Bardella und Maréchal erobern junge Wähler
Die neuen Stars der französischen Rechten

Ein mögliches Bündnis zwischen Jordan Bardella und Marion Maréchal könnte die französische Rechte neu formieren und die politische Machtbalance des Landes beeinflussen. Eine Analyse zur verworrenen politischen Situation in Frankreich.
Publiziert: 11.06.2024 um 17:31 Uhr
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Jordan Bardella rief bereits am Montag zu einer Union der Rechten im Hinblick auf die Parlamentswahlen am 30. Juni und 7. Juli auf.
Richard Werly

Lange waren Marine Le Pen (55) und Eric Zemmour (65) die grossen Persönlichkeiten der französischen extremen Rechten. Das ist wohl passé. Denn nun treten zwei junge Stars auf den Plan, die die politische Landschaft Frankreichs entscheidend verändern können: Jordan Bardella (28) und Marion Maréchal (34).

Bardella, der bei den Europawahlen in Frankreich als Spitzenkandidat des Rassemblement National antrat, erzielte mit 32 Prozent der Stimmen das höchste Ergebnis seiner Partei. Maréchal, die Enkelin von Jean-Marie Le Pen, holte weit abgeschlagen nur 5,4 Prozent als Spitzenkandidatin für die andere radikale rechte Partei. Sie könnte aber für die französische Rechte Entscheidendes vollbringen: alle konservativen Kräfte im Land zu vereinen.

Die Republikaner (LR), die Partei der traditionellen Rechten (7,2 Prozent bei den Europawahlen), befinden sich nach der Neuwahlen-Entscheidung Emmanuel Macrons, in einer sehr komplizierten Lage. Die Frage, ob sie sich mit der extremen Rechten verbünden soll oder nicht, stellt die Partei vor eine Zerreissprobe.

Beide bringen die Jugend nach rechts

Vor einer Zerreissprobe steht aber auch die extreme Rechte selbst: Bardella ist Marine Le Pens designierter Kandidat für das Amt des Premierministers, falls der RN eine Mehrheit der Sitze in der Nationalversammlung erringen sollte. Er ist auch der Vorsitzende der Partei.

Vor allem aber ist er deren populärste Figur, insbesondere bei der Jugend. 39 Prozent der Wähler zwischen 18 und 25 Jahren stimmten am Sonntag für die Bardella-Liste. Der RN wird auch über dreissig Europaabgeordnete verfügen, eine schöne politische Schlagkraft für eine solch junge Partei.

Marion Maréchal befindet sich in einer ganz anderen Position. Sie war die natürliche Erbin des Le-Pen-Clans. Marine ist ihre Tante. Ihre Mutter Yann ist die Schwester der RN-Chefin. Marion war zwischen 2017 und 2022 Mitglied des französischen Parlaments, bevor Jordan Bardella auf die Bühne drängte. Danach entschied sie sich, die Nationalversammlung zu verlassen, um sich ihren beiden Töchtern Olympe und Clotilde zu widmen. Das Institut für die Ausbildung politischer Führungskräfte, das sie in Lyon aufgebaut hatte, kam nicht richtig in Gang. Ihr neues politisches Leben begann mit ihrer Unterstützung für den Polemiker Eric Zemmour im Präsidentschaftswahlkampf 2022. Sehr zum Missfallen von Tante Marine.

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Die italienische Verbindung

Jordan und Marion haben aber auch viel gemeinsam. Ersterer stammt aus einer italienischen Einwandererfamilie in einem Pariser Vorort. Maréchal lebt mit Vicenzo Sofo zusammen, einem italienischen Europa-Abgeordneten der Partei Fratelli d'Italia, der Gruppierung von Premierministerin Giorgia Meloni. Marion Maréchal ist ausserdem momentan im Streit mit Parteigründer Eric Zemmour und seiner Lebensgefährtin Sarah Knafo (am Sonntag zur Europaabgeordneten gewählt), die ihr vorwarfen, keine gute Kampagne zu führen. Der Zeitpunkt für eine starke Geste ist günstig.

Der RN ist auf der rechten Seite nicht zu übersehen. Sie hat in fast allen französischen Departements die Nase vorn. Die von Zemmour gegründete Partei «Reconquête» ist viel kleiner. Sie spricht eher die Eliten der gleichzeitig sehr konservativen und sehr liberalen Rechten an. Jordan verkörpert die populäre und junge Rechte. Marion ist die Rechte der Werte und des Geldes.

Warum sollten sie nicht gemeinsame Sache machen?

Bisher ist noch nichts entschieden. Ein erstes Treffen zu dritt fand am Montag, 10. Juni, in Anwesenheit von Marine le Pen statt, aber ohne Eric Zemmour, dem Jordan Bardella vorwirft, ihn angegriffen zu haben. Bardella, der eine Zeit lang einer anderen Enkelin Le Pens nahestand, ist ein wenig Teil des Clans. Dieser Clan mag Zemmour nicht, der hingegen die Gunst des Patriarchen Jean-Marie Le Pen genoss. Das Ergebnis der Gespräche ist bislang, dass es kein nationales Abkommen zwischen den beiden rechtsextremen Gruppierungen gibt, sondern Vereinbarungen von Fall zu Fall.

Telegen und medienwirksam

Ein Bündnis zwischen Jordan und Maréchal wäre sowohl telegen als auch medienwirksam. Sie würde es Marine Le Pen ermöglichen, junge Menschen für sich zu gewinnen. Vor allem aber würde sie den Rest der Rechten in die Zange nehmen, denn Marion Maréchal ist im Süden sehr gut verankert, wo sie 2015 vergeblich versuchte, den Vorsitz der Region Provence-Alpes-Côte d'Azur zu erobern.

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Sie könnte auch als Bindeglied zur Italienerin Giorgia Meloni fungieren, die sehr schlechte Beziehungen zu Marine Le Pen (Verbündete von Matteo Salvini, dem Chef von La Lega) unterhält. Marion als Abgesandte. Jordan als Chef. Dieses Tandem hat das Zeug dazu, den Rest der französischen Rechten in Angst und Schrecken zu versetzen.

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