wo Drohnen fliegen, jagen. Soldaten und Zivilisten.
Die Ärzte der 25. Luftwaffen-Brigade haben ihren Stützpunkt in dieser Zone. Sie versorgen die verletzten Soldaten aus dem umkämpften Pokrowsk.
Der Operationssaal befindet sich in der Garage eines Einfamilienhauses. Zwei Liegen, ein Defibrillator, Scheren, Skalpelle, Blutreserven. «Wir behandeln alles, von kleinen Schnittwunden bis Amputationen», sagt Kostyantyn (38), Anästhesist.
Er hat eine Tochter, ist geschieden. Als der Krieg begann, arbeitete er in einem Spital. Er behielt seinen Job, wollte nicht zur Armee. «Doch irgendwann hielt ich es nicht mehr aus», erzählt Kostyantyn. «Ich wusste, dass ich an der Front gebraucht werde.»
«Das frisst dich innerlich auf»
Er tritt der Armee bei, gibt sein ziviles Leben auf. Nun lebt er mit seinen Kameraden auf engstem Raum: sechs bis acht Männer, verteilt auf drei Zimmer. Betten, ein Holzofen, ein Sessel. Cornflakes ohne Milch zum Naschen. Instant-Kaffee.
Der Chirurg Allen (31) sitzt auf seiner Liege, starrt ins Leere. Vor dem Krieg arbeitete er mit Krebspatienten. Allen spricht fliessend Englisch und ein wenig Deutsch. «Kannst du mit mir üben?», fragt er. «Ich gehe vielleicht bald nach München.» Der Krieg setzt ihm zu. Er schläft, schreckt auf. Alle paar Minuten.
Manchmal, sagt Allen, komme derselbe Soldat mehrmals vorbei. Je nach Verletzung gehen die Männer vom Stützpunkt direkt zurück an die Front. «Dann werden sie wieder verletzt oder sterben», murmelt Allen. «Das frisst dich innerlich auf.»
«Das gibt mir Kraft, weiterzukämpfen»
Die Artillerie-Soldaten an der Front kämpfen trotzdem weiter. Ihor, Unteroffizier in der Region Charkiw, glaubt weiterhin an den Sieg. «Die Ukraine ist kein Sandwich, das man einfach aufteilen kann», sagt er. «Wir sind Menschen, die für Freiheit kämpfen.»
Er denke oft an die Gefallenen. Daran, dass sie ihr Leben nicht umsonst verloren haben sollen. «Das gibt mir Kraft, weiterzukämpfen.»
Plötzlich springt Ihor auf. Seine Einheit hat einen Schussbefehl bekommen. Sie holen Bogdana aus dem Versteck. Einer der Soldaten richtet das Rohr aus. Die Kanone quietscht. Ein anderer holt Munition. Zwei 43 Kilo schwere Granaten, 70 Zentimeter lang.
Bogdana ist bereit. Die Männer halten sich die Ohren zu. Einer zieht am Seil. Es klickt leise, dann knallt es. Aus dem Kanonenrohr steigt Rauch auf. Sie schiessen ein zweites Mal.
Nun geht es schnell. Bogdana muss zurück in den Unterstand. Die Soldaten verstecken sich im Bunker. Ihor rennt über ein verschneites Feld. 400 Meter bis zur Strasse. Er springt auf die Ladefläche des weissen Trucks, greift nach seiner Kalaschnikow. Ruslan startet den Motor. Bloss weg hier.