Blick beim Supervulkan in Neapel – Behörden scheitern mit Evakuierungsübung
«Die grösste Katastrophe ist unser Katastrophenschutz»

Der Supervulkan unter den Campi Flegrei im Golf von Neapel löst vermehrt Erdbeben aus, zuletzt vor zwei Wochen. Würde er ausbrechen, könnte er ganz Europa verwüsten. Die lokalen Behörden sind schon jetzt überfordert.
Publiziert: 03.06.2024 um 00:22 Uhr
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Aktualisiert: 03.06.2024 um 14:00 Uhr
Laura Iovinelli ärgert sich über die Behörden in Pozzuoli: «Wir mussten selbst schauen, wie wir uns in Sicherheit bringen.»
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Helena SchmidReporterin

Gehen die Neapolitaner durch die Strassen von Pozzuoli, einem Hafenstädtchen in der Metropolitanstadt Neapel, spüren sie den bedrohlichen Atem des Vulkans unter ihren Füssen. Der Boden hebt sich unweigerlich aus dem Meer. Ins Hafenbecken fliesst kaum noch Wasser. Die Fassaden der alten Häuser des Städtchens bröckeln. Immer wieder bebt die Erde. Vor zwei Wochen so stark wie seit 40 Jahren nicht mehr.

Unter den Campi Flegrei, den Phlegräischen Feldern, brodelt ein Supervulkan im Westen des Golfes von Neapel direkt unter Pozzuoli mit 80’000 Einwohnern. «Wir wissen, dass etwas aus dem Erdinnern hochsteigt – deshalb wölbt sich der Boden und wir erleben intensivere Erdbeben», erklärt Giuseppe Luongo (86), Professor für Vulkanologie, der selbst in Pozzuoli lebt.

Es könnte die Magmakammer des Vulkans sein, die sich füllt. Das wisse man aber nicht auf sicher. Der Vulkanologe wählt seine Worte vorsichtig: «Momentan haben wir keine konkreten Hinweise, dass ein Ausbruch der Campi Flegrei in absehbarer Zeit bevorsteht», betont er.

«Katastrophenschutz funktioniert nicht überall»

Doch die Forschung zeigt auch: Würde der Supervulkan ausbrechen, könnte das weit über die Landesgrenzen hinaus für Verwüstung sorgen. Viele der Menschen in Pozzuoli stehen der Gefahr fatalistisch gegenüber. «Wenn es einen grossen Ausbruch gibt, seid auch ihr in der Schweiz nicht sicher», sagt ein älterer Herr auf der Terrasse einer Bar am Corso della Repubblica, im Zentrum des Städtchens.

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Am Montagabend, 20. Mai, erlebt Pozzuoli am Golf von Neapel das stärkste Erdbeben seit über 40 Jahren.

Die lokalen Behörden verweisen auf ihr Evakuierungskonzept. Im Falle eines Ausbruchs würde die höchste Stufe 3 ausgelöst. Letzten Donnerstag sollte eine der grössten Evakuierungsübungen durchgeführt werden. Doch sie wurde kurzfristig abgesagt.

Stadtrat Giacomo Bandiera (62) erklärt: «Schon bei den jetzigen Erdbeben erleben wir, dass der Katastrophenschutz nicht überall funktioniert.» Man wolle die Zeit lieber nutzen, um diese Lücken zu schliessen.

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Bewohner verzweifelt: Aufnahmen zeigen Beben und Verwüstung in Pozzuoli(01:59)

«Evakuierungsplan wäre verheerender als Ausbruch»

«Besser so», findet Vulkanologe Luongo: «Der Evakuierungsplan der Behörden hätte wohl verheerendere Folgen als der Vulkanausbruch selbst!»

Der Professor kritisiert einerseits, dass der Evakuierungsplan 72 Stunden Zeit vorsehe: «In dieser Zeit könnte der Ausbruch schon stattgefunden haben.» Und, dass die Evakuierten ins Zentrum von Neapel gelenkt werden: «Genau in der Richtung des Windes, der Asche und Vulkangestein trägt!»

Nach dem Erdbeben vor zwei Wochen versuchten viele Bewohner von Pozzuoli, eigenständig mit dem Auto zu flüchten. Die Strassen waren völlig verstopft, kein Durchkommen. «Die Behörden haben uns im Stich gelassen», sagt Laura Iovinelli, wild gestikulierend auf dem Trottoir vor ihrem abgesperrten Haus: «Wir mussten selbst schauen, wie wir uns in Sicherheit bringen sollen. Es ist reiner Zufall, dass niemand gestorben ist.»

70 Häuser wegen Einsturzgefahr evakuiert

Die Neapolitanerin wohnt zurzeit bei einer Freundin. Ihr Haus wurde nach dem Erdbeben evakuiert, weil es einstürzen könnte. So wie über 70 weitere Gebäude. «Wir leben auf einem Vulkan – doch die grösste Katastrophe ist unser Katastrophenschutz», ärgert sie sich.

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Wenige Hundert Meter weiter patrouilliert der Zivilschutz an einem provisorischen Stützpunkt, der nach dem letzten Erdbeben errichtet wurde. Uniformierte sitzen auf Plastikstühlen vor den blauen Zelten, rauchen, warten. «Hier dürfen sich die Bewohner melden, wenn sie sich nicht sicher fühlen», erklärt Stadtrat Bandiera. Doch das Beben ist vorbei, die Zelte sind leer. Wie lange sie hier bleiben werden – ungewiss.

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Ihr Haus wurde erst kürzlich evakuiert: Laura Iovinelli ärgert sich über die Behörden in Pozzuoli: «Wir mussten selbst schauen, wie wir uns in Sicherheit bringen.»

Pozzuolis Häuser sind überwiegend mit gelbem Tuff gebaut, einem Vulkangestein, das in der Region sehr verbreitet ist. Tuff besteht überwiegend aus Asche, isoliert gut, ist aber weicher als Beton.

Kein Geld für Sanierung

Immobilienmakler Giuseppe Urso serviert Espresso in seinem fensterlosen Büro im Stadtzentrum. «Viele Häuser hier sind alt und wurden seit Jahrzehnten nicht renoviert», erklärt er. Die Strukturen seien wegen der wiederkehrenden Erdbeben beschädigt. «Doch die Regierung gibt uns kein Geld für eine grossflächige Sanierung, zahlt nur Beiträge an den Wiederaufbau kaputter Häuser», so Urso.

Auf einem Plateau im Südwesten von Pozzuoli ragt ein verlassenes Quartier über die Dächer der Altstadt. Ein Sinnbild des Versagens lokaler Behörden. Nach einer Serie von Erdbeben in den 1980er-Jahren wurden diese Häuser evakuiert. Die Regierung sprach Millionenbeiträge für die Sanierung, die bis heute andauert. Zwei Drittel der Häuser sind längst fertig. Doch sie gehören niemandem, stehen nicht zum Verkauf. Und so bedeckt eine dicke Staubschicht die unberührten Fenster und Türgriffe.

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«Wir haben Angst, dass die Stadt genauso ausstirbt, wie dieses Quartier hier», sagt Angelo Greco, Fotograf aus Pozzuoli. Die lokale Wirtschaft leidet. Die Terrassen der Restaurants am Corso della Repubblica – selbst am Abend – überwiegend leer.

Ärger wegen Schweizer Doku

Einige Einwohner machen Journalisten für die ausbleibenden Touristen verantwortlich. Kurz vor dem Erdbeben hat das Schweizer Fernsehen in seiner italienischen Ausgabe über die Campi Flegrei berichtet. Jeder hier kennt die Doku, die viele Neapolitaner verärgert. «Sensationslustig und unwissenschaftlich» sei sie.

«Die Filmemacher bauschten das sehr unwahrscheinliche Szenario eines grossen Ausbruchs auf, was viele Menschen verängstigt hat», erklärt der Vulkanologe Guiseppe Luongo. Er appelliert für mehr Vertrauen in die Wissenschaft: «Wir überwachen die Vulkane akribisch.»

Doch die Experten rapportieren die Daten in erster Linie den Behörden, die entscheiden, was kommuniziert, wie reagiert und ob evakuiert wird. Und die abgesagte Evakuierungsübung verdeutlicht: Solange Pozzuoli weiter mit den Problemen der Vergangenheit kämpft, fehlt es an Energie, sich für die möglichen und weitaus grösseren Katastrophen der Zukunft zu rüsten.

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